Die Geschichte des Stefan Kuntz ist eine von Umwegen und Schnör­keln. Alles, was bei großen Spie­lern in der Rück­schau strin­gent und logisch erscheint, wirkt bei ihm unge­plant und aus dem Zufall geboren. Schon sein Wer­de­gang als Profi liest sich merk­würdig ange­sichts der Erfolgs­bi­lanz, die der Mann aus Neun­kir­chen am Ende seiner aktiven Zeit vor­weisen konnte. Kuntz wurde Deut­scher Meister, Euro­pa­meister, Pokal­sieger, zwei Mal Bun­des­liga-Tor­schüt­zen­könig und Fuß­baller des Jahres“. Gemeinhin hat ein Spieler mit derlei Meriten zumin­dest einmal für einen Top-Verein gespielt. Kuntz jedoch lief für Uer­dingen, Bie­le­feld und Bochum in der Bun­des­liga auf. Seine größte Zeit erlebte er beim 1. FC Kai­sers­lau­tern.

Als Stürmer galt er nie als Fein­geist, ihm eilte eher das Image des Über­zeu­gungs­tä­ters voraus. Eine mensch­ge­wor­dene Dampf­ramme, die nicht nach Löchern in der geg­ne­ri­schen Abwehr­reihe suchte, son­dern diese mit der Wucht der Abriss­birne selbst hin­ein­häm­merte. Jour­na­listen ver­wiesen gern auf den Fakt, dass Kuntz vor seiner Pro­fi­lauf­bahn zum Poli­zisten aus­ge­bildet wurde, um das Image des grob­schläch­tigen Angriffs-Boun­cers zu zemen­tieren. Die Kuntz-Säge“ wurde zum geflü­gelten Wort für einen lei­den­schaft­li­chen Fuß­baller, der seine Tore nicht ein­fach schießt, son­dern ins geg­ne­ri­sche Netz arbeitet. Die Rollen unter den Top-Stür­mern seiner Zeit waren klar ver­teilt: Jürgen Klins­mann war der knudd­lige Leicht­athlet, Oliver Bier­hoff das läs­sige Fri­su­ren­model, Andy Möller der sen­sible Künstler. Alle­samt schwoften sie auf dem glän­zenden Par­kett der Serie A von Erfolg zu Erfolg. Kuntz hin­gegen war Ruhr­pott, Ost­west­falen, Pfalz, war Vokuhila, Schweiß und Tränen.

Einigen im Fuß­ball-Estab­lish­ment erschien er als nicht aus­rei­chend vor­zeigbar

Ein Bild, das ihm nicht mal im Ansatz gerecht wurde, schließ­lich hatte er sein Hand­werk als Angreifer nicht nur mühsam von der Pike auf gelernt, son­dern es schließ­lich an der Seite von Fili­gran­tech­niker Klaus Fischer, der sein Sturm­partner beim VfL Bochum wurde, hoch­klassig ver­edelt. Mit Fragen von Image und Fair­ness aber hat sich Stefan Kuntz nie lang auf­ge­halten. Bei der EM 1996 ver­hohnepie­pelten die sonst so stil­be­wussten Briten nicht nur aufs Derbste seinen Namen (siehe Video der Light­ning Seeds zu Three Lions”), son­dern auch seinen in die Jahre gekom­menen Look aus Schnauz und schul­ter­langem Haar. Dass es Kuntz war, der dann im Halb­fi­nale gegen die Three Lions“ mit seinem Aus­gleichs­treffer das Aus­scheiden das Gast­ge­ber­landes ein­lei­tete, wurde geflis­sent­lich über­gangen.

Wenn heute über den EM-Titel von 1996 gespro­chen wird, erin­nern sich die Men­schen gern an Oliver Bier­hoffs Golden Goal“, an Klins­mann und Mat­thias Sammer, im Zweifel sogar an den wort­kargen Aus­putzer Dieter Eilts. Kuntz hin­gegen, der von allen deut­schen Angrei­fern die meisten EM-Ein­sätze hatte, blieb auch bei diesem Tur­nier auf selt­same Weise nur der Preis als bester Neben­dar­steller. Ihm fehlte die Lobby. Viel­leicht aber erschien der Junge aus den dezen­tralen Stand­orten einigen im Fuß­ball-Estab­lish­ment auch als nicht aus­rei­chend vor­zeigbar.

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Für die großen Auf­gaben und Ämter fehlt der Hauch von Gran­dezza

Der Ruf des Malo­chers, den zwar jeder gern in seinen Reihen hat, dem aber für die großen Auf­gaben und Ämter der Hauch Gran­dezza fehlt, blieb an ihm kleben. Den 1. FC Kai­sers­lau­tern durfte er ab 2008 zwar als Vor­stand­chef vor dem Abstieg aus der zweiten Liga retten. Den Funk­tio­närsjob trauten sie ihm in der fernen Pfalz gerade noch zu, schließ­lich defi­nieren sie sich beim FCK über Werte für die auch der Profi Stefan Kuntz gerühmt wurde. Wie sonst wäre es erklärbar, dass er nach einigen leid­lich erfolg­rei­chen Trainer- und Mana­ger­sta­tionen im unter­klas­sigen Fuß­ball plötz­lich in der Vor­stands­etage auf dem Bet­zen­berg anheu­erte? Mit einer unver­gleich­li­chen Moti­va­ti­ons­kam­pagne – Herz­blut“ – schürte er aus dem Stand in der gesamten Region ein Feuer der Soli­da­rität, so dass der tot­ge­sagte Klub noch den Klas­sen­er­halt schaffte – und bald darauf sogar wieder in die Bun­des­liga auf­stieg.