Kevin Kuranyi, Sie haben drei Staats­bür­ger­schaften. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Überall. Ich bin in Bra­si­lien geboren, als Jugend­li­cher zog ich mit meiner Mutter nach Panama, und mit 15 schickte mich mein Vater nach Deutsch­land, wo er auf­ge­wachsen ist. Ich trage von diesen Län­dern je einen Teil in mir. Ich habe die Men­schen dort ken­nen­ge­lernt und viel von ihnen über­nommen.

Was hat Panama Sie gelehrt?

Das war keine leichte Zeit. Wir hatten wenig Geld und konnten uns gerade eben das Nötigste leisten. Schon bei den Schuhen wurde es knapp. Wenn sie durch­ge­laufen waren, habe ich sie mit einer Metall­klammer zusam­men­ge­halten. Ich habe von dort eine gewisse Spar­sam­keit mit­ge­bracht und die Wert­schät­zung für das, was ich heute habe.

Und was ist noch bra­si­lia­nisch an Ihnen?

Meine Gelas­sen­heit. Bra­si­lianer nehmen fast alles mit einem Lachen, obwohl das Leben dort oft schwierig ist, und machen das Beste daraus. Das hat mich geprägt.

Es gibt eine Schalker Sam­ba­gruppe. Die beschwert sich, dass Sie kein Rhyth­mus­ge­fühl hätten.

Unver­schämt­heit! Ich bringe da ein­fach nur einen deut­schen Rhythmus rein (lacht).

Sie gelten als gera­dezu penibel. Lassen Sie uns raten: Auch das ist der Deut­sche in Ihnen.

Ich habe es gern ordent­lich, das ist wahr. Nicht dass ich zu Hause mit der Hecken­schere her­um­laufe, aber wenn Sachen her­um­liegen, räume ich sie weg.

Bekommen das auch Ihre Kol­legen zu spüren, etwa wenn Ivan Rakitic seinen Spind nicht auf­räumt?

Kann schon vor­kommen. Aber ich bin da jetzt auch nicht ver­rückt, ich halte nur gewisse Grund­sätze ein. Auch Pünkt­lich­keit ist mir ziem­lich wichtig.

Sie sind ein Spießer, Herr Kuranyi!

Selbst wenn. Bestimmte Grund­sätze haben ihre Berech­ti­gung und machen eine Gesell­schaft sicher und zuver­lässig. Es wird immer nur von den Bra­si­lia­nern gespro­chen, die Deutsch­land wieder ver­lassen, weil hier nicht so oft die Sonne scheint wie in Rio. Aber viele bleiben, weil sie das Leben hier sehr zu schätzen wissen.

Den­noch dürfte es ein Kul­tur­schock für Sie gewesen sein, als Sie mit 15 nach Freu­den­stadt im Schwarz­wald kamen.

Dort lag Schnee! Und die Kinder liefen Schlitt­schuh auf einem zuge­fro­renen See. Ich kannte nur Rol­ler­blades an der Copa­ca­bana.

Hatten Sie Heimweh?

Anfangs sehr. Beson­ders wenn ich abends allein in meinem Zimmer war, fühlte ich mich einsam. Ich ver­misste meine Eltern, meine Geschwister, meine Kum­pels und die Dinge, die wir gemeinsam erlebt hatten: Auf der Straße kicken, rum­hängen oder ein­fach nur Quatsch machen, Klin­gel­streiche zum Bei­spiel. Aber mein Vater wollte, dass ich sein Hei­mat­land und seine Sprache ken­nen­lerne. Dass das nicht leicht wird, war mir vorher klar. Ich bin ohnehin kein Typ, der Ent­schei­dungen bereut. Wenn etwas geschehen ist, muss man das Beste daraus machen.

Wie sah Ihr Alltag in Deutsch­land aus?


Ganz schön anstren­gend! Ich fuhr zwi­schen der Schule, dem Trai­ning beim VfB Stutt­gart und zu Hause hin und her.

Und dort schauten Sie dann mit Ihren Gast­el­tern die Lin­den­straße“?

Wir haben nicht nur zusammen fern­ge­sehen. Sie haben mich voll in ihr Leben inte­griert. Anfangs sprach ich kein Wort Deutsch, und schon nach ein paar Wochen konnte ich mich ganz gut ver­stän­digen. Heute träume ich sogar auf Deutsch. Ich bin meinen Gast­el­tern sehr dankbar, wir haben immer noch innigen Kon­takt. Mein Gast­bruder kommt mich ab und zu besu­chen. Er ist immer Fan des Ver­eins, für den ich gerade spiele, und ist jetzt auch Schalker (lacht).

