Die Bügel­an­wei­sung ist mit drin. Damit keiner sagen kann, er hätte nicht gewusst, wie er den Stoff­fetzen anbringen muss. Denn gerade Jer­seys mit den drei legen­dären Streifen machen ein Beflo­cken auf dem Ärmel schwer. Plättet man näm­lich nach Schema F, kommt es vor, dass sich die Struk­turen der Tex­ti­lien nicht mit­ein­ander ver­binden. Die Folge: Am Sonntag landet der Groß­sponsor, genauer gesagt dessen Logo, nach der ersten Ran­gelei in der auf­ge­weichten Erde schlecht drai­nierter Kreis­liga-Äcker. Und dort sieht sich der korea­ni­sche Auto­bauer, bei aller Liebe, dann doch nicht so gern.

Seit Anfang der Saison ist Kia, ein Toch­ter­un­ter­nehmen des Auto­riesen Hyundai, ein ehr­gei­ziges Joint Ven­ture ein­ge­gangen. Für ein Spiel­jahr tritt das Unter­nehmen als Gene­ral­sponsor aller Fuß­ball-Kreis­ligen im Bun­des­land Hessen auf. Was wie eine sar­kas­ti­sche Über­spit­zung der vor­an­schrei­tenden Kom­mer­zia­li­sie­rung im Fuß­ball klingt, ist Rea­lität geworden. Damit wird auch der Brei­ten­sport zu einem Feld, auf dem sich Kon­zerne Mar­ke­tin­ger­folge erhoffen. Die Glo­ba­li­sie­rung ist da ange­kommen, wo lange nur der ört­liche Bäcker oder das Schuh­ge­schäft ihre kargen Erträge einem gemein­nüt­zigen Zweck zuführten.

Kia hat rund eine Mil­lion Euro inves­tiert, damit die 125 Kreis­ligen sich für ein Jahr Kia-Kreis­liga“ nennen und alle Aktiven das Kon­zern-Logo auf dem Ärmel tragen. Zudem stattet der Sponsor alle 2100 Teams im Spiel­be­trieb auf Anfrage mit einem kos­ten­losen Tri­kot­satz mit dem Fir­men­logo aus. Ins­ge­samt 28?000 Mul­ti­funk­ti­ons­hemden, die es wahl­weise in sieben Farben gibt, wurden an die Klubs aus­ge­lie­fert. Das sind 97 Pro­zent aller Kreis­liga-Teams in Hessen.

Weniger Awa­reness, mehr Kon­takte“

Das Geld, das der Kon­zern für sein eigen­tüm­li­ches Enga­ge­ment bezahlt, hätte gereicht, um für ein Jahr auf der Brust eines mit­tel­mä­ßigen Bun­des­li­gisten zu werben. Aber statt dem VfL Bochum oder Hansa Ros­tock sind es jetzt die Kicker des 1. FC Vik­toria 07 Kels­ter­bach oder vom SV Frisch Auf“ Berfa 1926, die in Kia-Tri­kots um Punkte kämpfen. Eine Sta­tistik hat den Mutter-Kon­zern in Fernost bei seiner Ent­schei­dung beson­ders begeis­tert: Zah­len­mäßig sind im deut­schen Fuß­ball nir­gends so viele Men­schen aktiv am Sport betei­ligt wie in der Kreis­liga. Und wenn sich zu Leuten keine Kun­den­nähe auf­bauen lässt, die sich bei jedem Wetter in aller Herr­gotts­frühe einen Grot­ten­kick zu Gemüte führen oder dabei sogar noch mittun – zu wem dann?

