Seite 2: Bayern bleibt ein zerrissener Klub

Nach dem 3:3 gegen Düs­sel­dorf stand der Job von Kovac auf der Kippe, da nahmen ihn die Bosse ins Gebet; er ver­bannte die Rota­tion. Das Datum der Wende konnte er in Berlin noch haar­genau auf­sagen: der 27. November, das fol­gende Spiel gegen Ben­fica. Danach haben wir nur zwei Spiele ver­loren, in Lever­kusen und gegen Liver­pool“, refe­rierte er nach dem Pokal­sieg. Doch gerade das Rück­spiel gegen Liver­pool hängt ihm noch nach. Im Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League spielten seine Bayern in der zweiten Halb­zeit wie erstarrt und ohne Plan B.

Das war auch im End­spiel gegen Leipzig zu beob­achten, als das nicht gerade über­ra­schende Pres­sing des Geg­ners den Meister vor Pro­bleme stellte. Beim Abstoß sor­tierten sich die Ver­tei­diger und Thiago am eigenen Sech­zehner und spürten schon da den Atem der jagenden Leip­ziger. Es dau­erte lange, bis die Bayern beim Aufbau vor­schoben und sich aus der Umklam­me­rung lösen konnten. Viel­leicht hätte es in der Cham­pions League oder ohne den über­ra­genden Manuel Neuer im Tor zu lange gedauert.

Mitten in den Macht­spiel­chen des Klubs beweist Kovac Anstand

Zwei Ver­dienste sind Kovac aber zwei­fels­ohne in diesem Jahr hoch anzu­rechnen: Er hat die Auf­hol­jagd in der Liga wie kein Zweiter ange­trieben. Und er hat sich von den Macht­spiel­chen im Klub nicht anste­cken lassen. Wäh­rend Rum­me­nigge und Uli Hoeneß öffent­lich in unter­schied­liche Rich­tungen ruderten und Sport­di­rektor Hasan Sali­ha­midzic dazwi­schen ins Schwimmen geriet, bewahrte Kovac Anstand und Stil. Bayern Mün­chen war in diesem Jahr zer­rissen vom alten Leit­satz Laptop und Leder­hose“, zwi­schen dem welt­män­ni­schen Anspruch und dem urigen Ver­eins­ko­lorit.

Viele Spieler träumen noch von den tak­ti­schen Finessen eines Pep Guar­diola, Rum­me­nigge von den Ideen seines Wunsch­trai­ners Thomas Tuchel. Sie denken in Cham­pions-League-Dimen­sionen, das Double ist nicht genug. Die andere Seite um Hoeneß und den Fans stellt sich aber hinter die Männer mit langer Leder­hosen-Ver­gan­gen­heit wie Sali­ha­midzic und Kovac. Diese Zer­ris­sen­heit wird fort­be­stehen, auch in der kom­menden Saison. Sie wird sich nach der ersten Nie­der­lage zuspitzen. Für den Trainer wird der Druck auch durch die teuren Zugänge wahr­lich nicht geringer.

Niko Kovac holte als Spieler und Trainer das Double mit Bayern. Er ist ein Gewinner der Nacht von Berlin. Und den­noch wirkt es so, als habe er mit dem Pokal und der Schale nur etwas anderes gewonnen: näm­lich Zeit.