Es ist »der größte Betrugs­skandal, den es bisher im euro­päi­schen Fuß­ball gegeben hat« (UEFA-Spre­cher Peter Lima­cher) und ein Mann ist wieder ganz vorne mit dabei. Ante Sapina. Die deut­sche Fuß­ball-Öffent­lich­keit kennt den Mann mit den kroa­ti­schen Wur­zeln spä­tes­tens seit dem Skandal um Schieds­richter Robert Hoyzer als Draht­zieher einer orga­ni­sierten Betrü­ger­bande, die mit ver­scho­benen Fuß­ball-Spielen Mil­lionen erbeu­tete. Jetzt, immer noch auf Bewäh­rung, soll Ante Sapina erneut zur Füh­rungs­bande gehören, der die Staats­an­walt­schaft Bochum gewerbs­mä­ßigen Betrug bei Fuß­ball-Wetten vor­wirft. Mehr als 200 Spiele in Europa sollen betroffen sein. Wer ist der Mann, der Europas Fuß­ball in seinen Grund­festen erschüt­terte?



Kon­krete Infor­ma­tionen aus dem Bekann­ten­kreis bekommen Jour­na­listen dieser Tage nicht. Im berühmt-berüch­tigten »Café King« in Berlin-Char­lot­ten­burg, geht nie­mand ans Telefon. Der Name des Wett­lo­kals galt wäh­rend des Hoyzer-Skan­dals als Syn­onym für den geplanten Betrug im deut­schen Pro­fi­fuß­ball. Als Betreiber ist Milan Sapina, der älteste der drei Sapina-Brüder, ein­ge­tragen. Auf der Home­page koket­tiert der Besitzer mit dem frag­wür­digen Ruf der Loka­lität: »Sie stehen davor und denken: Ach, sieh mal einer an, das ist also das berühmte Café King! Treten sie doch bitte ein…«

Er ist immer noch auf Bewäh­rung

Auch Steffen Karl, im Hoyzer-Betrug Mit­tels­mann für Sapina, will sich zu seinem eins­tigen »Geschäfts­partner« nicht äußern. Karl ließ sich, gemeinsam mit seinem Mit­spieler Marcus Ahlf, als Ver­tei­diger des Chem­nitzer FC für ein Spiel gegen Hol­stein Kiel schmieren, und soll anschlie­ßend »das Geld zu Recht bekommen« haben (Sapina). Auf Anfrage von 11FREUNDE sagt Karl: »Ich habe einen Fehler gemacht, und wurde dafür bestraft. Zu diesem Thema möchte ich nichts mehr sagen.« Die bio­gra­fi­schen Details zu Ante Sapina sind dürftig. Allein seine Zeu­gen­aus­sagen vor dem Gericht dienen als Hin­weise auf Her­kunft und Sozia­li­sa­tion. Ein klares Profil lässt sich damit schwer­lich zeichnen.

1979 wohl in Duis­burg als Sohn kroa­ti­scher Eltern geboren, soll Sapina mit 19 Jahren das große Licht auf­ge­gangen sein. »Es machte mehr Spaß, sich Spiele anzu­sehen, wenn man auf sie gewettet hatte.« Das Geld für die ersten Wetten ver­dient sich der junge Sportfan als Mit­ar­beiter der Spiel­au­to­ma­ten­firma seines Bru­ders Milan, als Fuß­baller für den Ber­liner Ama­teur­klub CD Croatia und Schnee­schieber in der win­ter­li­chen Haupt­stadt.

Spiel­au­to­maten und Schnee­schieber


Das erste große Geld macht der ein­ge­schrie­bene Stu­dent 2000, als er zu Sai­son­be­ginn der Bun­des­liga 50.000 D‑Mark auf die Meis­ter­schaft von Bayern Mün­chen setzt und nach dem dra­ma­ti­schen letzten Spieltag – den die Mün­chener doch noch als natio­naler Meister beenden – um 100.000 D‑Mark rei­cher ist. Der Ein­stieg als »High Roller«, unter Pro­fi­zo­ckern quasi die Eli­te­liga, ist per­fekt.

