Es ist Anfang Oktober, der zwölfte Spieltag in der League One, dritt­höchste Spiel­klasse im eng­li­schen Fuß­ball. Ein paar Siege, ein paar Unent­schieden und Nie­der­lagen, nichts Außer­ge­wöhn­li­ches – eigent­lich. Aber plötz­lich über­schlagen sich in den sozialen Netzen die Schlag­zeilen. Der Guar­dian“, eine der größten Nach­rich­ten­seiten in Eng­land, berichtet erregt von einem his­to­ri­schen Mei­len­stein“. Und Fuß­ball­ro­man­tiker überall auf der Insel wischen sich melan­cho­lisch-ent­rückt die Freu­den­tränen aus den Augen. Was ist pas­siert?

Nüch­tern betrachtet, nicht mehr als das: Der AFC Wim­bledon hat sein Aus­wärts­spiel bei Oxford United mit 3:1 gewonnen. Zum ersten Mal in der Geschichte spielt der von seinen Fans geführte Verein in der­selben Liga wie der Grund dafür, dass sie ihn im Jahr 2002 gegründet haben – die Milton Keynes Dons. Und an diesem zwölften Spieltag der Saison 2016/17 hat die Mann­schaft etwas geschafft, das in Wim­bledon vor 14 Jahren frü­hes­tens nach dem fünften Pint als rea­lis­ti­sches Sze­nario durch­ging: Der AFC schiebt sich in der Tabelle erst­mals vor die MK Dons.

Die hei­mat­losen Jahre des Wim­bledon FC

Für gewöhn­lich löst die Tabelle der dritten Liga auch in Eng­land keine natio­nale Hys­terie aus, schon gar nicht das triste Mit­tel­feld des Ran­kings; der AFC ist jetzt Zehnter, die MK Dons Zwölfter. Aber die Geschichte beider Klubs steht aus Sicht vieler bri­ti­scher Fans stell­ver­tre­tend dafür, was falsch läuft im Busi­ness Pro­fi­fuß­ball. Es ist eine Geschichte, in der Wim­bledon das Gute des Spiels ver­kör­pert – und die MK Dons das vom Kom­merz durch­wu­cherte Böse.

Um das zu ver­stehen, muss man in den Fuß­ball-Geschichts­bü­chern ein paar Seiten zurück blät­tern. Im Jahr 1889 wurde im Süd­westen Lon­dons der Wim­bledon Foot­ball Club gegründet. Der Verein ver­brachte die meiste Zeit im Ama­teur­fuß­ball. Doch in den Acht­zi­gern gelang den Dons“ eine mär­chen­hafte Serie von Auf­stiegen bis hinauf in die erste Liga. Der Höhe­punkt dieser Zeit war der Gewinn des FA-Cups im Jahr 1988: Im Finale in Wem­bley besiegte die Crazy Gang“ um die land­läufig gefürch­teten Rau­beine Vinnie Jones und John Fas­hanu den FC Liver­pool mit 1:0. Die Wei­chen für eine erfolg­reiche Zukunft schienen gestellt. 16 Jahre später sollte der Wim­bledon FC auf­hören zu exis­tieren.

Wohn­blocks an der Stelle des Sta­dions

Der Unter­gang geht zurück auf das in den 90er-Jahren in Eng­land ein­ge­führte Verbot von Steh­plätzen. Plough Lane, seit 1912 das Zuhause des Wim­bledon FC, wurde quasi über Nacht unbrauchbar: Das einst­mals schmucke Sta­dion hatte trotz der gol­denen Jahre des Ver­eins zu der Zeit den Charme eines maroden Vorort-Bolz­platzes und bestand zum großen Teil aus Steh­plätzen. Ein Umbau war der dama­ligen Klub­füh­rung zu teuer, also wurde Wim­bledon Unter­mieter im nahe gele­genen Sel­hurst Park, dem Sta­dion des Crystal Palace FC.

Was ursprüng­lich nur als Über­gangs­lö­sung gedacht war, dau­erte mehr als zehn Jahre so an. Der dama­lige Klub-Besitzer Sam Hammam fand par­tout keine neue Spiel­stätte für den Verein, 1997 hatte er schließ­lich die Nase voll: Er ver­kaufte den Wim­bledon FC an nor­we­gi­sche Geschäfts­männer und ein Jahr später auch Plough Lane an eine Super­markt­kette. Heute steht an der Stelle des alten Sta­dions zwar kein Super­markt, dafür aber sechs Wohn­blöcke mit den Namen ehe­ma­liger Klub-Idole.