Weniger Awa­reness, mehr Kon­takte“, erklärt Holger Wit­ten­berg, Mar­ke­ting Manager bei Kia Deutsch­land, das Enga­ge­ment in der, wie er sie nennt, Kno­chen­bre­cher­liga“. Der Hes­si­sche Fuß­ball­ver­band (HFV) ging die Part­ner­schaft mit dem Auto­bauer gerne ein. Wir wollten den Ver­einen etwas Gutes tun“, erklärt Jens-Uwe Münker, Jus­ti­ziar des HFV. Vielen Kreis­li­ga­teams man­gele es am Nötigsten, sogar ein neuer Tri­kot­satz sei für unter­klas­sige Klubs in Erman­ge­lung eines potenten Spon­sors bereits eine große Hilfe. In der Tat stehen dem Kia-Enga­ge­ment viele Ver­eine positiv gegen­über. Über die fri­sche Ober­be­klei­dung freute sich auch Patrick Schmü­cker vom FSV Rot-Weiß Wolf­hagen, dessen Kreis­li­ga­team bereits sechs Jahre die­selben Jer­seys auf­trägt. Für viele Kicker von der Basis besitzt das Logo des Kon­zerns, der 2010 in Süd­afrika auch Haupt­sponsor der WM sein wird, den Ruch der großen, weiten Fuß­ball­welt. Es macht einen pro­fes­sio­nel­leren Ein­druck und wertet das Image der Kreis­liga auf“, findet Schmü­cker.
Aus dem Topf des Gene­ral­spon­sors werden am Sai­son­ende außerdem für alle Kreis­liga-Meister jeweils 200 Euro aus­ge­schüttet. 7500 Euro fließen an den hes­si­schen Frau­en­po­kal­sieger 2008 und je 100 Euro sollen die 125 Kreis­liga-Klas­sen­leiter für ihre erhöhten Auf­wen­dungen im Zusam­men­hang mit den Auf­lagen des Spon­sors erhalten. Denn so ein­fach, wie zunächst ange­nommen, ist die Ein­füh­rung eines Gene­ral­spon­so­rings nicht. In Nord­hessen hat sich auf Initia­tive des Tuspo Waldau ein Wider­stand aus rund 30 Ver­einen for­miert, denen sich die Vor­teile des Enga­ge­ments nicht erschließen. 30 bis 40 wei­tere Klubs aus Hessen melden eben­falls erheb­liche Zweifel an dem Spon­so­ring an. Einer der Kri­tik­punkte: Um die lokale Spon­so­ren­struktur, die vielen Ver­einen die Exis­tenz sichert, nicht zu gefährden, spielen die Klubs weiter auch in den Tri­kots ihrer ange­stammten Partner. Die über­ar­bei­tete Klei­der­ord­nung des HFV ver­pflichtet aber alle Teams dazu, das Ärmel­logo des Liga-spon­sors auf diesen Hemden anzu­bringen. Eine Nicht­er­fül­lung dieser Ver­pflich­tung wird nach § 65 Straf­ord­nung bestraft.“ Die Schieds­richter sind ange­halten, Ver­stöße bei den Klas­sen­lei­tern zu melden. Läuft ein Klub dreimal ohne Logo auf, drohen ihm bis zu 250 Euro Strafe. Ste­phan Haar­busch, Fuß­ball-Abtei­lungs­leiter beim Tuspo Waldau, ist ratlos.

Bei ihm haben sich die lokalen Spon­soren des Tuspo beschwert, der ört­liche Sport­händler und eine Ver­si­che­rung. Das Kia-Logo auf den Ärmeln der Jer­seys, die von ihnen bezahlt worden seien? Ja, wo kommen wir denn da hin. Haar­busch fürchtet nun, dass, sollten sich die jah­re­langen Partner aus Ver­är­ge­rung zurück­ziehen, dem Klub Gelder weg­bre­chen, die bisher vor allem dem Jugend­fuß­ball in Waldau zugute kamen. Auch die geschenkten Spon­so­ren­tri­kots lösen das Pro­blem nicht. Da es den Kia-Satz nicht in den Ver­eins­farben des Tuspo gab, muss Haar­busch erst einmal für rund 500 Euro pas­sende Stutzen, Hosen, sowie ein dazu­ge­hö­riges Tor­wart­trikot anschaffen, da die Kia-Lie­fe­rung nur die reinen Tri­kots umfasst.

In vor­aus­ei­lendem Gehorsam hat der HFV ver­fügt, dass alle Klubs, bei denen sich ein Auto­sponsor enga­giert, einen Antrag auf Befreiung von der Logo-Anbrin­gung stellen können. Ein anderer Klub, der gerade glaub­haft ver­si­chern konnte, dass das Ego seines lang­jäh­rigen Mäzens durch den Kia-Schriftzug nach­haltig ange­griffen werde, wurde eben­falls frei­ge­stellt. Das Schlupf­loch, das der HFV mit seinen Beschlüssen lie­fert, zieht seitdem ein Rudel Schild­bür­ger­streiche nach sich. So wurde ein Ver­eins­vor­stand bei seinem ört­li­chen Auto­haus vor­stellig, ob es so nett sein könne, auf unter­neh­mens­ei­genem Brief­pa­pier zu bestä­tigen, dass es als ver­meint­li­cher Sponsor mit dem Kia-Logo nicht ein­ver­standen sei. Ein Betreuer eines anderen Teams kommt seit Wochen mit der Aus­rede bei den Schieds­rich­tern durch, er habe die Kia-Tri­kots zuhause ver­gessen. Dynamo Windrad Kassel indes bevor­zugt den harten Weg und ver­fügte auf seiner Mit­glie­der­ver­samm­lung soeben, dass es keine durch einen Ver­band dik­tierten Gene­ral­spon­soren zur Bewer­bung auf Ver­eins­ei­gentum“ akzep­tieren werde. Eine Beflo­ckung der Tri­kots ist bis auf wei­teres dem­nach nicht vor­ge­sehen. Roter Stern Hof­heim aus dem Main-Taunus-Kreis, eben­falls ein Verein aus dem ehe­mals links­al­ter­na­tiven Spek­trum, sieht es ähn­lich und spen­dete seinen Tri­kot­satz an ein Stra­ßen­pro­jekt in Süd­in­dien. Der Vor­sit­zende Steffen Krink stellt klar: Wir würden im Not­fall ein Ver­war­nungs­geld in Kauf nehmen.“ Einer seiner Mit­spieler, der sich im Ort einen Mer­cedes gekauft hat, erfragte sicher­heits­halber bei seinem Auto­händler, ob der für Roter Stern im Not­fall die Paten­schaft über­nehmen würde.

