Viel­leicht gehört es zum Mythos dieses Spiels, dass die Kar­riere von Ole Gunnar Sol­sk­jaer just in den Moment beendet wurde, als er den größten Moment seines Lebens fei­erte. 26. Mai 1999, Bar­ce­lona. 22.36 Uhr. Und hand­ge­stoppte 16 Sekunden. Der Nor­weger Ole Gunnar Sol­sk­jaer, Sohn eines pro­fes­sio­nellen Wrest­lers aus Kris­ti­an­sund, hat grade das 2:1 im Cham­pions League Finale gegen Bayern Mün­chen erzielt. Das Tor seines Lebens. Zehn Jahre später wird die Man­chester-United-Legende dem kicker“ sagen: Ich war wie in Trance.“

Jubelnd dreht Sol­sk­jaer ab, auf dem feuchten Rasen im Camp Nou rutscht er auf Knien Rich­tung Fan­kurve. Sekunden der Ekstase. Und des Schmerzes. Eine Stunde später, der rote Party-Tross United killt die nächste Fla­sche Schampus, gesteht Sol­sk­jaer seinem Kumpel She­ringham: Teddy, ich glaube, da ist beim Jubel was kaputt­ge­gangen im Knie.“

Heute, fast elf Jahre nach dem Tri­umph gegen Mün­chen, ist Sol­sk­jaer immer noch Teil der Reds“ aus Man­chester. Wie eine große Familie“, sei dieser Verein, hat der Angreifer mal im Inter­view mit fifa​.com erzählt. In dieser Familie gehört Ole Gunnar Sol­sk­jaer zu den Lieb­lings­kin­dern. Immer noch hängt im United-Fan­block ein Banner mit der Auf­schrift 20 LEGEND“. 20, seine Rücken­nummer.

Ein her­vor­ra­gender Elvis-Imi­tator

Sol­sk­jaer, dem man im Übrigen auch ein her­vor­ra­gendes Talent als Elvis-Presley-Imi­tator nach­sagt, ist inzwi­schen offi­zi­eller Unter­stützer der Man­chester United Sup­por­ters Trust. Jener Ver­ei­ni­gung, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Klub von der ame­ri­ka­ni­schen Glazer-Sippe los­zu­eisen, quasi das gute Gewissen des tra­di­ti­ons­rei­chen Klubs. Auf deren Home­page wird Sol­sk­jaer mit den Worten zitiert: Ich fühle mich geehrt. Es ist wichtig, dass dieser Verein von den rich­tigen Leuten geführt wird – und das sind die Sup­por­ters. Ich bin United-Fan und will nur das Beste für diesen Klub.“ Wäre er nicht längst Legende beim roten Anhang, mit diesen Worten wäre er es geworden.

Die Geschichte des nor­we­gi­schen Fuß­bal­lers mit dem Gesicht eines vor­pu­ber­tären Teen­agers beginnt 1996, als Man­chester United den Kauf eines unbe­kannten Angrei­fers bekannt gibt, den keine eng­li­sche Zunge kor­rekt aus­spre­chen kann. Der Anhang ist ent­täuscht, hatte man doch eigent­lich gehofft den EM-Helden Alan Shearer im Old Traf­ford auf­laufen zu sehen. Doch der wech­selt für die Rekord­summe von 15 Mil­lionen Pfund von den Black­burn Rovers zu New­castle United. Ole Gunnar Sol­sk­jaer kostet nur ein Zehntel und schießt gleich bei seinem Debüt ein Tor. Gegen die Black­burn Rovers. Als Ein­wech­sel­spieler.

Die Kon­kur­renten heißen: Can­tona und Andy Cole

Der Mann von der Bank – kein Fuß­baller der Welt ist so berühmt geworden, weil er zu Spiel­be­ginn meis­tens auf der Aus­wech­sel­bank hockte. In der Saison 1996/97 heißen Sol­sk­jaers Kon­kur­renten Andy Cole und Eric Can­tona. Eigent­lich viel zu große Namen für den jungen Mann aus Skan­di­na­vien. Und trotzdem erzielt er in seiner ersten Saison 18 Tore. Für Fans und Medien ist das dünne Kerl­chen zu einem Phä­nomen geworden. Das ändert sich auch nicht in den Fol­ge­jahren, denn Sol­sk­jaer macht – vor allem als Ein­wech­sel­spieler – die unmög­lichsten Dinge.