Sind diese Men­schen für Sie ein Ruhepol im Leben?

Klar, wobei ich an erster Stelle natür­lich meine eigene Familie, meine Frau und meine beiden Kinder nennen möchte. Bei ihnen bin ich der Kevin, der Papa, ein­fach nur ich.

Völlig abzu­schalten, das gelingt Ihnen?

Sagen wir so: Ich ver­suche es. Natür­lich gelingt mir das nicht immer. Manchmal bin ich auch zu Hause der Pro­fi­fuß­baller. Andere Men­schen in anderen Berufen nehmen ja genauso ihre Arbeit mit nach Hause. Anders­herum bin ich in meinem Job nicht nur der Profi, son­dern auch der Kevin.

Gibt es im Fuß­ball eben­falls fami­liäre Bezie­hungen?

Zumin­dest freund­schaft­liche. Als ich noch in Stutt­gart spielte, gab es da einen ganz jungen Stürmer: Mario Gomez. Wir haben uns auf Anhieb gut ver­standen. Ich bin ein biss­chen älter als er und habe mich am Anfang um ihn geküm­mert. Bis heute freue ich mich, wenn er gut drauf ist. Auch wenn wir in gewisser Weise Kon­kur­renten sind, sind wir Freunde.

Felix Magath begegnen Sie nun schon zum zweiten Mal. In Stutt­gart machte er Sie zum Profi, nun trai­niert er Sie beim FC Schalke. Ist auch er ein Freund?


Der Trainer sucht keine freund­schaft­li­chen Bezie­hungen. Er ist auf Erfolg aus. Wenn man das auch ist, kann man eine sehr gute Zeit mit ihm haben. Die hatten wir schon in Stutt­gart. Des­halb habe ich mich gefreut, als er beim FC Schalke 04 unter­schrieben hat. Aber dann habe ich erstmal durch­ge­atmet, weil ich wusste: Das wird hart.

Obwohl Sie seit Jahren einer der Tops­corer auf Schalke sind, scheinen Sie noch nicht so recht ange­kommen zu sein. Wenn es mal schlecht läuft, werden Sie als Erster aus­ge­pfiffen.


Manche Leute picken sich nun mal einen Sün­den­bock raus und behalten ihn dann bei. Es gibt Tage, da denke ich: Warum bloß ich?“ Aber das bringt mich nicht weiter. Ich kann diese Fans eben nur durch Tore für mich gewinnen, und dazu ist es nötig, dass ich Pfiffe weg­stecke, so gut es geht. Manchmal würde ich gern sagen: Leute, es ist doch nur Fuß­ball!“ Aber solche Anspra­chen können leicht falsch rüber­kommen. Des­halb ver­suche ich, meine Locker­heit ohne Worte zu trans­por­tieren.

Wie schafft man es, locker zu bleiben, wenn einem schon nach zwei Minuten der Ball ver­springt?

Es gibt keinen Mecha­nismus. Man muss laufen, kämpfen, ein­fach das tun, was die Leute hier sehen wollen. Ich habe mich ja schon vor meinem Wechsel mit dem Verein befasst. Des­halb wusste ich, dass ich mit meiner kämp­fe­ri­schen Art hierher passe. Zuge­geben, es gab Momente, da habe ich gedacht: Du bist hier falsch“. Aber ich gebe eben auch nicht so leicht auf. Des­wegen bin ich noch hier.

Sie arbeiten für einen Stürmer viel in der Defen­sive. Weite Teile des Publi­kums haben dafür kein Bewusst­sein.

Natür­lich würde es mich freuen, wenn die Fans auch das schätzen würden, was man nicht zählen kann. Meis­tens aber suche ich die Schuld bei mir und frage mich: Was habe ich falsch gemacht?“ Die Leute haben ein Bild von mir, das es ihnen ein­fa­cher zu machen scheint, mich aus­zupfeifen. Aber dieses Bild ent­spricht nicht der Wirk­lich­keit.

Sie werden oft über Ihr Äußeres defi­niert, Ihren Bart und Ihre Haare.

