Seite 5: „Ich war’s gar nicht”

20.05.2000 Uhr, 15:44 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Frei­stoß Bayer 04. Halb­rechte Posi­tion, 22 Meter, optimal für einen Linksfuß wie Stefan Bein­lich. Schon drei Frei­stöße hat er in dieser Saison direkt ver­wan­delt, in Deutsch­land gibt es in der Hin­sicht zur Zeit keinen bes­seren als ihn. Er läuft an – und ver­zieht. Auch das Gesicht.

20.05.2000 Uhr, 15:45 Uhr, Olym­pia­sta­dion Mün­chen
Im Olym­pia­sta­dion wird die Mann­schaft weiter nach vorne gepeitscht. Aller­dings nicht die eigene. Haching, Haching, Haching“, brüllen tau­sende Bayern-Fans. Ob sie das drüben viel­leicht sogar hören?

20.05.2000 Uhr, 15:46 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Der neue Zwi­schen­stand aus Mün­chen wird ein­ge­blendet. Das Sta­dion steht Kopf. Da herrschte baju­wa­ri­sche Ver­brü­de­rung“, sagt Lever­kusen-Fan Lukas Pfeifer, der im Gäs­te­block bangt. Auf der Trai­ner­bank dreht sich Köstner zu seinem Co-Trainer Heri­bert Deu­tinger um: Die werden unzu­frieden. Ich glaube, wir haben eine Chance.” Er meint die Gäste, deren Spieler nun immer öfter ges­ti­ku­lieren. Weil sie immer öfter Fehler machen.

20.05.2000 Uhr, 15:47 Uhr, Olym­pia­sta­dion Mün­chen
Bayern macht den Haken dran. Und zau­bert jetzt richtig. Babbel auf Sali­ha­midzic, der direkt weiter auf Scholl, der direkt in die Mitte zu Sergio, der mit der Hacke ins lange Eck. 3:0. Zum dritten Mal läuft Anton aus Tirol“ in beiden bay­ri­schen Sta­dien über die Sta­di­on­boxen. Nun erwacht auch Cal­mund aus seiner Lethargie und reagiert zuneh­mend gereizt: Das ging mir richtig auf den Geist“. Da sind sie wieder, die Bayern. Mia san mia. Falls wer wissen will, wie man Druck auf­baut: So geht das. Bing, bing, bing“, sagt Bein­lich, dau­ernd wurden die Tore der Bayern gezeigt. Natür­lich hat das ein biss­chen genervt.“

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20.05.2000 Uhr, 15:50 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Eigent­lich hat Lever­kusen hier alles im Griff. Klar, bis­lang waren kaum echte Chancen dabei, aber irgend­wann werden die Hachinger schon müde werden, und wenn Lever­kusen erstmal führt, werden die Gegner auch nicht mehr rennen wir die Ver­rückten. Und dann können auch die Bayern machen, was sie wollen. Sollen sie doch 32 Tore schießen. Aber noch steht es 0:0 und Haching kämpft. Gerade hat sich die No-Name-Truppe einen Ein­wurf erar­beitet, sogar tief in der geg­ne­ri­schen Hälfte. Die Fans klat­schen auf­for­dernd im Takt, einige tröten erwar­tungs­froh. Marco Haber wirft den Ball in den Straf­raum, Bayer klärt, unzu­rei­chend. Danny Schwarz ist vor Ulf Kirsten am Ball. Steht etwa 18 Meter halb­rechts vor dem Tor. Zwi­schen Tor­hüter Matysek und dessen Vie­rer­kette ergibt sich ein Raum im Sech­zehner. Schwarz sieht Altin Rra­klli auf den zweiten Pfosten zulaufen. Er weiß, Rra­klli ist kein Kopf­ball­spieler, aber diese Flanken aus dem Halb­feld mag er. Solche Bälle tun jeder Abwehr weh”, sagt Schwarz.

Er flankt.

Bal­lack, der eine über­ra­gende Rück­runde gespielt hat, sieht Altin Raklli in seinem Rücken und will den Ball klären. Bloß: Wohin? Er grätscht in den Ball, trifft ihn mit der linken Sohle, kurz bevor der heraus eilende Adam Matysek ihn ein­fach mit den Händen hätte weg­pflü­cken können – und drückt ihn ins ver­waiste eigene Tor. 1:0 Unter­ha­ching. In diesem Augen­blick ist der FC Bayern Deut­scher Meister“, sagt Marcel Reif. Ob es in Unter­ha­ching jemals zuvor so laut gewesen ist?

Schwarz hat gesehen, dass der Ball im Netz landet und läuft jubelnd zur Eck­fahne. Dort steht schon Rra­klli und gesteht: Ich war’s gar nicht.”

