Auf einem Park­platz verlor die Fuß­ball-Welt ihre Unschuld: Im Mor­gen­grauen des 2. Juli 1994 sank Andres Escobar blut­über­strömt vor der Bar El Indio“ in Medellin zusammen. Getroffen von zwölf Schüssen hatte der kolum­bia­ni­sche Fuß­ball-Natio­nal­spieler keine Chance.

Esco­bars Freundin sagte später aus, der Schütze Hum­berto Munoz Castro habe wäh­rend der Schie­ßerei laut das Wort Goooooooool“ gerufen. Der lang­ge­zo­gene Ausruf ist typisch für die süd­ame­ri­ka­ni­schen TV-Reporter, wenn sie bei einer Fern­seh­über­tra­gung ein Tor kom­men­tieren.

Das ver­häng­nis­volle Eigentor

Wenige Tage zuvor war Andres Escobar zur tra­gi­schen Figur beim WM-Vor­run­den­spiel zwi­schen USA und Kolum­bien avan­ciert. Im Rose-Bowl-Sta­dion in Pasa­dena unter­lief dem Abwehr­spieler aus Medellin in der 34. Minute vor 93.689 Zuschauern das fol­gen­schwere Eigentor zum 0:1. Die Süd­ame­ri­kaner, als Geheim­fa­vorit in die USA gereist, sollten auf­grund der 1:2‑Niederlage gegen die Gast­geber im zweiten Vor­run­den­spiel die fest ein­ge­plante Qua­li­fi­ka­tion für das Ach­tel­fi­nale ver­passen.

Die Gescheh­nisse in der ver­häng­nis­vollen Nacht sind bis heute nicht ganz geklärt. Die Polizei nahm wenig später Hum­berto Munoz Castro fest und ver­ur­teilte den nicht gestän­digen Schützen zu 43 Jahren Gefängnis. Die Strafe wurde später auf 26 Jahre redu­ziert, doch bereits 2005 und nach ins­ge­samt elf Jahren im Gefängnis wurde der als Mörder ver­ur­teilte Mann trotz vieler Pro­teste wegen guter Füh­rung ent­lassen.

Bis heute halten sich zwei Theo­rien über die Gründe für die Tat. Wütende Dro­gen­bosse sollen den Mord an Escobar in Auf­trag gegeben haben, weil sie bei Wetten auf den Einzug Kolum­biens ins Ach­tel­fi­nale viel Geld ver­loren haben sollen, erzählen sich die Fans noch heute in Medellin. Vor allem die Ver­bin­dungen des ver­ur­teilten Täters zu den mäch­tige Dro­gen­kar­tellen, für die Munoz als Body­guard und Fahrer arbei­tete, legen diese Ver­mu­tung nahe.

Aber auch ein ganz nor­maler Streit, der zu einer Schie­ßerei eska­lierte, könnte die Ursache gewesen sein. Die Dro­gen­me­tro­pole Medellin galt in den frühen 90er Jahren laut Washington Post als gefähr­lichste Stadt der Welt.

Escobar ist durch seinen Tod in Kolum­bien zur Legende geworden. Der Fern­seh­sender RCN ver­filmte in einer auf­wen­digen Pro­duk­tion die letzten Tage bis zu seinem Tod. Bis heute gibt es zahl­reiche Fan­clubs des Natio­nal­spie­lers, der 1989 im Trikot von Atle­tico Nacional de Medellin die Copa Libertadores gewann und damit Geschichte schrieb. Es war der erste Tri­umph einer kolum­bia­ni­schen Mann­schaft im wich­tigsten süd­ame­ri­ka­ni­schen Ver­eins­wett­be­werb.

Er wurde 27 Jahre alt

Im Alter von 27 Jahren und kurz nach seinem 50. Län­der­spiel nahm die Kar­riere des Abwehr­spie­lers ihr blu­tiges Ende. Zuvor hatte Escobar auch ein Jahr für den Schwei­ze­ri­schen Erst­li­gisten Young Boys Bern gespielt.

Die Nach­richt vom Mord erschüt­terte im Juli 1994 nicht nur Kolum­bien, son­dern über­schat­tete auch das noch lau­fende WM-Tur­nier, das Bra­si­lien später gewinnen sollte. Die kolum­bia­ni­sche Regie­rung ord­nete nach dem Mord an Escobar Poli­zei­schutz für die anderen Natio­nal­spieler, die sich noch im Land auf­hielten, an.Rund 120.000 Men­schen säumten bei der Beer­di­gung Esco­bars die Straßen in Medellin, unter den Gästen weilte auch der dama­lige Staats­prä­si­dent Cesar Gaviria.

Noch heute leben Fuß­ball-Profis in Kolum­bien gefähr­lich. Mord­dro­hungen gehören zum Alltag. Erst vor wenigen Tagen gab Trainer Ruben Israel nach nur vier Wochen sein Amt als Trainer des Erst­li­gisten Santa Fe de Bogota auf. Der Coach aus Uru­guay hatte meh­rere tele­fo­ni­sche Mord­dro­hungen erhalten. Ins­ge­samt fielen in den letzten 25 Jahren mehr als ein Dut­zend Profis, Schieds­richter und Trainer in Kolum­bien Mord­an­schlägen zum Opfer.