Wann genau Legenden zu Legenden werden, ist im Nach­hinein häufig schwierig zu sagen. Wann Piero Gratton auf die Bühne trat, um den ita­lie­ni­schen Fuß­ball in seinen Grund­festen zu erschüt­tern, ist hin­gegen über­lie­fert: Bei der Leicht­ath­letik-EM 1974 in Rom. Dabei war Gratton kein Sportler, kein Trainer, nicht einmal ein Ver­ant­wort­li­cher im engeren Sinne. Gratton, der in Mai­land geboren und für das Stu­dium in die Haupt­stadt gezogen war, konnte nur beson­ders gut mit Pin­seln und Stiften umgehen.

Alles begann, als ich Gil­berto Viti bei der Leicht­ath­letik-EM in Rom ken­nen­lernte”, erin­nerte sich Gratton vor einigen Jahren an eine Auf­trags­ar­beit zurück, bei der er das Logo für die Spiele ent­worfen hatte. Ich war für das Bild ver­ant­wort­lich und Viti erkannte, dass diese EM vom Image her gedacht wurde. Ganz anders als im Fuß­ball.”

Gratton und die Optik

Und tat­säch­lich: Wie in Sport-Events zu dieser und bis zur heu­tigen Zeit üblich, wurden – anders als in Fuß­ball­sta­dien – die Ver­an­stal­tungen auch und vor allem dazu genutzt, den Gast­geber zu prä­sen­tieren. Und dafür musste die Ver­an­stal­tung vor allem: beson­ders gut aus­sehen. Für Viti und Gratton, beide Fans der AS Roma, war das eine erstaun­liche Ent­de­ckung. Die nicht ohne Folgen bleiben sollte.

Am Freitag vor zwei Wochen, am 3. April, ver­starb der berühmte Desi­gner Piero Gratton im Alter von 80 Jahren. Und selbst in Ita­lien, wo man vom Coro­na­virus und seinen töd­li­chen Folgen beson­ders betroffen ist, sorgte diese Nach­richt für Auf­sehen. Denn Gratton war, gerade für die Fuß­ball­fans des Landes, ein Star. Und von nach­hal­tiger Bedeu­tung.

Walt Disney Ita­liens

Gratton hatte in den Sieb­zi­gern eine Dau­er­karte für die AS Rom besessen. Und galt im Land zugleich als der Walt Disney des ita­lie­ni­schen Fern­se­hens”. Für die Sender Rai und TG2 hatte das Genie ver­schie­dene Ani­ma­tionen ent­worfen, nun nahm Gratton im Auf­trag von Gil­berto Viti, der zu den Direk­toren des Ver­eins zählte, seine Dau­er­karte in die Hand und gab dem Fuß­ball einen neuen Anstrich: Sie sahen vorher aus wie bil­lige Stra­ßen­bahn­fahr­karten. Wir machten aus ihnen echte Pas­sier­scheine. Ab diesem Moment ver­än­derten wir die kom­plette Bild­sprache: Logos, Visi­ten­karten, Brief­köpfe – Tri­kots.” Gratton erschuf das erste Cor­po­rate Design des Fuß­balls. 

Denn AS Rom befand sich zu diesem Zeit­punkt in einer sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Tal­fahrt. Schließ­lich hatte sich der Klub in den Vor­jahren unter der Ägide des argen­ti­ni­schen Star­trai­ners Helenio Her­rera befunden, der sich sein Enga­ge­ment fürst­lich ent­lohnen ließ und 259 Mil­lionen Lire ver­diente. Wes­halb Rom, gänz­lich aus­ge­brannt, nach dessen Rück­tritt auch gleich die Edel­ju­wele Fabio Capello, Luciano Spi­nosi und Fausto Lan­dini an Juventus Turin ver­kaufen musste.