Seite 2: Bei der U21 hat er seine wahre Bestimmung gefunden

Doch im von Eitel­keit und Miss­gunst über­wu­cherten Fuß­ball-Biotop der Pfalz ist nichts so alt wie der Erfolg von Ges­tern. Am Ende wurde Kuntz in Lau­tern uneh­ren­haft vom Hof gejagt. Men­schen wie er, denen im Leben wenig zuge­fallen ist, können den Wert der Arbeit, der für einen Erfolg not­wendig ist, gut ein­schätzen. Das sorgt für ein gesundes Selbst­be­wusst­sein, das Gegen­spieler gern als Arro­ganz oder gar Hybris inter­pre­tieren. Stefan Kuntz ist ein streit­barer Zeit­ge­nosse und einer, der im Sinne des Erfolgs den direkten Weg ein­schlägt. Schließ­lich weiß er aus aktiven Tagen, dass er bei der Bewer­tung seiner Lebens­leis­tung nicht auf das Urteil anderer zähen kann. Er weiß selbst am besten, was geht, und so eine Hal­tung prägt einen Men­schen. Im Guten, mit­unter aber auch im weniger Guten.

Dass er nach seinem Abschied beim FCK nicht etwa beim nächsten Klub in der Chef­etage anfing, son­dern beim DFB als Nach­wuchs­trainer, beweist seine Fle­xi­bi­lität. Aber auch seinen Mut, unkon­ven­tio­nelle Wege ein­zu­schlagen, und seine Viel­zahl an soften und harten Skills bezogen auf das Fuß­ball­ge­schäft.

Es ent­behrt nicht einer gewissen Ironie, dass der 58-Jäh­rige nun aus­ge­rechnet als U21-Trainer seine wahre Bestim­mung gefunden hat. Zum dritten Mal in Folge erreicht eine Junio­ren­aus­wahl bei einer EM unter Kuntz’ Lei­tung das Finale. Noch vor zwei Jahren äußerte der Trainer im 11FREUNDE-Inter­view sogar Zweifel, ob seine Elf ange­sichts des Man­gels an Talenten über­haupt eine rei­bungs­lose EM-Quali spielen würde: Es ist eine rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung, dass wir nicht mehr über eine so große Aus­wahl an Spie­lern ver­fügen, dass wir von den 55 Län­dern in Europa von vorn­herein fünfzig locker in die Tasche ste­cken.“

Ihr müsst wie Hyänen sein“

Stefan Kuntz zur deutschen U21

Nun aber hat sein Team in Slo­we­nien den Titel geholt. Und die Sorge, aus Deutsch­land kämen mit­tel­fristig keine veri­ta­blen Stoß­stürmer mehr, scheint sich ange­sichts des Auf­tritts von Lukas Nmecha eben­falls zu zer­streuen.

Stefan Kuntz beweist damit einmal mehr, wie wert­voll er für den deut­schen Fuß­ball in klas­si­schen Gegen-jede-Chance“-Momenten sein kann. Die Über­zeu­gungs­kraft des Saar­län­ders und sein fast magi­sches Men­schen­fän­gertum haben auch bei einem Jahr­gang ver­fangen, den Experten bereits als Sinn­bild für den Nie­der­gang des deut­schen Nach­wuchs­leis­tungs­system sahen.

Der Trainer hat seine Jungs mit Worten gekriegt, die er so oder ähn­lich wohl auch von seinen eins­tigen För­de­rern, von Hau­degen wie Kalli Feld­kamp oder Rolf Schaf­stall, gehört haben dürfte: Ich hab ihnen gesagt, Ihr müsst wie die Hyänen-Bande sein: Keiner kann sie leiden, aber sie bekommen, was sie wollen.“ Und so mar­tia­lisch der Mann mit der Säge an diesem Punkt zumin­dest auf dem Papier klingen mag, wer das Match gegen Por­tugal gesehen hat, wird ihm kaum wider­spre­chen.  

Gerüchten zufolge denkt Kuntz über Rück­tritt nach

Stefan Kuntz hat es geschafft, aus einem Haufen mehr oder minder (Hoch-)begabter ein Team zu formen, das gegen große Gegner wider­stands­fähig auf­tritt und in wich­tigen Spielen die Nerven behält. Kuntz’ Satz, den er ges­tern nach dem Spiel von der Bier­du­sche trie­fend in die Mikro­fone sprach, macht auch für die anste­hende EM der A‑Mannschaften Mut: Diesem Jahr­gang hatte man nicht viel zuge­traut“ so Kuntz, der es zeit­weise auch selbst so sah, aber was ist Talent? Hier im End­spiel zu gewinnen oder die beste 100-Meter-Zeit zu laufen?“

Gerüchten zufolge denkt der U21-Coach über den Rück­tritt von seinem noch bis 2023 lau­fenden Ver­trag nach, weil es ihm an Per­spek­tiven man­gelt. Im 11FREUNDE-Inter­view 2019 ant­wor­tete Kuntz auf die Frage, ob er nach dem EM-Erfolg seiner Mann­schaft in Ita­lien nicht der geeig­nete Kan­didat sei, um Jogi Löw als Bun­des­trainer zu beerben: Ein nettes Lob, aber die Frage stellt sich nicht, weil wir einen Bun­des­trainer haben.“ Gut mög­lich also, dass er sich ins­ge­heim erhofft hat, bei der Suche nach einem Nach­folger eine Rolle zu spielen. Doch der DFB hat mit Hansi Flick die pro­mi­nen­tere, öffent­lich­keits­wirk­sa­mere Lösung gewählt, viel­leicht auch die für Oliver Bier­hoff und den Trai­ner­stab unkom­pli­zier­tere. Kuntz bleibt erneut nur die Rolle im Halb­schatten des großen Erfolgs.

Abschreiben sollte man ihn des­halb nicht. Mal sehen, wel­chen Schnörkel die Lauf­bahn des Stefan Kuntz als nächstes voll­zieht.