Seite 2: Das Erbe von Johan Cruyff

1973 ver­ließ Cruyff Ajax im Streit, seine vom nicht gerade umgäng­li­chen Genie genervten Kol­legen hatten ihn als Mann­schafts­führer abge­wählt. Also folgte Cruyff seinem Lands­mann Rinus Michels, der sich anschickte, den FC Bar­ce­lona zu revo­lu­tio­nieren. 14 Jahre hatte der stolze Klub keine Meis­ter­schaft mehr feiern können. Cruyff brachte nicht nur den Titel, son­dern einen Fuß­ball, der die immer schon ambi­tio­nierte Spielart der Kata­lanen zu einer Kunst­form ver­wan­delte. Die Fans dankten es ihm und ver­passten ihm einen pas­senden Spitz­namen: El Sal­vador“ – der Erlöser.

Krieg gegen alles Häss­liche dieser Welt

Im selben Jahr, 1974, schickte sich der Spiel­ma­cher an, auch den Rest der Welt zu erobern. Der Voetbal total, auf der Bühne Welt­meis­ter­schaft dar­ge­boten, war eine Offen­ba­rung. Bis dahin hatten viele Zuschauer nicht mal geahnt, dass elf Spieler so mit einem Ball umgehen können. Der totale Fuß­ball verlor zwar die Schlacht im Finale gegen die Deut­schen, nicht aber den Krieg gegen alles Häss­liche in diesem Sport. Wie eine sich langsam aus­brei­tende Reli­gion zog dieser auf bedin­gungs­lose Offen­sive set­zende Spiel­stil seine Kreise und Johan Cruyff, ket­ten­rau­chender Lebe­mann, war sein erster Mis­sionar.

Schon ein Jahr nach dem Ende seiner aktiven Kar­riere 1984 tauchte er wieder an der Sei­ten­linie auf. Fische brau­chen Wasser, Säu­ge­tiere brau­chen Sauer­stoff, die Cru­yffs dieser Welt, brau­chen den Fuß­ball. Cruyff wurde Trainer bei seiner alten Liebe Ajax und machte den totalen Fuß­ball noch totaler. Die Idee, eine bestimmte Idee des Spiels schon in den Jugend­mann­schaften zu pro­pa­gieren, reifte unter seine Ägide, die bis zu seinem Abgang 1988 Spieler wie Marco van Basten, Frank Rij­kaard oder Dennis Berg­kamp her­vor­brachte.

Genü­gend Cruyff in der DNA des Welt­fuß­balls

Cruyff ging nach Bar­ce­lona und formte das Dream Team“, jene fast schon mythi­sche Mann­schaft um Ronald Koeman, Hristo Stoitchkov und einen gewissen Pep Guar­diola, die 1992 den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister gewann – übri­gens das erste Mal in der Ver­eins­ge­schichte. Als er 1996 seine Tätig­keit in Bar­ce­lona und damit seine Trai­ner­lauf­bahn been­dete, war genü­gend Cruyff in die DNA des Fuß­balls über­ge­gangen. Der liebe Fuß­ball-Gott hatte seinen Abkömm­ling auf die Reise geschickt und der hatte abge­lie­fert. Viele seiner Jünger, Pep Guar­diola einer von ihnen, führen seine Arbeit bis heute fort.

Nach 68 Jahren war diese Reise beendet. Johan Cruyff ist tot, seinen Ver­lust gilt es zu betrauern. Doch sein Ver­mächtnis vom total totalen Fuß­ball, der den Grund­ge­danken, dass dieses Spiel ein schönes, kein häss­li­ches ist, bleibt bestehen. Und das ist etwas, über das man sich bei aller Bestür­zung über den zu frühen Tod von Johan Cruyff freuen darf.