Zuerst dachte man: Ach, das sind nur die übli­chen gegen­sei­tigen Schuld­zu­wei­sungen. Die aktive Fan­szene von Rapid Wien schimpfte über die Polizei, die Exe­ku­tive beklagte das Fehl­ver­halten der Anhänger. Wie so oft. Begonnen hatte alles mit einem Der­by­marsch. Ein gewal­tiger Tross Rapid-Fans trotzte der Kälte und machte sich auf zum Stadt­duell bei der Aus­tria. Als die rund 1.300-köpfige Gruppe eine Brücke erreicht hatte, schleu­derten einige Schwach­köpfe dicke Schnee­bälle auf die dar­unter her­füh­rende Durch­gangs­straße. Videos belegen dies. Auch Pyro-Gegen­stände solle geflogen sein, wie die Polizei um exakt 15.03 Uhr mel­dete. Das belegen die Videos nicht, ist aber auch egal: Sowohl Pyros als auch Schnee­bälle können töd­lich sein, wenn sie urplötz­lich auf die Wind­schutz­scheibe eines 50 km/​h schnellen Fahr­zeugs kra­chen.

Die beglei­tenden Poli­zei­kräfte reagierten prompt und rigoros auf die Ver­gehen – aber nicht etwa mit Härte, auch nicht der Ergrei­fung der Täter, son­dern mit eis­kalten Straf-Exer­zi­tien, die es so wohl noch nie gegeben hat. Zumin­dest nicht in Öster­reich. Und wohl auch in keinem anderen zivi­li­sierten Land. Sieben Stunden (!) lang kes­selten die Ord­nungs­hüter die Fans ein. Auf einem schmalen, moras­tigen Gras­streifen, ober­halb der Durch­gangs­straße. Zwi­schen hohen Haus­mauern und einem stäh­lernen Geländer, hinter dem es meter­tief hinab auf die Fahr­bahn geht. Bei klir­render Kälte (-2 Grad) und eisig-pfei­fendem Wind. Ohne eine ein­zige Sitz­ge­le­gen­heit, ohne heiße Getränke (jeden­falls über vier Stunden lang), ohne wär­mende Decken, ohne Gele­gen­heit zur Not­durft­ver­rich­tung, ohne Aus­kunft über die vor­aus­sicht­liche Dauer dieser Maß­nahme. Ohne jede Gnade. Und wohl auch frei von jedem stra­te­gi­schen Sinn.

Es war vor allem ernied­ri­gend für Frauen“

Zuerst hatten die meisten Fans noch an einen kurzen Zwi­schen­stopp geglaubt. Um 15.22 Uhr, als die bewe­gungs­losen Füße all­mäh­lich kälter und klammer wurden, setzte die Rechts­hilfe Rapid“ (eine nicht ganz unum­strit­tene Orga­ni­sa­tion, die sich für juris­ti­sche Belange der Fan­szene ein­setzt) einen ersten Hil­feruf via Twitter ab: Die Wiener Polizei kes­selt die Rapid-Fans an der engsten und gefähr­lichsten Stelle der gesamten Anreise ein. Was damit bezweckt wird, ist unbe­kannt. Im Falle einer Panik landen Men­schen auf der Süd­ost­tan­gente (so heißt die Durch­gangs­straße; Anmer­kung der Redak­tion).“ Da ahnte noch nie­mand, dass die Folter bis zu sieben Stunden dauern würde. Denn erst gegen 22 Uhr am Abend sollten die letzten paar hun­dert Anhänger aus dem Kessel ent­lassen werden.

Die Polizei wollte schließ­lich alle rele­vanten Per­so­na­lien ermit­teln. Das tat sie auch. Schön langsam und in aller Ruhe. Und wäh­rend­dessen, so berichten Augen­zeugen, ver­sorgten Kol­legen die Uni­for­mierten regel­mäßig mit damp­fend-heißem Kaffee. Die Fans bekamen nichts der­glei­chen, jeden­falls nicht vor ca. 19.30 Uhr. Dann ließen die Ord­nungs­hüter die her­bei­ge­eilten Hilfs­dienste zu den Ein­ge­kes­selten vor. Es gab heißen Tee, den viele jedoch trotz bit­terster Kälte nicht trinken wollen – aus Angst, mal müssen zu müssen. Der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­la­ments­ab­ge­ord­nete Konrad Laimer, der sich ebenso wie Frauen, Kinder und alte Men­schen mit im Fan-Tross befand, sprach in der Zei­tung Der Stan­dard“ von unhalt­baren Zuständen: Es war vor allem ernied­ri­gend für Frauen, die nicht auf ein WC gehen konnten.“