Was sagt es eigent­lich über einen Fuß­baller aus, wenn er als sein Vor­bild Filippo »Pippo« Inz­aghi angibt? Inz­aghi, jenen lauf­faulen, ita­lie­ni­schen Angreifer, bei einem Groß­teil der Fuß­ball­welt wegen seiner Thea­tralik ver­hasst, wegen seiner chro­ni­schen Fall­sucht von den Schieds­rich­tern ver­dammt, für seinen eis­kalten Tor­rie­cher von den Milan-Fans ver­göt­tert . Wer hat schon Inz­aghi, diesen Schummler, als Vor­bild, wenn es doch all die Henrys, die Ronaldos, die Gerd Mül­lers da draußen gibt? All die Ball­vir­tuosen, auf die man sich einigen kann, weil sie dem Fuß­ball jene Schön­heit ver­leihen, die einen Jauchzen lässt beim Gedanken an Final­tore, Über­steiger, Emo­tionen. Jauchz.

Der beste Stürmer Deutsch­lands


Michael Thurk, Stürmer des FC Augs­burg, hat Filippo Inz­aghi als Vor­bild und weiß auch warum: »Wir sind beide Schlitz­ohren«, grenzt Thurk den größten gemein­same Nenner zwi­schen ihm, dem erfolg­reichsten Angreifer der Zweiten Liga (19 Tore in 20 Spielen) und dem Rekord­an­greifer der Cham­pions League ein. Man mag es für Grö­ßen­wahn halten, aber irgendwie hat er nicht ganz unrecht. Auch Thurk schleicht des Öfteren wie unbe­tei­ligt über das Spiel­feld und ist dann in dem einen Moment da, in dem er gebraucht wird. Vor allem im Straf­raum, denn da fühlen sich beide am wohlsten. Schlei­chen, Sprinten, Fuß hin­halten, Tor. Es kann ganz ein­fach sein, bei Inz­aghi und bei Thurk – Pippo light sozu­sagen. In dieser Saison läuft es scheinbar beson­ders ein­fach, denn der­zeit ist Thurk der treff­si­cherste Angreifer im deut­schen Profi-Fuß­ball – vor Kieß­ling, vor Bar­rios und vor Kuranyi. Seine Treff­si­cher­heit ließ jüngst sogar geg­ne­ri­sche Trainer zu Jubel­arien ansetzen.

»Thurk muss zur WM!«

30. Januar 2010: Soeben hat Michael Thurk mit zwei Toren den Auf­stiegs­kon­kur­renten Arminia Bie­le­feld im Allein­gang auf Distanz gehalten. Als er kurz nach dem Abpfiff Bie­le­felds durchaus auf­brau­senden Trainer Thomas Gerstner trifft, raunt dieser Thurk zu: »Vor­sicht, ich habe Dich gelobt.« Das kann man wohl sagen, denn kurz zuvor hatte Arminen-Trainer den Jour­na­listen die Schlag­zeile des Wochen­endes in die Blöcke dik­tiert: »Man muss ganz ein­fach sagen, dass der FC Augs­burg einen Stürmer hat, der nor­ma­ler­weise mit zur WM fahren müsste: Michael Thurk! Wenn ich Bun­des­trainer wäre, würde ich ihn mit­nehmen.« Thurk muss zur WM! Muss er wirk­lich? »Als ich das gehört habe, musste ich schon ein biss­chen schmun­zeln. Aber ich bin alt genug, um mit so etwas umgehen zu können«, sagt Thurk heute und ergänzt: »Bei mir hat sich Jogi Löw auch noch nicht erkun­digt.« So reicht es auch in dieser Hoch­phase seine Kar­riere wohl wieder einmal nicht für den ganz großen Sprung bei Thurk. Aber kennt er sich aus.

