Früher war mehr Hys­terie. Mehr Auf­re­gung. Mehr Schnapp­at­mung.
 
Wenn der HSV mal wieder einen Trainer ent­ließ und einen anderen ein­stellte. Wenn ein ehe­ma­liger bester Spieler Brasiliens/​Schwedens/​Serbiens mal wieder das Tor aus zwei Metern nicht traf. Wenn der Auf­sichtsrat wohl­klin­gende Namen in die Welt posaunte, von Bei­nahe-Spie­lern, Bei­nahe-Trai­nern, Bei­nahe-Sport­di­rek­toren, die schon den Stift auf den Ver­trag gelegt hatten, es dann sich dann aber doch noch mal anders über­legten. Oder wenn es die feinen Anzug­trä­gern mit ihren 83er-HSV-Steck­na­deln am Revers, ent­schieden, dass jemand mit zer­schlis­senen Jeans nicht nach Ham­burg passe.

Jetzt kann nur noch Jan Furtok helfen!“

Dann wüteten sie in meinen HSV-WhatsApp-Gruppen. Wenn ich mor­gens auf mein Handy blickte, sah ich dort 362 oder 476 oder 1498 neue Nach­richten: Jetzt steigen wir ab!“, stand da. Jetzt werden wir Meister!“, Jetzt kann nur noch Jan Furtok helfen!“ oder Ist doch alles scheiße! Bier?“

Ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Viel­leicht auch tot. Mir bluten Ohren und Augen. Als hätte ich die letzten acht­zehn Wochen mit dem Hör­burch Hartmut Engler liest die Bio­grafie von Jürgen Drews“ in Dau­er­schleife ver­bracht.
 
Früher, Mitte der Acht­ziger, fand ich Nie­der­lagen ziem­lich schlimm, ich weinte in meine HSV-Bett­decke und blickte auf die Gesichter von Uli Stein und Ditmar Jakobs und weinte noch mehr. Dann war ich eine zeit­lang hoff­nungs­froh, Jan Furtok, Thomas Doll, Europa, der HSV war wieder da. Dann war ich mal wütend. Ich wet­terte und schimpfte über Ent­schei­dungen, Aus­wechs­lungen, Ein­wechs­lungen, Trans­fers, et cetera. Dann ging es mal wieder auf­wärts, schließ­lich wieder abwärts. In der Rele­ga­tion der ver­gan­genen Saison war ich so ange­spannt, da gab es keinen Raum mehr für Wut und Trau­rig­keit. Ich schaute das Rück­spiel gegen Fürth in einer Flug­ha­fen­lobby und krallte meine Hände in einen Leder­sessel, wäh­rend um mich herum Men­schen ihre Smart­phones nach neuen Kat­zen­vi­deos durch­suchten. Der HSV hielt die Klasse, mit lächer­li­chen 27 Punkten, fünf Nie­der­lagen zum Sai­son­ende und ohne echten Sieg in der Rele­ga­tion. Ich hätte mich am liebsten auf die Lan­de­bahn gelegt, so müde war ich.

Irgend­wann schien alles egal
 
Doch es ging wieder auf­wärts. Es kamen der Sommer, Herbst, Winter und das Früh­jahr. Es kamen Mirko Slomka, Joe Zinn­bauer, Peter Knäbel. Und irgend­wann wurde ich wieder müde. Und es wurde noch schlimmer, denn irgend­wann schien alles egal. In der Ferne ver­nahm ich zuletzt noch den Namen Thomas Tuchel. WhatsApp infor­mierte mich: Jetzt werden wir Meister!“ Ach, ja. Bzw.: Ach, nein, Tuchel kam doch nicht, dafür Bruno Lab­badia. Der spielte Ende der Acht­ziger beim HSV, der war Trainer zwi­schen 2009 und 2010 und wurde ent­lassen, als der Klub auf Platz 7 und im Halb­fi­nale der Europa League stand.

Man kann nun wieder herr­lich lachen über den HSV. Es über die Maßen amü­sant finden, dass ein Klub die ewig glei­chen alten Geister reak­ti­viert, die irgend­wann mal ganz in Ord­nung waren und dem Klub bes­sere Zeiten bescherten. Es war immer schon so. Jörg Albertz holte der Verein mal aus Glasgow zurück. Thomas Doll aus Bari. Rafael van der Vaart aus London. Ivica Olic aus Wolfs­burg. Good ol’ days, aber leider bad ol’ players, die sich über den Rasen schleppten wie 100-jäh­rige Was­ser­büffel. Aber mit Felix Magath, Martin Jol oder Huub Ste­vens wäre bestimmt alles gut geworden. So wie mit Dietmar Bei­ers­dorfer. Was macht eigent­lich Jan Furtok?
 
Vor lauter Müdig­keit greift man zu schlechten Filmen und schlauen Büchern. Da ist zum Bei­spiel Jean Baudril­lard, ein schlauer Phi­lo­soph, der die ewige Rück­wärts­ge­wandt­heit in Le Sys­tème des objets“ Ende der Sech­ziger als die Vor­liebe des Men­schen nach dem Alten und Authen­ti­schen beschrieben hat. Als ewiges Streben nach dem Mythos des Ursprungs“, nach dem Guten und dem Schönen. Als hätte er vom HSV geschrieben. Der Klub, der seit Jahren U‑Turn um U‑Turn macht, um irgendwo auf der Land­straße ver­lo­rene Söhne ein­zu­sam­meln, die irgend­wann mal ganz gut spielten im Volks­park. Blöd nur, dass all die anderen Teams seit Jahren mit Vollgas auf der Auto­bahn-Über­hol­spur vor­bei­fahren.

Aber auch das: Egal. Ermü­dend. Aus. Vorbei.

Zumin­dest bis in ein paar Stunden. Bis um 15.30 Uhr. Nord­derby. Ich werde meine Hände in ein Sofa krallen – und vor dem Anpfiff eine Nach­richt an eine WhatsApp-Gruppe schi­cken: Bruno wird uns retten! Bier?“