Haare hat doch jeder! Und jeder muss sie sich irgendwie schneiden lassen. Mir sind andere Dinge wich­tiger. Und ich weiß, dass ich auch ohne Bart nicht mehr Tore schießen würde. Mal ganz ehr­lich: Ich bin doch mitt­ler­weile alt genug, um als Mensch ernst genommen zu werden. Egal wie ich aus­sehe. Früher war mir Mode wich­tiger, wie jedem jungen Men­schen. Aber meine Werte haben sich ver­schoben, seit ich Vater von zwei Kin­dern bin.

Würden Sie Ihrem Sohn raten, Fuß­baller zu werden?

Ich würde ihn nie­mals unter Druck setzen. Er muss schon zu mir kommen und diesen Wunsch äußern. Unter uns: Talent hat er. Wir kicken zu Hause im Garten viel zusammen. Da besiegt er mich immer – glaubt er jeden­falls (lacht).

Mit wem haben Sie das Eröff­nungs­spiel der Welt­meis­ter­schaft 2006 geguckt?

Mit ein paar Freunden in Panama. Und als Philipp Lahm das 1:0 gegen Costa Rica schoss, bin ich auf­ge­sprungen und habe geju­belt. Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen …

Der dama­lige Bun­des­trainer Jürgen Klins­mann hatte Sie nicht nomi­niert.

Es war hart. Es war schwierig. Es war schlecht für meine Kar­riere. Eine Woche lang hatte ich keine beson­ders gute Laune.

Sind Sie bewusst vor dem Trubel nach Panama geflüchtet?

Es war schlimm genug, nicht dabei zu sein. Da wollte ich mich nicht auch noch auf der Fan­meile her­um­treiben.

Ein halbes Jahr später fei­erten Sie unter Klins­manns Nach­folger Joa­chim Löw Ihr Come­back in der Natio­nal­mann­schaft. Sie schossen beide Treffer beim Sieg gegen Tsche­chien und waren gegen Däne­mark sogar Kapitän. Sie schienen ange­kommen.

Ich habe mir meinen Platz zurück erkämpft. Was pas­siert war, wollte ich ver­gessen.

Dann kam das Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel in Dort­mund gegen Russ­land.

Das erste Spiel in meiner Kar­riere, das ich auf der Tri­büne ver­bringen musste. Sie können sich viel­leicht vor­stellen, wie es einem Schalker Spieler auf der Dort­munder Tri­büne ergeht. Die Leute sagen Dinge, die alles andere als schön sind.

Sie ver­ließen das Sta­dion und den Kreis der Natio­nal­mann­schaft.

Ja. Das war eine Kurz­schluss­hand­lung. Es war wie ein Luft­ballon, der geplatzt ist: erst die Nicht­no­mi­nie­rung für die WM, dann bekam ich keine rich­tige Chance bei der EM – und schließ­lich dieser Abend auf der Tri­büne.

Ihr erster Gedanke am Morgen danach?

Die ganze Woche war nicht ein­fach. Aber auch sehr lehr­reich. Ich habe gesehen, wer wirk­lich mein Freund ist. Einige hielten meine Reak­tion für über­trieben. Aber wie gesagt: Das war eine Ent­schei­dung aus dem Moment heraus. Nicht kom­plett rational. Einige Mit­spieler aus der Natio­nal­mann­schaft haben mich ver­standen – mensch­lich. Aber dass das kar­rie­re­tech­nisch unklug war, haben sie natür­lich auch gewusst.

Waren Sie über­rascht, als Löw zwei Tage später ver­kün­dete, dass Sie keine Zukunft mehr in der Natio­nal­mann­schaft haben?

Ja, das ging ziem­lich schnell. Aber ich habe es auch schnell akzep­tiert.

Warten Sie ins­ge­heim auf einen neuen Bun­des­trainer, der Ihnen eine neue Chance gibt?


So denke ich nicht. Für mich ist die Frage: Wie kann ich es schaffen, einen Men­schen und seine Mei­nung zu ändern? Es gibt nicht nur den Bun­des­trainer Löw und den Spieler Kuranyi, son­dern auch die Men­schen dahinter. Des­halb hoffe ich, dass ich eines Tages eine neue Chance bekomme.

Vor diesem Eklat hatten Sie auch auf Schalke keine leichte Zeit. Danach stand das Publikum voll hinter Ihnen.

Dass die Fans ver­sucht haben, mich auf­zu­bauen, hat mich total gefreut. Viel­leicht war es sogar ein Wen­de­punkt in unserem Ver­hältnis. Ich fühle mich ihnen jeden­falls näher als vorher.

