Es ist Irland. Mitten in Berlin. In dieser Nacht ist der »Kil­kenny Irish Pub« am Hacke­schen Markt so irisch wie viel­leicht noch nie. Über der Theke hängt eine über­di­men­sio­nale Flagge. Grün, weiß und orange. Die Luft ist erfüllt mit dem Geruch von Alko­hol­fahnen und Schweiß. Und alles singt. Das Uefa-Pokal Spiel zwi­schen St. Patrick’s Dublin und Hertha BSC ist seit etwa zwei Stunden beendet. Die Iren haben ver­loren. Doch davon ist hier nichts zu spüren. Die Pats haben ihre vor­über­ge­hende Trau­rig­keit längst in Ber­liner Weiße, Bull­mers und Guin­ness ertränkt. Die wenigen Tränen sind getrocknet.



Nur die Erschöp­fung hat einige bereits zusammen sacken lassen. Die meisten sind seit mehr als 40 Stunden auf den Beinen. Ein Pubcrawl der här­teren Art. Doch jetzt zurück ins Hotel bringt auch nichts mehr. Um halb sechs geht der Flug zurück nach Dublin.

Montag früh waren die ersten der etwa sechs­hun­dert Iren in Berlin gelandet. Mit großen Erwar­tungen. Nicht nur an das Spiel. Berlin, das klang nach Welt­stadt und großem Theater.
»Als wir Hertha zuge­lost bekommen haben, sind bei uns alle aus­ge­rastet«, erzählt Des­mond.
Des­mond, den hier alle nur Des nennen, trägt seine Heimat Dublin in der Stimme. Seit über zwanzig Jahren reist und steht er mit seinen Pats. Er gehört zu den Alt­vor­deren der kleinen Fan­ge­meinde. Sein Haar ist schloh­weiß und fängt etwas weiter hinten an, als noch vor ein paar Jahren, seinen Schnauzer hat Benson&Hedges-Nikotin gelb­lich gefärbt.

Das wich­tigste Spiel seit Celtic – seit zehn Jahren

Auch für Des­mond ist das Auf­ein­an­der­treffen mit Berlin das wich­tigste Spiel seit Jahren. Aber eigent­lich rechnet er anders: Das Spiel gegen Berlin ist das Wich­tigste seit Celtic. Das ist seine Zeit­rech­nung. Und sie zeigt, wie selten die großen Momente in der Geschichte des Ver­eins sind. Vor zehn Jahren, am 22. Juni 1998 trafen die Saints als iri­scher Meister in der Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pions League auf Celtic Glasgow, den schot­ti­schen Spit­zen­klub mit dem iri­schen Herzen. Der Celtic-Park war nahezu aus­ver­kauft und der kleine Verein aus Dublin spielte plötz­lich vor fast 60.000 Zuschauern. »Bei uns in Dublin sind wir manchmal viel­leicht 3.000 und plötz­lich standen wir in diesem Sta­dion. Das war so ergrei­fend«, erzählt Des­mond und die Erin­ne­rung spie­gelt sich in seinen Augen. Damals wie auch diesmal in Berlin galt St. Patrick’s als hoff­nungslos unter­le­gener Außen­seiter. Doch am Ende hatten die Pats den Schotten ein 0:0 abge­trotzt. »Celtic war respektlos. Die dachten, wir wären ein Freilos«, erin­nert sich Des und haut mit der Faust auf dem Tisch. Wieder hat ihn der Fuß­ball gepackt. Er stürzt sein Bier hin­unter und sagt dann noch: »Wenn Berlin so respektlos auf­tritt wie Celtic damals, dann haben wir eine Chance.«

Im »Irish Harp Pub«, der Schwes­ter­kneipe des »Kil­kenny«, in dem sich die Anhänger der Pats vor dem Spiel getroffen haben, herrscht eine Stim­mung wie auf einem Fami­li­en­treffen. Des­mond streicht einem blonden Jungen durch das Haar. Er kennt dessen Vater, und sein Vater kannte dessen Vater. Des schüt­telt sich plötz­lich. Der Puls geht hoch, sagt er. End­lich geht es los.

