Am letzten Spieltag der Bun­des­liga-Saison 1998/99 sitzt Sergej Bar­barez auf der Tri­büne des Bochumer Ruhr­sta­dions inmitten der Spie­ler­frauen der Gast­mann­schaft. Unten auf dem Feld spielt der hei­mi­sche VfL an diesem heißen Samstag Nach­mittag nicht etwa gegen Bar­barez’ aktu­ellen Arbeit­geber Borussia Dort­mund, son­dern gegen Hansa Ros­tock. Jenen Verein, dem Bar­barez bis vor einem Jahr eben­falls ange­hörte. Er will mit­er­leben, ob es seinen ehe­ma­ligen Mit­strei­tern gelingt, den mal wieder ein­zigen Ost-Klub vor dem Gang in die Zweit­klas­sig­keit zu bewahren.

Wäh­rend Bar­barez Augen­zeuge des span­nendsten Abstiegs­kampfes der Bun­des­li­ga­ge­schichte wird, bleibt mir nur das Radio. Mit 14 Jahren noch zu jung für die Aus­wärts­tour nach Bochum, ver­suche ich der Auf­re­gung zu ent­kommen und schaue im Ber­liner Olym­pia­sta­dion die Partie Hertha gegen den HSV. Ach was, das Spiel läuft völlig an mir vorbei. Mit Hansa-Trikot und ‑Schal bekleidet, hänge ich am Kof­fer­radio, mit den Gedanken bei meiner Mann­schaft, die hun­derte Kilo­meter ent­fernt ums Über­leben kämpft.

Einer der Haupt­ak­teure des Schau­platzes Bochum ist Oliver Neu­ville. Andert­halb Jahre zuvor von CD Tene­riffa als Rekord­transfer an die Ostsee gewech­selt, steht sein Abgang nach Lever­kusen bereits fest. Neu­ville will nicht als Absteiger gehen, das hat er, der bei Hansa zum Natio­nal­spieler auf­ge­stiegen ist, in den Monaten zuvor immer wieder betont. Und er tut alles dafür. Nach einem Duell mit Tomasz Wal­doch, der ihn mit dem Stollen am Ohr getroffen hat, muss seine stark blu­tende Riss­wunde minu­ten­lang behan­delt werden. Trainer Andreas Zach­huber wartet unge­duldig, will aber seinen wich­tigsten Spieler nicht vor­zeitig vom Platz nehmen. Mit einem tur­ban­großen Ver­band tor­kelt der kleine Neu­ville regel­recht aufs Spiel­feld zurück. Er wirkt ori­en­tie­rungslos, doch fünf Minuten später schießt er sein 14. Sai­sontor. Mit der 1:0‑Führung geht Ros­tock in die Pause, Neu­villes Wunde wird mit sechs Sti­chen genäht.

Von Hansa in die Natio­nal­mann­schaft

Dieser jun­gen­hafte Typ mit dem schüch­ternen Blick rückte erst in Ros­tock – seiner ersten Bun­des­li­ga­s­ta­tion – in den Blick der großen Fuß­ball­ge­meinde. Doch schon drei Jahre zuvor zeigten etliche Bun­des­li­ga­ver­eine Inter­esse an dem Stürmer von Ser­vette Genf, ein Wechsel zu Bayern Mün­chen schei­terte erst im letzten Moment an einer Menis­kus­ver­let­zung und Unstim­mig­keiten über die Ablö­se­summe. Über den Umweg Tene­riffa, wo ihn Trainer Jupp Heynckes über­wie­gend im Mit­tel­feld ein­setzte, kam Neu­ville schließ­lich zum F.C. Hansa. Trainer Ewald Lienen wusste um die Abschluss­stärke des Stür­mers, und ließ ihn oft als allei­nige Spitze auf­laufen. 91 Tore gelangen Neu­ville im Laufe seiner Bun­des­liga-Kar­riere, dazu 10 Tore in 69 Län­der­spielen. Dar­unter die beiden legen­dären 1:0‑Siegtreffer bei der WM 2002 im Ach­tel­fi­nale gegen Para­guay und 2006 im Vor­run­den­spiel gegen Polen.