Ein Wechsel zum fal­schen Zeit­punkt


Als Thurks Ver­trag in der Schluss­phase der Saison 2003/04 beim Zweit­li­gisten FSV Mainz 05 nicht ver­län­gert wird, wun­dern sich viele in der Kar­ne­vals­hoch­burg. Immerhin ist Thurk einer der Top­tor­schützen in der Geschichte des FSV, so einen lässt man doch nicht ein­fach so gehen. Doch die Zahlen spre­chen diesmal gegen ihn, denn in den 30. Sai­son­spielen zuvor hatte Thurk kein ein­ziges Mal getroffen – zu wenig für einen Auf­stie­gaspi­ranten.

Kurze Zeit später wird sein Wechsel zum FC Energie Cottbus bekannt, der pikan­ter­weise mit dem FSV Mainz um einen Auf­stiegs­platz ins Ober­haus ran­gelt. Doch wer glaubte, Thurk würde sich nun aus­ruhen, mög­li­cher­weise seine Mit­spieler ablenken, um seinem neuen Klub den Weg in Liga Eins zu erleich­tern, der wurde ent­täuscht. Mit drei Toren in den letzten drei Spielen schoss Thurk die Mainzer in die Bun­des­liga. Zwei davon schoss er sogar beim 3:0 im Auf­stiegs-End­spiel gegen Ein­tracht Trier. Da Cottbus zeit­gleich in ein Form­loch fiel, ver­hin­derte Thurk so indi­rekt den Auf­stieg seines neuen Klubs. Er blieb in Liga Zwei, in Mainz gab es die Party des Jahres. Die Bilder vom heu­lenden Thurk am Mainzer Bruchweg gingen durch die Presse.

Er ver­letzte sich in Cottbus bereits am 11.Spieltag schwer am Knie und kommt in der Lau­sitz nicht wieder auf die Beine. Nur ein halbes Jahr später geht Thurk zurück nach Mainz. Dort zer­stritt er sich aller­dings mit den Ver­ant­wort­li­chen, weil er nur ein Jahr später öffent­lich über den Verein schimpfte, um einen Wechsel in seine Hei­mat­stadt Frank­furt zu for­cieren. Es folgte ein wei­terer Ver­such, in der Bun­des­liga Fuß zu fassen, doch auch bei der Ein­tracht kam Thurk nicht richtig in Fahrt. Seine auf­fäl­ligste Szene hat er, als er von Schalkes Uru­gu­ayer Carlos Groß­müller in einem Bun­des­liga-Spiel gewürgt wird. Groß­müller heißt fortan »Uru-Würger«, Thurk geht im Winter 2007/08 nach Augs­burg.

Ange­kommen in Augs­burg

Und da scheint er nun end­lich ange­kommen zu sein: » Meine Familie und ich haben uns von Beginn an sehr wohl gefühlt beim FCA und in Augs­burg«, sagt Thurk und auch in der Mann­schaft läuft es der­zeit exzel­lent: »Wir haben eine richtig gute Truppe, der Trainer lässt sehr offensiv spielen, so dass wir uns viele Mög­lich­keiten erspielen. Und meine Mit­spieler legen mir viele Bälle auf, die ich dann rein machen kann.« Ein ein­fa­ches Kon­zept, das Thurk mit dem Auf­stieg in die Bun­des­liga krönen will.

Viel­leicht auch mit dem Pokal­sieg, denn immerhin kann der FC Augs­burg mit einem Sieg gegen den 1. FC Köln ins Halb­fi­nale des Wett­be­werbs ein­ziehen. Und dann als Kar­rie­re­hö­he­punkt viel­leicht doch noch zur WM? »Es gibt viele sehr gute deut­sche Stürmer. Ich denke nicht, dass ich in den Pla­nungen von Joa­chim Löw eine Rolle spiele. Außerdem bin ich zu dieser Zeit im Urlaub.« Es geht nach Ägypten, Schnor­cheln am Roten Meer. Und auch da wird Thurk dann wieder ein biss­chen wie sein Vor­bild sein. Denn abtau­chen, dass konnte Pippo Inz­aghi eben­falls beson­ders gut – wenn auch in nur in Straf­raum­nähe.