Wer den Auf­stieg von Calcio Sas­suolo ver­stehen will, dem sei eine Szene aus der ver­gan­genen Saison ans Herz gelegt. Im Spiel gegen Atlanta Ber­gamo führt Spiel­ma­cher Fran­cesco Magna­nelli gerade den Ball Rich­tung geg­ne­ri­sches Tor, als er einen Gegen­spieler auf sich zurennen sieht. Er macht das Spiel weder schnell noch ver­la­gert er es. Er weicht der Kon­fron­ta­tion nicht aus, son­dern rast darauf zu. Der Gegner soll ruhig kommen, wenn er was will. 

Magna­nelli zieht einen mit­tel­mä­ßigen Cruyff-Turn aus der Kiste, der zwar den Gegner aus­steigen, aber ihm den Ball ver­springen lässt. Statt sich über den miss­lun­genen Trick zu ärgern, macht Magna­nelli zwei große Schritte und wirft sich mit einer Vinnie-Jones-Gedächt­nis­grät­sche in den Ball – den er ziel­genau zum Mit­spieler spit­zelt. 



Der Ita­liener ist nicht nur das Gehirn dieser Mann­schaft, son­dern auch dessen Herz. Ihre Seele. Seit zehn Jahren ist er im Verein, länger als jeder andere Spieler im aktu­ellen Kader. Mit ihm ist der Verein drei Mal auf­ge­stiegen – von der vierten Liga in die Serie A. Der vor­läu­fige Höhe­punkt: Mit einem ver­gleichs­weise lach­haften Etat und ohne große Namen im Kader been­dete Sas­suolo die ver­gan­gene Saison auf einem Europa-League-Platz. Dort läuft es in dieser Spiel­zeit gut, in der Grup­pen­phase gab es zum Auf­takt einen 3:0‑Sieg gegen Ath­letic Bilbao. In der Liga belegt Sas­suolo immerhin den 9. Platz. 


Magna­nelli agiert dabei immer trick­reich, er führt den Ball so eng, als bewachte er ihn wie ein eifer­süch­tiger Ehe­mann. Kommt jemand seinem Lieb­ling zu nahe, wird er giftig. Nimmt ihm jemand den Ball, setzt er alles daran, ihn zurück­zu­er­obern. Er ist trotz allem kein Haupt­dar­steller, er diri­giert lieber. Dabei hilft ihm sein her­vor­ra­gender Blick für das Spiel, sein sicheres Pass­spiel mit beiden Füßen und vor allem seine erstaun­liche Prä­senz. Er erin­nert an guten Tagen an Yaya Touré oder Patrick Vieira. Obwohl der 31-Jäh­rige eigent­lich viel zu schmächtig ist, um das Schlacht­ross im Mit­tel­feld zu geben. In anderen Klubs wäre er mit seinen 1,77 Meter wohl Ergän­zungs­spieler auf der Posi­tion. In Sas­suolo ist er Stamm­spieler – und Kapitän.