Man kann nicht nur die Hand auf­halten“

Offi­ziell ent­scheidet der HFV in Absprache mit Kia, wel­cher Verein eine Son­der­ge­neh­mi­gung erhält. In letzter Instanz besitzt aber der Auto­kon­zern die Ent­schei­dungs­ge­walt, wer mit und wer ohne Logo spielt. HFV-Jus­ti­ziar Münker sagt: Als Ver­band sind wir geneigt, den Ver­einen zu glauben, wenn sie ver­si­chern, dass sich ihr lokaler Sponsor nicht mit Kia arran­gieren will.“ Doch Kia-Mar­ke­ting-Mann Wit­ten­berg stellt klar: Man kann nicht nur die Hand auf­halten, wir wollen natür­lich auch eine Gegen­leis­tung für unsere Inves­ti­tion.“

Intern scherzen des­halb einige Wider­ständler, ob es nicht besser sei, das Eisen beim Bügeln extra lang auf das Logo zu drü­cken, damit es zur Unkennt­lich­keit ver­kohle. Damit würden die Ver­eine aber vor allem ihr Eigentum beschä­digen. So oder so ist das Beflo­cken in einer Liga, in der es nur alle Jubel­jahre neue Tri­kots gibt, so eine Sache. Was, wenn das Logo nach einem Jahr wieder abge­macht werden soll? Roland Stipp, Abtei­lungs­leiter bei Con­cordia Eschers­heim, stellt klar: Wir sind zwar befreit, weil wir ein Auto­haus als Sponsor haben, würden aber sonst auf keinen Fall ein Logo anbringen. Schließ­lich sind die Tri­kots unser Eigentum und bisher hat sich auch keiner vom Ver­band darum geküm­mert, woher wir sie bekommen.“

An der Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Gene­ral­sponsor man­gelt es nicht nur in den Klubs. Man­chen Schieds­rich­tern, die sonst für ihr gutes Auge gerühmt werden, fällt plötz­lich nicht mehr auf, dass ein Team ohne Kia-Insi­gnien auf­läuft. Die Mel­dung an den Klas­sen­leiter bleibt folg­lich aus. Auch die ehren­amt­li­chen Kreis­fuß­ball­warte sind im Zwie­spalt. Main-Taunus-Klas­sen­leiter Karl-Heinz Rei­chert pol­terte, vom Höchster Kreis­blatt“ nach den Vor­gaben zur Klei­der­ord­nung durch den HFV gefragt: Es passt mir auch nicht, wir können aber nichts dagegen tun.“

Der HFV hat den Deal, der auf Initia­tive der Agentur Deut­sche Sport­wer­bung“ zustande kam, durch seinen Beirat absegnen lassen. In der Sit­zung, an der sowohl die Klas­sen­leiter als auch viele Ver­eins­bosse teil­nahmen, soll es laut Jus­ti­ziar Münker keinen Wider­spruch gegen die Aktion gegeben haben. Viele Klas­sen­leiter haben den­noch ver­säumt, die Neu­re­ge­lung inner­halb ihrer Kreise bekannt zu machen. Außerdem seien die HFV-Mit­tei­lungen zu dem Thema bei vielen Klubs wohl nur unzu­rei­chend ange­kommen. Münker gibt zu: Viel­leicht hätten wir besser kom­mu­ni­zieren müssen.“

Der Gedanke, dass die lokale Spon­so­ren­struktur, die einen maß­geb­li­chen Anteil an einem intakten Brei­ten­sport besitzt, durch ein Spon­so­ren­diktat in Gefahr gerät, kommt den Funk­tio­nären erst all­mäh­lich. Damit zwi­schen Ver­band und Ver­einen nicht noch mehr Por­zellan zu Bruch geht, will der HFV Ende Sep­tember auf einer Sit­zung ent­scheiden, dass ein Spon­soren-Boy­kott durch einen Klub bis auf wei­teres keine Strafen zur Folge hat. Schließ­lich soll durch das Kia-Spon­so­ring eine Pro-Marken-Stim­mung“ erhalten bleiben, denn der Kon­zern soll sein Kreis­liga-Enga­ge­ment zumin­dest bis 2010 fort­setzen. Ob bis dahin alle Schild­bürger den umstrit­tenen Fetzen auf dem Tri­ko­t­ärmel ange­bracht haben? Bügeln ist ja nicht jeder­manns Sache.