Nach dem Eigentor liegt Bal­lack für einen kurzen Augen­blick auf dem Boden und ver­deckt das eigene Gesicht mit seinen Händen. Er ist der ein­zige Lever­ku­sener Stamm­spieler, der schon mal Deut­scher Meister war. Und er weiß: Das hätte nicht pas­sieren dürfen. Reiner Cal­mund ist über­zeugt: Der Rra­klli hätte den nie­mals rein­ge­macht.“ Chris­toph Daum steht wie ange­wur­zelt vor seiner Trai­ner­bank, Jens Nowotny eilt zu Bal­lack und gibt ihm einen Klaps auf den Kopf. Auch Bein­lich ver­sucht, den jungen Mit­tel­feld­spieler auf­zu­mun­tern: Auf den Fern­seh­bil­dern sieht man, wie ich zu ihm gehe und ihm auf­helfe. Ich sagte: Kein Thema, ist doch gerade mal eine halbe Stunde gespielt!‘ Zu dem Zeit­punkt habe ich das auch tat­säch­lich geglaubt.“

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20.05.2000 Uhr, 15:51 Uhr, Olym­pia­sta­dion Mün­chen
Plötz­lich ging ein Gemurmel durchs Sta­dion“, sagt Carsten Jancker. Dann habe ich gemerkt: Boah! Die sind 1:0 hinten.“ Als das Ergebnis dann offi­ziell ange­zeigt wird, ver­wan­delt sich das Olym­pia­sta­dion in eine Party. Men­schen liegen sich über ver­schie­dene Sitz­reihen hinweg in den Armen, Fahnen werden geschwenkt, gefühlt sind die Bayern in diesem Moment Meister geworden. Uli Hoeneß grinst und redet auf Ottmar Hitz­feld ein. Der schaut auf die Uhr. Noch knapp 70 Minuten.

20.05.2000 Uhr, 15:52 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Von der Mode­ra­to­ren­ka­bine, die auf der Höhe des Sechs­zeh­ners ange­bracht wurde, blickt Fritz von Thurn und Taxis in Rich­tung Trai­ner­bank. Er hat Chris­toph Daum in den letzten Jahren begleitet, er weiß, dass der Coach seine Mann­schaft immer errei­chen kann. Doch Daum schaut starr auf den Platz. Wie para­ly­siert”, denkt sich der Reporter.

20.05.2000 Uhr, 15:54 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Wieder Frei­stoß, wieder Bein­lich. Diesmal fliegt der Ball deut­lich besser – mit Schnitt und Tempo Rich­tung langes Eck. Passt der? Ja? Ja??? Nein. Knapp links vorbei. Das Netz wackelt trotzdem, weil der Ball von der Tor­stange zurück­prallt. Der Gäs­te­block jauchzt auf. Bis alle merken, was pas­siert es. Immer noch 0:1. Schöner Ver­such. Aber schön ist noch nie so für die Katz gewesen wie heute“, sagt Reif.“ Bein­lich rauft sich die kurzen Haare.

20.05.2000 Uhr, 16:03 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Bayer ver­sucht es spie­le­risch. Emerson mit der Hacke auf Bal­lack, der ins Zen­trum zu Schneider, Dop­pel­pass mit Bein­lich, jetzt könnte der Pass in die Tiefe kommen oder ein Lupfer über die Abwehr, kaum jemand beherrscht diese Bälle besser als Bernd Schneider. Doch der Tech­niker rotzt über­hastet aus 25 Metern rauf. Der Ball geht übers Tor. Deut­lich.

20.05.2000 Uhr, 16:10 Uhr, Olym­pia­sta­dion Mün­chen
Das Spiel plät­schert vor sich hin, in Gedanken sind gerade knapp 63.000 Men­schen im 14 Kilo­meter ent­fernten Unter­ha­ching. Nur die elf Bremer nicht. Marco Bode mit dem 3:1. Geht da noch was?

20.05.2000 Uhr, 16:15 Uhr, Olym­pia­sta­dion Mün­chen
Wenig später muss Carsten Jancker ver­letzt vom Feld, der Muskel macht zu. Er hum­pelt in die Umklei­de­ka­bine. Und bleibt ein­fach sitzen, auch nachdem Ottmar Hitz­feld in der Halb­zeit­an­sprache seinen Spie­lern noch mal ins Gewissen gespro­chen und sie zu mehr Kon­zen­tra­tion auf­ge­for­dert hat. Ich habe mir gesagt: Ich bleib drinnen, dann bleibt’s beim 1:0 in Unter­ha­ching.“

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