Seite 2: Hoeneß und Effenberg attackieren

16.04.2000, BayArena Lever­kusen
Am nächsten Tag fegt Lever­kusen über Bie­le­feld hinweg und über­nimmt die Tabel­len­spitze, schon nach 50 Minuten steht es 4:0. Wenn Kahn mit seinen Teu­fels­kerl-Paraden nicht wäre, würde auch das Tor­ver­hältnis für Lever­kusen spre­chen. So sind es immerhin drei Punkte Vor­sprung. Die sich Bayer zunächst auch nicht nehmen lässt. Bayern schlägt zwar Dort­mund, Ros­tock und Bie­le­feld, Bayer gewinnt aber eben­falls erst in Bremen, dann in Ham­burg und dann, am 33. Spieltag, zu Hause gegen Angst­gegner Frank­furt. Schon vor der Partie herrscht Volks­fest­stim­mung. Auf Ein­la­dung von Reiner Cal­mund gibt die Kar­ne­vals­band Die Koli­bris“ ihren Hit Die Hände zum Himmel“ zum Besten. Im Sai­son­ver­lauf hatten die Lever­ku­sener Fans das Lied zu ihrem Sound­track gemacht. Da war Stim­mung in der Bude wie sonst beim 1. FC Köln“, erin­nert sich Bayer-Fan Lukas Pfeifer, damals 15 Jahre alt. Die Hände zum Himmel. In Rich­tung Schale. Die ganze Welt ist ein Verein. 

Aller­dings steht es zur Halb­zeit nur 1:1. Dann packt Chris­toph Daum einen 7‑Punkte-Plan aus, den er anschlie­ßend via Bild an die Öffent­lich­keit durch­sticht: 1. Elf­meter schießt Stefan (Bein­lich, d. Red.) oben links. 2. Viel trinken, immer wieder an den Spiel­feld­rand kommen. 3. Bei Allein­gang immer auf den kurzen Pfosten schießen. 4. Ulf spä­tes­tens nach 70 Minuten raus. 5. Falls Rei­chen­berger kommt, zuerst Gespräch führen. 6. Tore immer am zweiten Pfosten machen. 7. Emma (Emerson, d. Red) muss mehr ankur­beln, mehr Pässe spielen.“ In der zweiten Hälfte trifft Bein­lich per Elf­meter oben links, der ange­sta­chelte Kirsten noch vor seiner Aus­wechs­lung am zweiten Pfosten und Paolo Rink nach Emerson-Traum­pass ins kurze Eck. Bayer gewinnt mit 4:1. Nach dem Spiel sagt Daum live bei Sat1: Am nächsten Samstag sind wir Meister. Basta!“ 14 Spiele ohne Nie­der­lage, Welt­klasse-Ein­zel­spieler in Top­form, ein genialer und selbst­be­wusster Trainer: Wer soll diese Mann­schaft jetzt noch stoppen? Etwa Unter­ha­ching?

13.05.2000, Unter­ha­ching
Am 32. Spieltag, eine Woche vor Bayers Sieg gegen Frank­furt, war die SpVgg Unter­ha­ching auf Werder Bremen getroffen. In der 74. Minute hatte der ein­ge­wech­selte André Brei­ten­reiter das spiel­ent­schei­dende 1:0 erzielt und dem Münchner Vor­ort­klub so in der ersten Bun­des­li­ga­saison der Ver­eins­ge­schichte vor­zeitig den Klas­sen­er­halt gesi­chert. Dabei galt Haching vor der Saison noch als logi­scher Nach­folger von Tas­mania Berlin, der schlech­testen Mann­schaft aller Zeiten. Keine Stars, kaum Geld, kleines Sta­dion, ulkiger Name, klare Sache. Am ersten Spieltag hatte die Truppe gegen Ein­tracht Frank­furt gefühlt nur zweimal die Mit­tel­linie über­quert. Und dann? Hatte sie es allen gezeigt. Nun herrscht Aus­flugs­stim­mung im Verein. Am vor­letzten Spieltag reisen die Spieler samt Frauen nach Ham­burg, ver­bringen ein schönes Wochen­ende und ver­lieren 0:3. Trainer Lorenz-Gün­ther Köstner ist ent­nervt, gibt der Mann­schaft aber bis zum Mitt­woch trai­nings­frei.

14.05.2000, Flug­hafen Mün­chen
Nach der herben Nie­der­lage sitzen Köstner und Manager Nor­bert Hart­mann im Flieger. Sie haben Zwi­schen­sta­tion in Düs­sel­dorf gemacht, um Dietmar Hirsch vom MSV Duis­burg zu ver­pflichten. Die Pla­nungen für die nächste Bun­des­liga-Saison sind ange­laufen. Zurück in Mün­chen trennen sich ihre Wege. Köstner ist auf dem Weg zum Aus­gang, wo seine Frau mit dem Auto wartet. In diesem Moment kommen Karl-Heinz Rum­me­nigge und Bay­erns Chef­scout Wolf­gang Dremmler durch die Tür. Lorenz“, fragt Rum­me­nigge, was habt ihr denn ges­tern gemacht? 3:0 in Ham­burg?“ Die Sorge, dass sich Unter­ha­ching zum Sai­son­fi­nale hängen lässt, steht den beiden ins Gesicht geschrieben. Reißt’s euch mal zusammen!“, sagen die Münchner. Köstner ent­gegnet: Schaut ihr lieber, dass ihr am Samstag gegen Bremen gewinnt.“

