Seite 3: Was soll schon schief gehen?

20.05.2000, Früh­mor­gens, Hotel Huber, Unter­ha­ching
Wie an jedem Spieltag hat Lorenz-Gün­ther Köstner am Morgen seine Lauf­runde absol­viert. Zurück im Mann­schafts­hotel kommen er und seine Frau Kathrin im Spei­se­saal mit einigen Fans von Bayer Lever­kusen ins Gespräch. Auch ein Metzger sitzt am Tisch, der dem Trainer sogleich eine selbst­ge­machte Wurst aus dem Rhein­land anbietet. Wäh­rend Köstner kaut, fragt ihn der Schlachter: Was meinen Sie, wie geht’s aus?“ Köstner über­legt. Wenn Lever­kusen gewinnt, sagt er, dann haben sie es auch ver­dient. Dann zeigt er nach draußen. Die Sonne scheint, ein paar helle Wolken sind am Himmel zu sehen. Wisst ihr, was das ist?“, fragt Köstner die Anwe­senden, das ist Kai­ser­wetter. Und das spricht für die Bayern.“ In diesem Moment beschleicht ihn das Gefühl, dass heute eine Über­ra­schung mög­lich ist. Zu seiner Frau sagt er leise: Du, ich glaub’, die Bayern werden heute Meister.”

20.05.2000, 11:00 Uhr, Grand Hotel Ara­bella She­raton, Mün­chen
Am Tag der Tage wacht Cal­mund auf und hat ein Pro­blem. Das Spiel beginnt erst in einigen Stunden, aber ihm geht jetzt schon die Pumpe. Am Morgen war ich wie ein Gum­mi­ball, ganz eigen­artig. Ich war irr­sinnig nervös und hatte hef­tiges Herz­klopfen.“ Die zahl­rei­chen Ver­treter von Part­nern und Spon­soren, die den Manager plötz­lich umschwirren, weil jeder unbe­dingt noch ein Ticket für den kleinen Sport­park haben will, am liebsten natür­lich direkt auf Höhe der Mit­tel­linie, tun ihr Übriges. Das hat Nerven gekostet.“ Im Hotel macht sich eine selt­same Stim­mung breit. Wel­cher Spon­so­ren­ver­treter, wel­cher Edelfan, wird bei der Meis­ter­feier zuerst Hand an die Schale legen dürfen? Wer sich in der Lobby des She­raton umsieht, wird den Ein­druck nicht los, dass hier das Fell des Bären schon vor der Jagd ver­teilt wird. Doch spürt die Mann­schaft etwas vom Treiben? Oder kann Cal­mund den Stress von seinen Jungs fern halten? Auch wenn ihm das Herz bis zum Hals schlägt? Irgend­wann wird es dem Mann­schafts­arzt zu bunt, er checkt den Manager durch. Alle Werte waren in Ord­nung. Und um 13 Uhr fiel der Puls ganz plötz­lich. Ich saß neben unserem Sport­chef Rudi Völler und sagte: Ich bin so ruhig, als hätte ich Valium genommen.‘“

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20.05.2000, 12:30 Uhr, Olym­pia­ge­lände, Mün­chen
Der­weil bereiten sich die Bayern 14 Kilo­meter vom Sport­park Unter­ha­ching ent­fernt, am Olym­pia­ge­lände in Mün­chen, in aller Ruhe auf ihr eigenes Finale vor. Egal, was drüben in Haching pas­siert, Werder Bremen muss geschlagen werden. Wir wussten, dass wir schnelle Tore brau­chen würden, um Druck auf­zu­bauen“, sagt Carsten Jancker. Aber uns war auch klar: Lever­kusen würde ein ein­ziger Punkt rei­chen.“ Ob er und seine Team­kol­legen damals wirk­lich noch an ein Happy-End geglaubt hätten? Wir haben gehofft. Aber wirk­lich daran geglaubt? Eher nicht.“

