Seite 2: „Es geht nicht um Rache, es geht um die Wahrheit“

Die Kom­mis­sion erklärte, dass sie nun Ver­fahren gegen die Polizei von South York­shire vor­be­reite. Der dama­lige Ein­satz­leiter David Ducken­field, gegen den Anklage wegen Tot­schlags erhoben werden könnte, ver­hin­derte an jenem ver­häng­nis­vollen Samstag zunächst sogar, dass Sani­täter ins Sta­dion gelangen konnten. Wäh­rend draußen die Kran­ken­wagen vor einer Absper­rung im Stau standen, rissen drinnen Fans Wer­be­banden aus der Ver­an­ke­rung, um sie als Trage zu benutzen. Oder, wenn es zu spät war, als Bahre.

Mein Bruder Michael ist in Hills­bo­rough geblieben“

Auf einer lag Michael Kelly. Das Bild, das sein Bruder Steve seit nun­mehr 27 Jahren immer bei sich trägt, zeigt ihn im Reds-Trikot, lebens­froh und kraft­strot­zend, einen Mann von Mitte 30. Es ent­stand drei Wochen vor seinem Tod.

Mein Bruder Michael ist in Hills­bo­rough geblieben“, sagt Steve Kelly, als wäre dieses Sta­dion ein Schlacht­feld und alles, was sich dort ereignet hat und danach kam, ein Krieg. Und das war es wohl auch. Eines Tages tauchten Ermittler bei ihm auf: Er müsse sich ein Über­wa­chungs­video von der Lep­pings Lane ansehen und darauf seinen Bruder iden­ti­fi­zieren, das diene der Auf­klä­rung. Das ver­krafte er nicht, ent­geg­nete Steve. Dann werde man ihn zwingen, mit allen zur Ver­fü­gung ste­henden Mit­teln. So sah er seinen Bruder ein zweites Mal sterben. In Schwarz­weiß.

Es geht nicht um Rache“, sagte Steve Kelly vor rund vier Jahren in einem Inter­view mit 11FREUNDE. Es geht um die Wahr­heit. Michael war kein Hoo­ligan, er trank nie Alkohol, er hätte auch keine Poli­zisten ver­prü­gelt oder die Toten aus­ge­raubt. Er war nur zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort. Ich will eines Tages an sein Grab treten und sagen: ›Die Wahr­heit hat gesiegt.‹“

Steve Kelly selbst ist Fan des FC Everton. Das war der ein­zige Unter­schied zwi­schen uns. Michael war ein Roter und ich ein Blauer.“ Auf den Bil­dern der Ange­hö­rigen, die nach der Bekannt­gabe der Unter­su­chungs­er­geb­nisse am Dienstag vor dem Gerichts­ge­bäude You’ll never walk alone“ sangen, sieht man ihn im Trikot der Tof­fees. Neben ihm steht Barry Devon­side, der an jenem son­nigen Samstag mit seinem Sohn Chris­to­pher nach Shef­field fuhr. Chris­to­phers Lachen, als er ihm erlaubte, in die Lep­pings Lane zu gehen! Da sah Barry Devon­side seinen Sohn zum letzten Mal lebend.

Barry und Steve sehen müde aus, aber glück­lich, wenn man das so sagen darf: glück­lich im Unglück. So glück­lich wie Männer, die sich das, was ihnen blieb nach dem größten Ver­lust, nicht auch noch haben nehmen lassen: die Gerech­tig­keit.