Meine erste Erin­ne­rung an Her­mann Rieger datiert auf den 20. Sep­tember 1989, das Spiel gegen Werder Bremen, nur 14.000 Zuschauer im Volks­park­sta­dion. Ditmar Jakobs’ Schrei hallte durch die Beton­schüssel, wäh­rend Her­mann Rieger über den halben Platz rannte, seine braune Adidas-Leder­ta­sche in der Hand, die Beine unterm Arm. Einigen Fans stockte der Atem, ein paar schrien wie immer Heeeer­mann, Heeeer­mann!“, doch Her­mann winkte dieses Mal nicht zurück.
 
Wir mussten quasi im Tor ope­rieren“, sagte der Phy­sio­the­ra­peut später, denn Jakobs hatte sich bei einem Ret­tungs­ver­such in einem Kara­bi­ner­haken des Tores ver­fangen. Das Metall hatte sich in seinen Rücken gebohrt. Es sah nicht gut aus.
 
Wenige Tage später lag Ditmar Jakobs wieder bei Her­mann Rieger im Zimmer. In ein paar Tagen stehe ich wieder auf dem Platz“, sagte der Spieler. Rieger lächelte. Und auch wenn nach wei­teren Besu­chen beide ahnten, dass er nie mehr auf dem Platz stehen würde, kam Jakobs wieder und wieder. Die Männer saßen dann in Rie­gers Zimmer und spra­chen. Übers Leben. Über den Fuß­ball. Viel­leicht auch über die Angst vor dem, was nun kommen würde. Er macht unsere Spieler auch see­lisch wieder fit“, hat der dama­lige HSV-Manager Günter Netzer mal gesagt. Er war nicht nur der Mas­seur.“
 
Die Spieler ver­trauten ihm, weil er ein Freund war. Einer, der in dem ganzen Fuß­ball-Zirkus herr­lich normal geblieben war. Der es zwar liebte zu erzählen, doch dem nichts daran lag, Geheim­nisse oder Pro­bleme in der Öffent­lich­keit aus­zu­breiten. Bei mir können die Jungs alles abladen“, sagte Rieger mal. Ich halte dicht.“

Als sich Rieger auf den Weg nach Ham­burg machte
 
Her­mann Rieger war 1978 zum HSV gekommen. Manni Kaltz hatte den Baju­waren über­redet, dabei lagen ihm einige lukra­ti­vere Ange­bote vor. Als Rieger in jenem Jahr seiner Mutter eröff­nete, dass er viel­leicht nach Ham­burg gehen werde, sagte diese: Mach das, Bur­schi, da gibt es viele nette Leute.“ Rieger sah sie ver­dutzt an: Du warst doch noch nie dort.“ Doch sie beru­higte ihn: Die Ham­burger in unserer Pen­sion sind immer so freund­lich.“
 
Also machte sich Rieger auf den Weg gen Norden. Er erlebte die großen Tri­umphe des HSV mit, die Meis­ter­schaften 1979, 1982, 1983, das 1:0 im Finale des Euro­pa­pokal der Lan­des­meister 1983 gegen Juventus Turin. Den DFB-Pokal-Sieg 1987. Günter Netzer findet noch heute, dass Her­mann Rieger genauso viel Anteil an diesen Erfolgen hatte wie die Spieler. Her­mann“, sagt er gerne. war mein bester Transfer.“
 
Doch nicht nur Netzer wurde wäh­rend der gol­denen Ära einer der Ver­trauten Rie­gers, son­dern vor allem Ernst Happel. Mit dem Trainer-Dämon ver­band ihn eine Vater-Sohn-Bezie­hung. Dafür brauchte man die beiden nicht mal in trauter Zwei­sam­keit sehen. Schon wenn Happel mal wieder die Jour­na­listen abkan­zelte, grinste Rieger in sich hinein, als wollte er sagen: Ach, der Alte, wieder schlecht geschlafen letzte Nacht!“

Happel war für Rieger wie ein Vater
 
Auch für Ernst Happel war Rieger einer, der ihn auf dem Boden hielt. Er sprach mit ihm über den letzten Urlaub mit der Familie und die nächste Flanke von Manni Kaltz. Und er mochte es, wenn Rieger ihn zu seinen Casino-Aus­flügen im Trai­nings­lager beglei­tete. Denn Rieger sollte dort sein Geld bewa­chen, immer eng am Körper, immer in der Hosen­ta­sche. Ich musste stets die Hand auf die Tasche legen, sonst hat der Ernstl böse geguckt“, sagte Rieger in seinem letzten großen Inter­view, das er vor ein paar Tagen dem Ham­burger Abend­blatt“ gegeben hat.
 
Als Happel den HSV 1987 ver­ließ, dachte auch Rieger häu­figer an seinen Abschied aus Ham­burg. Allzu lange könnte ein Bayer es nicht in einer Hafen­stadt aus­halten, sagte er, der doch das Berg­steigen, das Jodeln und vor allem das Ski­fahren so liebte. Zwi­schen 1970 und 1976 war Rieger Trainer beim Deut­schen Ski-Ver­band gewesen. In jenen Jahren grün­dete er auch eine Ski­schule in Mit­ten­wald. Und um die wollte er sich wieder küm­mern.