20.05.2000, 13:45 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Der Bayer-Bus fährt am Sport­park Unter­ha­ching vor, wo es aus­sieht wie auf einer Dorf­sport­an­lage. Weil es, nun ja, eine Dorf­sport­an­lage ist. Nur 10.300 Zuschauer passen hinein, hinter den fla­chen Tri­bünen ragen Bäume und angren­zende Gebäude hervor, eine Video­lein­wand hängt pro­vi­so­risch an einem Kran. Hachings Haupt­sponsor hatte den Kran zusammen mit der Erdinger Brauerei extra auf­stellen lassen, um die Spiel­stände mög­lichst modern dar­stellen zu können. Es wirkt ein biss­chen, als würde Bayer gleich in einem Vor­be­rei­tungs­spiel gegen einen Sechst­li­gisten antreten und nicht im ent­schei­denden Spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft. Ande­rer­seits sind schon jetzt viele Zuschauer da. Auch Reiner Cal­mund lässt sich auf seinem Tri­bü­nen­platz fallen. Er ist noch immer völlig groggy. Wie durch einen Schleier“ erlebt er die fol­genden Stunden. Das Spiel wird, wie fast immer in dieser Saison, aus­ver­kauft sein. Anders als sonst werden aller­dings auch viele Leute dabei sein, die eigent­lich dem großen Nach­barn aus Mün­chen die Daumen drü­cken und nicht primär der SpVgg. Meh­rere hun­dert Bayern-Fans haben sich ange­kün­digt, um bei der Sen­sa­tion zu helfen.

20.05.2000, 14:00 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Schon am frühen Sams­tag­morgen hat sich Bayer-Fan Lukas Pfeifer gemeinsam mit seinem Cousin und seinem Paten­onkel im Auto aus dem Rhein­land auf den Weg nach Unter­ha­ching gemacht. Die Zeit bis zum Anstoß ver­treiben sie sich an den Ständen vor dem Sta­dion. Ein Händler bietet Meis­ter­schalen aus Schaum­stoff an, Pfeifer schlägt zu. Beide Hände an der Schale. Fühlt sich gut an.

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20.05.2000, 14:50 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Bein­lich und seine Kol­legen machen sich warm. Mitt­ler­weile hängen düs­tere Wolken über Unter­ha­ching, außerdem ist es windig. Man könnte sagen: unge­müt­lich. Wir wussten schon, dass es ein hartes Stück Arbeit werden würde. Haching hatte nichts zu ver­lieren.“ Trotzdem, sagt Bein­lich, sei es ein Tag wie jeder andere gewesen. Sie hätten das gleiche Warm­mach­pro­gramm abge­spult, er sei nicht ner­vöser gewesen als sonst. Der ein­zige Unter­schied zu den 155 Bun­des­li­ga­spielen, die Bein­lich bisher absol­viert hat: Am Spiel­feld­rand steht, für die Spieler schon vor Anstoß sichtbar, die Meis­ter­schale. Und zwar die echte. So, wie Bal­lack und er sich das ges­tern vor­ge­stellt hatten. Auch Cal­mund hat sie von seinem Platz auf der Tri­büne aus das ganze Spiel über im Blick. Die DFL hat sich für Unter­ha­ching und gegen Mün­chen ent­schieden. Was soll schon schief gehen?

20.05.2000, 15:00 Uhr, Sport­park Unter­ha­ching
Fritz von Thurn und Taxis, das schwarze Mikrofon mit der rot-gelben Premiere”-Banderole in der Hand, geht in Gedanken noch einmal seine Fragen durch. Vorhin, als er Chris­toph Daum im Vor­bei­gehen traf, wirkte der Trainer ange­spannt. Aber wie sollte es auch anders sein? Thurn und Taxis blickt zur Tri­büne. Die Meis­ter­schale, das Ori­ginal, wird posi­tio­niert. Die Herren von der DFL sind gekommen. DFB-Prä­si­dent Egi­dius Braun ist da. Sie wollen vor Ort sein, wenn Lever­kusen zum Meister gekrönt wird. Und wie es die Archi­tektur in Unter­ha­ching vor­sieht, steht der Mann­schaftsbus aus Lever­kusen auf einem Park­platz hinter der Eck­fahne. Gut sichtbar, rück­wärts ein­ge­parkt, sofort bereit zum Raus­fahren. Ganz so”, denkt sich Thurn und Taxis, als mache man auf dem Weg zur Meis­ter­feier nur einen Zwi­schen­stopp.”