Tor­ge­fahr im zu großen Trikot

Dabei hat sein Anblick viele an seiner Stärke zwei­feln lassen: Sein Trikot immer zwei Num­mern zu groß, hän­gende Schul­tern, die ganze Kör­per­sprache irgendwie mutlos. Doch auf dem Platz sahen seine stets grö­ßeren Gegen­spieler den Kleinen“ nur solange von vorn, bis Neu­ville seine enorme Antritts­ge­schwin­dig­keit aus­spielte. Den Ball eng am Fuß, tän­zelte er ganze Abwehr­reihen ebenso leicht­ge­wichtig wie leicht­füßig aus. Blitz­schnelle Reflexe, enorme Lauf­be­reit­schaft und ver­blüf­fende Spiel­ideen machten seine Tor­ge­fähr­lich­keit aus. Da blieb vom Mit­leids­faktor für den kleinen Oli nichts mehr übrig, wenn der tro­cken und eis­kalt seine Chancen nutzte – und aus nahezu unmög­li­chen Posi­tionen oder dank artis­ti­scher Ein­lagen traf. So wie bei seinem Tor des Jahres 2006, erzielt per Hacke über den Tor­wart hinweg.
Nach dem Spiel schaute er dann meist ein biss­chen traurig in die Kameras, lobte seine Mit­spieler, die Mann­schafts­leis­tung und die Unter­stüt­zung der Fans. Wäh­rend andere Fuß­baller zwar ähn­li­ches sagen, die heu­chelnde Auf­ge­setzt­heit jedoch unschwer ver­bergen können, nahm Neu­ville sich tat­säch­lich nicht so wichtig. Bescheiden ist er immer gewesen und geblieben. Die Aus­sage nach seinem Tor gegen Para­guay, er könne immer ein Tor machen“, gehört zu den auf­müp­figsten Zitaten, die sich über ihn finden lassen.

Ein­ge­löstes Ver­spre­chen

Dass Neu­ville nicht nur Tore schießen, son­dern auch vor­be­reiten konnte, zeigte er an diesem denk­wür­digen letzten Spieltag in Bochum. Nachdem der gast­ge­bende VfL in der 74. Minute mit 2:1 in Füh­rung ging, war es Neu­ville, der für die Wende sorgte und sich damit end­gültig in den Olymp der Ros­to­cker Fuß­ball­götter schoss. Per Hacke legte er zum Aus­gleich auf, mit einer Flanke auf Sla­vomir Majak berei­tete er den Sieg­treffer zum 3:2 vor. Nur wenige Minuten blieben bis zum gesi­cherten Klas­sen­er­halt. Antenne Meck­len­burg-Reporter Oli Schu­bert flehte in Rich­tung Schieds­richter: Lieber Dr. Markus Merk, ich geh jeden Tag zum Zahn­arzt, aber pfeif’ dieses Spiel ab“. Spieler und Trainer an der Bank ruderten minu­ten­lang mit den Armen und die mit­ge­reisten Fans hielt es kaum mehr auf der Tri­büne.

Im Ber­liner Olym­pia­sta­dion war das Spiel bereits beendet, Hertha hatte 6:1 gegen den HSV gewonnen. Kaum jemand ver­ließ das Sta­dion. Die Radio­ge­räte waren all­ge­gen­wärtig, alle hörten die Schluss­kon­fe­renz aus Bochum, Frank­furt und Nürn­berg. Dass Hansa hier die größten Sym­pa­thien besaß, war nach ihrem 3:2‑Führungstreffer zu hören gewesen. In meiner Erin­ne­rung war dieser Jubel lauter als bei den sechs Ber­liner Tref­fern zuvor. Meine Auf­re­gung in diesen letzten Minuten war nicht aus­zu­halten, wie gerne hätte ich mit Sergej Bar­barez getauscht, der sich wenigs­tens selbst ein Bild machen konnte.

Irgend­wann hatte Merk ein Ein­sehen, der Abpfiff kam und mit ihm die Erlö­sung. Hansa blieb drin, Frank­furt durch ein rausch­haftes 5:1 gegen Kai­sers­lau­tern ebenso, Nürn­berg stieg ab. Der Fuß­bal­losten atmetet kol­lektiv auf, wurde er doch ein wei­teres Mal vor der Ver­wai­sung gerettet. Ich war der glück­lichste Mensch der Welt, Sergej Bar­barez beklatschte auf der Tri­büne die Ener­gie­leis­tung seiner Ex-Kol­legen und selbst der sonst eher nor­disch-kühle Prä­si­dent Reh­berg vergaß jede Eti­kette: Wir werden uns jetzt richtig einen auf die Lampe gießen“. Und Oliver Neu­ville? Der hatte sein Ver­spre­chen, nicht als Absteiger zu gehen, wahr gemacht. Er ver­ab­schie­dete sich zurück­hal­tend wie immer. Auf die Frage eines ran“-Reporters, ob dies sein schönstes Abschied­ge­schenk sei, sagte er, was er eigent­lich immer sagte: Ja, nicht nur für mich, auch für die Mann­schaft und den Verein und natür­lich auch die Fans.“