In der Folge ver­schleu­dert der junge Ber­liner Unsummen, ver­dient sich aber gleich­zeitig eine gol­dene Nase. Monat­lich, so erklärt er 2005 dem Gericht, habe er bis zu 400.000 in Sport­wetten inves­tiert. »50.000 oder 60.000 Euro waren kein hoher Wett­ein­satz«, bestä­tigte Sapina bereits 2005. In der Folge reißen sich die großen Lot­te­rien um den Duka­te­nesel aus Char­lot­ten­burg. Als er bei einer ver­lo­renen Wette 300.000 Euro in den Sand setzt, über­bringt ihm ein Oddset-Mit­ar­beiter »schöne Grüße« und als Trost­pflaster einen Kugel­schreiber plus Feu­er­zeug. In der Haupt­stadt ist er bald bekannt wie ein bunter Hund. »In Ber­liner Wett­büros durfte ich nicht mehr spielen. Man wusste, wenn einer in der Stadt groß abge­räumt hat, bin meis­tens ich das gewesen.«

Ein gewisses Talent für das Spiel mit Zahlen und Quoten darf man Sapina tat­säch­lich anrechnen. Nach dem »Geständnis des Wett­paten« (spiegel-online vom 20. Oktober 2009) zeich­nete Jour­na­list Mike Glind­meier jeden­falls das Por­trait des lei­den­schaft­li­chen Zockers. »Über­haupt scheint sich sein ganzes Leben nur um Wetten zu drehen. Der ehe­ma­lige Stu­dent […] kann sich in seinen Aus­füh­rungen über die von ihm mani­pu­lierten Spiele an jedes noch so kleine Detail erin­nern. Wo er an wel­chem Tag wel­chen Wett­schein abge­geben hat. Dass das Tor zum Aus­gleich von St. Pauli in Braun­schweig von Hoyzer wegen angeb­lich zu hohen Beins [..] aberkannt wurde. […] All diese Angaben spuckt er aus, wie ein Com­puter.«

»Das Geständnis des Wett­paten«

Ein gewisses mani­sches Ver­halten lässt sich nicht ver­bergen. Unter anderem wird sein maka­bres Ver­halten öffent­lich, Quit­tungen von beson­ders hohen Wett­ver­lusten in seinem Bett­kasten auf­zu­be­wahren. Und tat­säch­lich befindet der Psy­cho­loge Dr. Werner Platz im Zuge des Hoyzer-Pro­zesses über seinen Pati­enten Ante S.: Er ist spiel­süchtig. Was diesen zu einem »patho­lo­gi­schen Spieler« und damit ver­min­dert schuld­fähig macht. Seit 1990 ist Spiel­sucht eine in Deutsch­land aner­kannte Krank­heit. Vor allem aber scheint Sapina das Geschick, die Orga­ni­sa­ti­ons­kraft und nicht zuletzt die kri­mi­nelle Energie zu haben selbst als Frei­gänger und Straf­täter auf Bewäh­rung wei­terhin ein euro­pa­weites Netz­werk der Spiel­ma­ni­pu­la­tion zu führen. Von seinen Freunden wird Sapina ehr­fürchtig »der Navi­gator« gerufen. Das zwie­lich­tige Spiel aus Bestechung, Anbie­dern, Bedro­hung und Über­re­dungs­kunst hat Sapina in den ver­gan­genen Jahren offenbar so gut gespielt, wie kein anderer.

»Ich bin ein Zocker«, sagte Ante Sapina im Pro­zess vor vier Jahren, »und Hoyzer ist nun mal geld­geil.« Eine gefähr­liche Allianz und die gegen­wär­tige Debatte um den »größten Betrugs­fall im euro­päi­schen Fuß­ball« zeigt, dass es viele Robert Hoyzers in der Welt des Fuß­balls gibt. Reich­lich Nähr­boden für den »Navi­gator«, der vor Gericht in Bezug auf den von ihm so leicht mani­pu­lierten Schieds­richter ein kroa­ti­sches Sprich­wort bemühte: »Man muss einen Frosch auch nicht über­reden, ins Wasser zu springen.« Eine Meta­pher, die nun wieder brand­ak­tuell ist.