Wie von einer unver­mit­telt ein­ge­legten Schall­platte schallt es aus Dut­zenden Kehlen: »Red Army. Red Army!« Die rote Armee. So werden die St. Patrick’s Ath­le­tics auf­grund ihrer Tri­kots in Irland genannt. Der iri­sche Tross setzt sich in Bewe­gung. Nächster Halt: Olym­pia­sta­dion. »Red Army.«

In der S‑Bahn stimmt Des­monds Freund Dennis, ein kleiner Mann mit der Statur von Dirk Bach, einen Shanty an. Es ist ein trau­riges Lied. Die ganze S‑Bahn ist stumm. Nur die Stimme des kleinen Iren ist zu hören. Sie klingt nach rauer Küste und harter Arbeit. Die anderen über­nehmen den Refrain. Und wäh­rend aus den Kehlen der etwa fünfzig Hertha-Fans im Abteil kein Laut dringt, stei­gert sich der iri­sche Chorus zu einem flir­renden Kanon, der schließ­lich in die Hymne der St. Patrick’s Ath­letic über­geht: »Oh when the saints.« Die nächsten 90 Minuten wird es durch das Olym­pia­sta­dion hallen. So wie es zuvor durch die Straßen gehallt ist. Die Hei­ligen mar­schieren ein.

Vom Sta­dion ver­höhnt

Im Sta­dion wirken Des­mond und all die anderen jedoch erst einmal ver­loren. Stau­nende Gesichter und Blitz­licht bestimmen das Bild im Block G. Das Sta­dion erscheint zu groß für sie. Zu groß für dieses Spiel. Sie sind, für ihre Ver­hält­nisse, nicht wenige. Viel­leicht aus­wärts so viele wie seit Celtic nicht mehr. Aber dieses Sta­dion mit seiner schieren, unver­ständ­li­chen Größe scheint sie zu ver­höhnen.
 
Erst als die Spieler in den rot-weißen Tri­kots im Olym­pia­sta­dion ein­laufen, löst sich die Anspan­nung. Die Heimat trägt schwarze. Stol­len­schuhe. Die Spieler winken in die Kurve. In Des­monds Gesicht spie­gelt sich eine erwach­sene Anspan­nung ver­mischt mit kind­li­cher Vor­freude. Er deutet mit dem Finger auf das Ver­ein­em­blem auf seinem Trikot: Dort sind in Gold gäli­sche Wörter ein­ge­stickt. Des liest es vor und über­setzt dann: »Es gibt keine Kraft ohne Zusam­men­halt.« Dann zieht er das Trikot zurecht und lauscht seinen Worten nach.

Zusam­men­halt. Sofort nach dem Anpfiff wird sichtbar, was Des gemeint hat: Von der ersten Minute an feiern sechs­hun­dert Iren jede Bal­ler­obe­rung, jeden gewonnen Zwei­kampf und jeden erkämpften Ein­wurf wie eine Meis­ter­schaft, als würden sie ihre die Erschöp­fung ein­fach über­tönen wollen und feuern ihre Spieler an, wie man sonst nur seine Kum­pels auf dem Bolz­platz unter­stützt. Kose­namen fliegen durch die Luft. Mike, Bobby, Keith. Die Familie zit­tert.

Erst um sieben Minuten nach Sieben ver­stummt die kleine iri­sche Kurve das erste Mal. Die Anzei­ge­tafel digi­talt einen stillen Tor­jubel und die Akustik explo­diert. Hertha hat mit einem Sonn­tags­schuss das 1:0 erzielt. Die Gesichter der rot-weißen Sol­daten sind leer. Doch der Schock umklam­mert sie nur ein paar Sekunden. Dann erheben sich wieder ihre Stimmen. Ein trot­ziges, mehr­stim­miges Echo, das immer lauter wird: »Red Army, Red Army.«
Doch nach dem 2:0 werden sie end­gültig von der Erschöp­fung über­mannt. Des schüt­telt nur noch den Kopf und sein Freund Dennis kämpft mit den Tränen. Zum ersten Mal hört man die Hertha-Fans gegen­über. »Hier regiert der BSC!« Die rote Armee ist geschlagen. In der Reihe hinter Des­mond ist der erste Ire schon im Stehen ein­ge­schlafen. Erst Minuten später, als mit der Nacht auch die Kälte in den Kessel des Olym­pia­sta­dions kriecht, wachen die Pats wieder auf. Zumin­dest singen wollen sie dann doch noch bis zum Schluss.

Nach dem Abpfiff ver­harrt Des­mond regungslos. Seine Hände ste­cken in seinen Hosen­ta­schen. Er zieht eine Ziga­rette aus der Schachtel. Es dauert ein paar Minuten, dann hat er sich wieder gefangen. Wie um sich selbst auf­zu­mun­tern klatscht er in die Hände. »2:0 – das ist ganz bitter.« Er klatscht. »Aber scheiß drauf. Wir können stolz sein. Wann hat schon mal ein iri­scher Verein im Olym­pia­sta­dion gespielt. Das war ein Ehre«, sagt er, um dann noch folk­lo­ris­tisch hin­terher zuschieben: »Wir werden uns jetzt ein­fach besaufen«. Ein schöner iri­scher Abgang. Und wieder mar­schieren die Saints. In Rich­tung Pub. In eine iri­sche Nacht.