Vier Tore in zehn Minuten


Am 18. April 1998 braucht Man­chester am viert­letzten Spieltag der Saison min­des­tens ein Unent­schieden um zu Spit­zen­reiter Arsenal auf­zu­schließen. United emp­fängt im hei­mi­schen Old Traf­ford New­castle. Wenige Minuten vor dem Schluss­pfiff bringt der junge David Beckham einen Frei­stoß in den Straf­raum des Geg­ners. Der Ball prallt ab, genau vor die Füße von Robert Lee. 70.000 Men­schen heulen ent­setzt auf, als der Gäste-Spieler alleine Rich­tung Schmei­chel-Ersatz Rai­mond van der Gouw zuläuft, den Sieg­treffer auf dem Fuß. Lee ist schon kurz vor dem Straf­raum, als Ole Gunnar Sol­sk­jaer auf­taucht. 70 Meter ist der Offen­siv­mann zurück gesprintet und mit einer Flug­grät­sche in die Beine von Lee beendet er seine Saison und bewahrt die Meis­ter­schafts­chancen seines Ver­eins. United ver­passt den Titel am Ende um einen Punkt und Arsenal darf feiern. Doch Man­ches­ters Fans haben den flinken Nor­weger auf ewig in ihr Herz geschlossen. Fair­play hin oder her.

Und natür­lich ist da noch der 6. Februar 1999, als sich Sol­sk­jaer selbst die Krone des besten Ein­wech­sel­spie­lers aller Zeiten auf­setzt. 4:1 führt United gegen die hilf­losen Kon­tra­henten von Not­tingham Forest, als Trainer Alex Fer­guson 12 Minuten vor dem Schluss­pfiff seinen Edel-Joker auf den Rasen schickt. In nur zehn Minuten schießt der vier Tore und die Zuschauer können nicht glauben, was sie da gerade gesehen haben. Alex Fer­guson, sonst kalt wie Eis, dik­tiert ver­dat­tert in die Mikro­phone: Im Abschluss ist Sol­sk­jaer einer der Besten, die es gibt.“

Effen­berg habe ich lieber in Ruhe gelassen“

Es sind Geschichten, die jede für sich schon eine Geschichte wert wären. Doch Sol­sk­jaers Name wird auf immer und ewig mit dem Sieg­treffer von Bar­ce­lona ver­bunden sein. 11FREUNDE textet in der Repor­tage 102 Sekunden Bar­ce­lona“: 22:32:17 Uhr – Tor! 2:1! ´Man­chester United have reached the Pro­mised Land´, dröhnt der eng­li­sche TV-Kom­men­tator. Sein deut­scher Kol­lege Marcel Reif resi­gniert: ´Wissen Sie was? Ich habe gar keine Lust, das hier zu ana­ly­sieren.´ Peter Schmei­chel schlägt im Straf­raum Flick­flack, Sammy Kuf­four bricht wei­nend zusammen.“

Sol­sk­jaer geht nach dem Spiel zu heu­lenden Deut­schen und ver­sucht mit schmalen Worten („Sorry“) zu trösten, was nicht zu trösten ist. Andere habe ich lieber in Ruhe gelassen“, sagt er zehn Jahre danach dem kicker“, Effen­berg zum Bei­spiel, dem bin ich lieber aus dem Weg gegangen.“ Wenig später sieht er den Bayern-Leit­wolf wieder – bei der Doping­probe. Kurz hat es den Anschein, als würde sich der ver­zwei­felte Effen­berg auf eine wüste Kei­lerei mit dem Spiel­ent­scheider ein­lassen, doch er belässt es bei einem unbe­hol­fenen Congra­tu­la­tions“. Für Sol­sk­jaer beginnt die wil­deste Par­ty­nacht in der Geschichte von Man­chester United. Die Schmerzen im Knie spürt er erst, als der Rausch wieder vorbei ist.

The baby-faced assassin“

Am 27. August 2007, fast auf den Tag genau acht Jahre und zwei Monate nach seinem Tor von Bar­ce­lona, muss der Nor­weger, den sie immer noch – im stolzen Alter von 34 Jahren – Baby-faced assassin“, den Killer mit dem Baby­face“ rufen, seine Kar­riere beenden. Die vom Jubel zer­schun­denen Knie, sind nie wieder ganz ver­heilt.