Eine Bau­stelle: ursprüng­lich war das mal ein Bagger und ein Loch und zwei Arbeiter, die rau­chen. Mitt­ler­weile ist Bau­stelle“ zu einem Syn­onym geworden für alles, was sich ver­än­dert. Deutsch­land ist eine Bau­stelle, Men­schen auch, und wenn sie mal für einen Moment keine sein wollen, dann blaffen sie einem ent­gegen: Das ist nicht meine Bau­stelle“. Das Leben ist eine Bau­stelle, so heißt sogar ein Film, dessen Dreh­ar­beiten bestimmt eben­falls eine ein­zige Bau­stelle waren. 



Überall Bau­stellen. Selbst der SV Werder Bremen sei eine, so hieß es im Sommer. Diego weg, Bau­mann weg, Sys­tem­um­stel­lung, und wie kriegt man über­haupt Kon­stanz in diesen ver­rückten Laden? Da muss umge­baut werden. Bau­leiter: Thomas Schaaf. Ich war immer auch an Archi­tektur inter­es­siert, am Planen, Ent­werfen, Zusam­men­bauen“, sagt er uns im Inter­view kurz vorm Richt­fest Anfang August. Soweit bin ich davon ja heute nicht ent­fernt.“

Und dann erzählt er, wie es ist, eine Mann­schaft zu bauen, wie er Mesut Özil auf­päp­pelte, dass er immer noch an Carlos Alberto glaubt und von seiner Wohn­ge­mein­schaft mit Paul Stal­teri. Ob Sarah Connor ihn ver­än­dert hat. Von SMS an Tim Borowski. Bricht lachend zusammen, als wir mit den Begriffen Raute“ und Dop­pel­sechs“ han­tieren, und erteilt uns geduldig Nach­hilfe in Sys­tem­kunde. Mor­gens, nach tollen Euro­pa­pokal-Fights, die er im Fern­sehen gesehen hat, kann es durchaus pas­sieren, dass er Spiel­züge mit Milch­dosen, Löf­feln und Glä­sern“ nach­stellt, um es selber zu begreifen.“

Vom Gries­gram zum Welt­mann

Ganz schön witzig, dieser Schaaf. Dabei hatten Kol­lege Fabian Jonas und ich ein­ander noch im Taxi unsere Angst gestanden, wir würden uns nur über Brumm­ge­räu­sche ihm mit ver­stän­digen können. Der kann sich nicht freuen, geht zum Lachen in den Keller“, sagt Schaaf selbst, die Kli­schees sind mir geläufig.“ Er berichtet von der Meta­mor­phose vom Gries­gram zum Welt­mann, die er in nun­mehr zehn Jahren als Chef­trainer durch­lebt hat. Damals habe ich meine Worte noch länger abge­wogen – auch aus der Befürch­tung heraus, dass alles, was ich sage, zur Rie­sen­ge­schichte auf­ge­blasen wird. Heute gehe ich lockerer an die Dinge heran.“ 

Schaaf – auch er eine Bau­stelle? Nein. Ich wollte nie jemand Anderes sein als Thomas Schaaf.“ Ein Pro­gramm. Ein lächelndes Ihr-könnt-mich-mal. Der Satz, der über unserem Inter­view steht, dem Doku­ment eines Mannes, der – sich wan­delnd – in sich selbst ruht. Die Anti-Bau­stelle. 

Fast zwei Stunden nimmt Schaaf sich Zeit. Ich könnte sie jetzt noch fragen, ob…“, setze ich schließ­lich an, auf meinem Katalog ist jetzt nur noch einer von 200 Punkten nicht abge­hakt. Fragen Sie mich nun wirk­lich, oder tun Sie nur so, als ob?“, kon­tert Schaaf. Ich frage tat­säch­lich, er ant­wortet ein letztes Mal aus­giebig. Und auch für den Rund­gang durchs Sta­dion hat er noch die Muße, das gerade umge­baut wird. Dort stehen Bagger, sieht man Löcher, rau­chen Arbeiter.

Ein­fach nur eine echte Bau­stelle, wie früher? Oder auch wieder eine Meta­pher für die Bau­stelle Werder Bremen? Für Deutsch­land? Das Leben an sich? Wir Jour­na­listen denken ja immer so kom­pli­ziert. Bau­leiter Thomas Schaaf lässt seinen Blick über das Rund schweifen. Dann sagt er: Bis Samstag wird das fertig.“


Das Inter­view mit Thomas Schaaf findet Ihr im neuen 11FREUNDE-Heft. Ab 27. August im Handel!