Das Schalker Team ist sehr jung. Welche Rolle nehmen Sie in diesem Gefüge ein?

Ich bin wie ein großer Bruder. Zur­zeit ist Lewis Holtby mein Zim­mer­kol­lege. Er fragte mich neu­lich: Kevin, wie komme ich in die Mann­schaft?“ Ich sagte: Das ist nicht leicht. Aber drin zu bleiben ist noch schwie­riger.“ Ich spreche da aus Erfah­rung. Bei mir selbst ging es ja auch nicht immer bergauf.

Warnen Sie einen jungen Spieler auch vor dem fal­schen Umgang?

Wenn man in der Öffent­lich­keit steht, zieht man auch unse­riöse Gestalten an. Kom­plett ver­hin­dern kann man das nicht. Aber ich ver­suche, die Jungs, so gut es geht, auf solche Gefahren hin­zu­weisen. Das Geschäft kann einen Men­schen ver­än­dern, wenn er nicht auf­passt.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn es mit dem Fuß­ball nicht geklappt hätte?

Ich bin ein guter Geschäfts­mann. Als Kind habe ich kleine Steine ver­kauft. Ganz hübsch, aber wertlos. Ich habe zu meinen Schul­ka­me­raden gesagt: Hey, guck mal! Der würde deiner Freundin stehen!“ Dann waren sie auf einmal ganz auf­ge­regt und haben mir die Dinger aus der Hand gerissen.

Lesen Sie den Wirt­schafts­teil, um zu ver­stehen, wie es um die Finanzen des FC Schalke steht?

Ich lese die Berichte, aber was zählt, ist das, was der Verein mir sagt.

Die wirt­schaft­liche Situa­tion ist nicht der ein­zige Unru­he­herd. Von Assauer bis Raf­inha tum­meln sich Schalker auch mal auf dem Bou­le­vard.

Dass hier was los ist, macht den Verein doch so beson­ders. Man­ches nehmen wir Spieler schon ernst. Aber über vieles lachen wir uns auch kaputt, weil wir ja wissen, dass es eine Ente ist.

Würden Sie sich dem Rummel gern von Zeit zu Zeit ent­ziehen?

Wie soll das gehen? Man erkennt mich nun mal auf der Straße. Viel­leicht gehe ich beim nächsten Kar­neval als Kevin Kuranyi und sage: Ich bin gar nicht der echte!“ Im Ernst: Mir ist bewusst, dass der Fuß­ball immer mehr zur Show wird. Das kann man gut finden oder schlecht. Ich als Spieler kann es eh nicht stoppen. Ich muss nur auf­passen, dass ich nicht darin unter­gehe.

Sie haben also keine Sehn­sucht nach der guten alten Zeit ohne Fieldre­porter, Video­würfel und Dop­pel­pass“?

Wenn die Leute von der guten, alten Zeit spre­chen, dann ver­gessen sie, dass auch wir uns heute in den Dreck schmeißen und grät­schen. Dass auch wir kämpfen und unsere Narben davon­tragen.

Sehen Sie sich in einer Linie mit dem großen Klaus Fischer?

Leider habe ich Klaus nicht mehr aktiv spielen sehen. Mitt­ler­weile habe ich ihn natür­lich ken­nen­ge­lernt. Er ist ein super Typ und hat mir viele Tipps gegeben, zum Bei­spiel: Du musst an deinem Tor­schuss arbeiten, Junge!“

Fischer ist durch seine spek­ta­ku­lären Fall­rück­zieher in Erin­ne­rung geblieben. Was wird von Ihnen bleiben?

Meine Kopf­bälle. Und ein Titel. Aber da muss ich mich beeilen, ich habe nur noch ein Jahr Ver­trag.

Ist eine Kar­riere ohne Titel unvoll­endet?

Wenn ich an meine Anfänge zurück­denke, dann bin ich mit meiner Ent­wick­lung zufrieden. Aber natür­lich will ich Titel gewinnen, die Meis­ter­schaft, die Cham­pions League, die EM, die WM – was gibt es noch? Ach, ich glaube, das würde mir rei­chen. Wissen Sie, ich denke oft an meine Zeit in Panama. Damals hatte ich fast nichts, heute habe ich mehr als die meisten Men­schen. Ich sollte mich also nicht beschweren.