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Es tut mir leid. Ich kann mich nicht für ein Tor ent­scheiden. Es fällt mir so schwer, als müsste ich mich für die beste Folge von The Wire“ ent­scheiden, das beste Solo von John Col­trane oder das beste Glas Auchentoshan“-Whisky aus ein und der­selben Fla­sche. Des­wegen wähle ich sie alle. Alle Tore von Socrates.

Ach, Socrates. Bra­si­lia­nischster Bra­si­lianer. Welt­bra­si­lianer. Uni­ver­saler Bra­si­lianer. Ewige Sym­bol­figur für eine Zeit, da Fuß­ball noch keine Dis­zi­plin der Leicht­ath­letik war. Keine Wer­be­un­ter­bre­chung. Auch keine Wis­sen­schaft. Son­dern Kunst. Für nichts gut, außer für sich selbst.

Und jedes seiner Tore war ein Pin­sel­strich in einem nie­mals trock­nenden Fresko, ein Buch­stabe in einem kon­ti­nu­ier­li­chen Gedicht, eine Note, die nachts um halb vier auf eine Weise aus dem Saxo­phont­richter perlt, dass die Leute nur wegen ihr beschließen, nie wieder nach Hause zu gehen. 

Socrates trug seinen Namen so mühelos, als hieße er Bernd

Socrates: Welche Last seine Eltern ihm mit diesem Namen auf­ge­bürdet haben! Und er trug sie so mühelos, als hieße er Bernd. Welche Anmut! Stirn­band umbinden, Voll­bart stehen und die Stutzen hängen lassen – und dann hinaus laufen in die ewige Sonne der Acht­ziger Jahre, gewinnen oder ver­lieren, war das nicht egal? Socrates war gran­dios, auch im Schei­tern. Er wurde nie­mals Welt­meister. Guido Buch­wald schon. 

Schön ist es nicht, aber ich muss es erwähnen: Socrates hing an der Fla­sche. Er konnte sich auch nicht ent­scheiden, wel­ches Glas denn jetzt das beste sei. Des­wegen trank er sie alle, schon wäh­rend seiner Kar­riere. Den Preis zahlt er heute: Leber­zir­rhose, Magen­blu­tungen. Es steht nicht gut um Socrates.

Ein Dino­sau­rier, der in sein eigenes Aus­sterben hin­ein­horcht

Der Voll­bart ist längst licht, das Stirn­band ver­gilbt. Wie ein Dino­sau­rier sitzt Socrates in Sao Paolo und horcht in sein eigenes Aus­sterben hinein. Und das des Fuß­balls, den er einst spielte. Es ist ein Jammer. Diesmal wäre es nicht egal, wenn er ver­lieren würde.

Nost­algie, so heißt es, ist die Trauer dar­über, dass etwas nicht mehr so ist, wie es nie­mals war. Denke ich an Socrates, werde ich also kei­nes­wegs nost­al­gisch. Denn es gab ihn ja wirk­lich: den Riesen, der keine Technik besaß, weil er keine brauchte. Er sprach mit dem Ball. Der Ball sprach mit ihm. 

Wie damals, bei der WM 1982, eines Som­mer­abends in Sevilla. Bra­si­lien-UdSSR 2:1, Aus­gleich durch Socrates in der 75. Minute. Wenn ich ein Tor aus­wählen müsste, dann wäre es wohl dieses.

Nein, nost­al­gisch werde ich nicht. Aber traurig. Es ist nicht mehr so, wie es damals war. Auf Wie­der­sehen, Socrates.

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