Beim Rele­ga­ti­ons­spiel im Mai spielte ein junger Mann den Lei­er­kasten vor dem Nürn­berger Sta­dion. Doch er kam nicht wirk­lich dazu, weil er immer wieder Fragen beant­worten musste. Oder viel­mehr eine Frage: Wo ist Walter?“ Die Ant­wort war immer gleich: Er ist im Kran­ken­haus.“ Die umste­henden Fans waren erschro­cken, als han­dele es sich um einen Fami­li­en­an­ge­hö­rigen. Sie klopften dem jungen Mann auf die Schul­tern, sagten, er solle beste Gene­sungs­wün­sche aus­richten und legten ihre Münzen in den Korb.

Der junge Mann vor dem Sta­dion war der Sohn von Walter Bir­kner, dem Lei­er­kas­ten­mann“ des 1. FC Nürn­berg, der seit drei Jahr­zehnten vor den Heim­spielen die Club-Lieder auf der Dreh­orgel spielte. Und wenn schon bei dieser ent­schei­denden Partie um den Auf­stieg nicht der Vater selbst spielen konnte, dann musste der Sohn ran. Der Lei­er­kasten musste an seinem Platz stehen, er musste die Club-Lieder spielen, anders ging es ein­fach nicht.

30 Jahre vor dem Sta­dion

Fans lieben Rituale vor dem Spiel, sie gehen immer zu dem glei­chen Imbiss, nehmen immer den glei­chen Weg, stellen sich in die gleiche Schlange vor dem Ein­lass. In Nürn­berg konnte für viele Anhänger das Spiel erst dann beginnen, wenn sie dem Lei­er­kas­ten­mann begegnet waren und ihm einige Münzen in den Hut geworfen hatten. Walter Bir­kner war ein Ori­ginal, für die Spiele des FCN so wichtig wie die Spieler auf dem Rasen. Er trotzte dem Regen, er trotzte den Abstiegen, er trotzte all den Malen, wenn der Glubb wieder a Depp war. Er ging immer wieder zum Neu­markt in Nürn­berg, wo ein Orgel­bauer die Noten auf eine Papier­rolle für die Dreh­orgel druckte. Mehr als 700 Euro zahlte er für ein Lied des FCN, dabei besaß er wahr­lich keine Reich­tümer.

Im Früh­jahr stellten wir Walter Bir­kner für eine Heft­ge­schichte über Fan-Ori­gi­nale vor. Er war zunächst nicht angetan von der Idee. Die Fans, so dachte er, könnten denken, er wolle sich pro­fi­lieren, sich wich­tiger nehmen als den Verein.

Mit dem Kapitän in einer Straße auf­ge­wachsen

Er habe jah­re­lang als Fern­fahrer gear­beitet, erzählte Bir­kner dann doch im breitem Frän­kisch. Eines Tages habe ihn eine Ladung von Zement­sä­cken gestriffen. Wenn sie mich voll erwischt hätte, wäre ich hin gewesen.“ Bir­kner arbei­tete erst auf dem Bau, als Maurer und Stu­cka­teur, zuletzt arbei­tete er in einer Bäckerei, weil die Rente zu dünn war. Voller Stolz berich­tete Bir­kner von seiner Freund­schaft zum frü­heren Club-Kapitän Heinz Strehl, mit dem er in einer Straße auf­ge­wachsen war. Die Lei­den­schaft für den Verein war ent­facht, er ver­knüpfte sie mit jener für die Musik und spielte Dreh­orgel. 30 Jahre lang.

Rational ist nicht zu erklären, warum er das alles tat. Aber was ist schon rational, wenn es um die Lei­den­schaft beim Fuß­ball geht? Das Herz hat Gründe, die der Ver­stand nicht kennt“, sagte der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Blaise Pas­cale. Und wo so viel Herz im Spiel ist, ist selbst eine große Por­tion Pathos nicht unan­ge­messen. Walter Bir­kner spielte am liebsten die Club-Hymne, ihr Text lautet: Die Legende lebt, wenn auch der Wind sich dreht. Unser Club wird nie­mals unter­geh’n!“