Köstner weiß: In Unter­ha­ching stehen die Chancen für seine Jungs gar nicht so schlecht. Bis jetzt hat die Mann­schaft in 16 Heim­spielen erst zehn Gegen­tore kas­siert und dabei 32 ihrer 41 Punkte geholt. Auch wenn das außer­halb der kleinen Gemeinde kaum jemand mit­be­kommt: Der Sport­park Unter­ha­ching ist eine Fes­tung. Viele große Mann­schaften haben gedacht, sie können im Vor­bei­gehen die Punkte mit­nehmen“, sagt Spieler Danny Schwarz. Aber wird die Mann­schaft sich noch einmal auf­raffen können? Köst­ners Spiel­weise – viele Umschalt­be­we­gungen, viel Kampf, viele Sprints – ist kräf­te­rau­bend. Immerhin, die Mann­schaft ist nach wie vor topfit, den gesamten Sommer hatte er sie laufen lassen.

Was ist schon normal, wenn du eine Hand schon an der Schale hast?”

Reiner Calmund über die Woche vor Unterhaching

Der 34. Spieltag
15.05.2000, Mün­chen
Es ist der Montag vor dem Meis­ter­schafts­fi­nale – und Uli Hoeneß ist offi­ziell ins Titel­rennen ein­ge­stiegen. Erst am Wochen­ende hatte er den Hachinger Spie­lern Weiß­würste bis zum Abwinken“ ver­spro­chen, sollten diese Lever­kusen am Samstag schlagen. Dabei sind die auch von alleine moti­viert genug, nachdem ein Fern­seh­sender sie auf Fahr­rä­dern zum Trai­ning hatte fahren lassen, um sie als Dorf­fuß­baller zu insze­nieren. Nun legt Hoeneß via Welt nach und teilt gegen Intim­feind Chris­toph Daum aus: Haben Sie ihn am Samstag im Fern­sehen gesehen?“, fragt er den Reporter. Ich fand ihn furchtbar nervös. Wenn einer per­ma­nent die eigenen Erfolge raus­heben muss, ist das ein Zei­chen, dass er die Hosen voll hat.“ Nor­males Geplänkel“, sagt Bein­lich. Diese Psy­cho­spiel­chen kannten wir ja schon, das hat uns nicht gestört“, sagt Cal­mund. So normal wie mög­lich“, habe sich die Mann­schaft auf das Sai­son­fi­nale vor­be­reiten wollen. Aber was ist schon normal, wenn du eine Hand schon an der Schale hast?”

17.05.2000, Sport­park Unter­ha­ching
Auf dem Weg zum ersten Trai­ning der Woche kommt Lorenz-Gün­ther Köstner an der Haupt­tri­büne im Sport­park vorbei. Dort stehen Reiner Cal­mund und Wolf­gang Holz­häuser. Sie über­legen, wo am Samstag die Meis­ter­schale über­geben werden könnte.

18.05.2000, BayArena Lever­kusen
Die Nerven ver­liert man nur in Extrem­si­tua­tionen, und Lever­kusen erlebt am Samstag eine solche. Die Bayer-Elf hat mehr zu ver­lieren als wir. Als Lever­ku­sener Spieler würde ich, wenn es dieses Jahr mit dem Titel nichts werden sollte, jah­re­lang das Kotzen kriegen.“ Auch das Inter­view, das Bay­erns Leit­wolf Stefan Effen­berg am Don­nerstag dem Kicker gibt, sitzt. Und sorgt fast überall in Deutsch­land für Auf­re­gung. Überall außer in Lever­kusen. Im Restau­rant der BayArena sitzen dieser Tage Reporter mit ver­zwei­feltem Gesichts­aus­druck“, schreibt die Welt, weil über Trainer Chris­toph Daum nichts zu ver­melden ist und nichts pas­siert, weil so gar nichts darauf hin­deutet, dass Bayer Lever­kusen nur noch wenige Stunden vom größten Tri­umph der Ver­eins­ge­schichte ent­fernt ist.“ Alles Show? Kol­lek­tives Poker­face? Auch 20 Jahre später findet Cal­mund: Es gab keine Anzei­chen dafür, dass es schief gehen könnte.“

19.05.2000, Grand Hotel Ara­bella She­raton, Mün­chen
Selbst am Freitag läuft alles wie immer bei Bayer 04. Dass der Tag morgen zum größten der Ver­eins­ge­schichte werden könnte, ändert nichts an der Spiel­vor­be­rei­tung. Am Vor­mittag wird ganz normal in Lever­kusen trai­niert, danach gegessen, dann fährt die Mann­schaft geschlossen zum Flug­hafen in Düs­sel­dorf. In Mün­chen ange­kommen geht es ab ins Hotel, nach dem Abend­essen, um 22:00 Uhr, richtet Chris­toph Daum noch ein paar Worte an seine Spieler. So wie immer, vor jedem Aus­wärts­spiel. Nach der Ansprache gehen die Männer zu zweit auf ihre Zimmer. Balle (Michael Bal­lack, d. Red.) und ich lagen auf unseren Betten und tauschten uns über das Spiel aus“, sagt Bein­lich. Aber das haben wir beide grund­sätz­lich so gemacht. Ein biss­chen geträumt wurde da natür­lich auch. Wir wussten ja, dass die echte Schale bei uns im Sta­dion sein würde. Und als Spieler denkst du an den Erfolg, daran, dass du positiv aus der Sache raus gehen wirst.“ Cal­mund sagt: Die Mann­schaft wirkte ruhig, selbst­be­wusst, aber nicht arro­gant.“

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