Kritik an Thomas Schaaf ist in Bremen ebenso ver­pönt, so ähn­lich wie alko­hol­be­dingtes Wild­pin­keln an die in Edel­tme­tall gegos­senen Stadt­mu­si­kanten. Doch spä­tes­tens nach dem dritten Spieltag, der pein­li­chen Schlappe gegen Borussia Mön­chen­glad­bach, haben die zuvor wie Staats­feinde behan­delten Kri­tiker in der Han­se­stadt an Gewicht in ihren Ana­lysen gewonnen.



0:3 lag der Cham­pions-League-Teil­nehmer gegen den Auf­steiger hinten, eine regel­rechte Tracht Prügel für die erfolgs­ver­wöhnten Spieler von der Weser. Die beiden späten Anschluss­treffer von Pizarro (79.) und Diego (89.) konnten den Schmerz über die Bremer Leis­tung nur schwach über­tün­chen. Viel­mehr mussten sich Ver­ant­wort­liche und Spieler ein­ge­stehen, dass sie von der Borussia und ihrem cle­veren Ana­lysten Luhukay aus­ge­guckt und aus­ge­knockt worden waren. Die Glad­ba­cher Stra­tegie griff, wäh­rend die Bremer Taktik ihre großen Mängel offen­barte: Schaafs Spieler scheinen nach jah­re­langer Erfolgs­ge­schichte mit dem quasi von den Bre­mern in die Liga impor­tierten Rau­ten­system nicht mehr fle­xibel genug, um auf even­tu­elle Umstände wäh­rend des Spiels zu reagieren. Auf­fällig viele Gegen­treffer hat der SVW seit Schaafs Rund­erneue­rung vor neun Jahren in jeder Saison kas­siert, der Bremer Clou war es, immer min­des­tens ein Tor mehr zu erzielen, als der Gegner pro­du­zierte. Das funk­tio­nierte in der Meis­ter­saison 2003/04 per­fekt, in den Spiel­zeiten 04/05 bis 06/07 auf über­durch­schnitt­li­chen Niveau und in der ver­gan­genen Saison zumin­dest in der End­ab­rech­nung sehr erfolg­reich. Doch schon da offen­barten sich Schwä­chen in punkto Fle­xi­bi­lität und – hätte man das je gedacht? – Ästhetik.

Ohne Diego geht nichts


Natür­lich: Das offen­sive System mit einer Vie­rer­kette, der Vie­rer­raute und einem klas­si­schen Angrei­ferduo ver­spricht noch immer sehens­werten Bun­des­li­ga­fuß­ball. Doch die Liga hat dazu­ge­lernt. Bre­mens Spiel­weise, vor allem gegen spie­le­risch schwä­chere Gegner, ist vor­her­sehbar geworden. Fallen Krea­tiv­köpfe wie Diego oder Özil leis­tungs­tech­nisch aus, fehlt dem Bremer Spiel die zün­dende Idee. Die Borussia aus Mön­chen­glad­bach hat es am Samstag in vor­bild­li­cher­weise ver­standen, das Herz und Gehirn des Bremer Spiels in einen koma­tösen Zustand zu ver­setzen: Eine Woche lang trai­nierte Luhukay mit seinen geleh­rigen Spie­lern die 3 – 4‑3-Vari­ante mit einer intakten Drei­fach-Sechs in der Zen­trale. Bre­mens Spiel­ma­cher Diego merkte man bereits nach 20 Minuten an, wie sehr ihn diese tak­ti­sche Aus­rich­tung des Gast­ge­bers nervte. Ver­liert der Bra­si­lianer seine Freude am Spiel, erstickt das Bremer Spiel. Über die Außen, wo auf­grund der zen­tralen Glad­ba­cher Aus­rich­tung Platz gewesen wäre, ver­sagten Fritz und Boe­nisch. Frings und Jensen sind auf diesen Posi­tionen weniger zu gebrau­chen, ihnen fehlt: Die nötige Schnel­lig­keit. Die Bremer Sei­ten­li­nien sind häufig ver­waist, gerade des­halb hat der Klub den dama­ligen Wechsel von Carlos Alberto so streng for­ciert. Doch der Hoff­nungs­träger ent­täuschte auf ganzer Linie.

Bre­mens Füh­rung hat nur sehr wenige per­so­nelle Nie­der­lagen auf dem Trans­fer­markt ein­ste­cken müssen, doch gerade diese eine hängt den Han­seaten nun nach.

Jetzt kommt es auf die Fle­xi­bi­lität des Trai­ners Thomas Schaaf an. Früher, auf dem Platz, soll Schaaf sehr variabel ein­setzbar gewesen sein. Wenn er Glei­ches nun auch von der Trai­ner­bank schafft, müssen sie ihm in Bremen wirk­lich bald ein Denkmal setzen. Neben den Bremer Stadt­mu­si­kanten wäre noch Platz.