Seite 2: „Irgendjemand musste es ja machen”

Wie ging es weiter?
Wir haben die Ein­la­dung zur Natio­nal­mann­schaft zunächst abge­lehnt, weil uns die Kon­takt­auf­nahme zu unse­riös war. Die Ver­bands­ver­treter ließen aller­dings nicht locker und mel­deten sich nach einiger Zeit erneut bei uns. Diesmal kün­digten sie an, uns bei einem Trai­ning von Scouts beob­achten zu lassen und stellten uns die Teil­nahme an der Asi­en­meis­ter­schaft in Sri Lanka in Aus­sicht. Diesmal nahmen wir das Angebot an.

Können Sie sich an den Moment erin­nern an dem Sie Natio­nal­spie­lerin wurden?
In Anbe­tracht der Sicher­heits- und Frau­en­rechts­lage in Afgha­ni­stan schien mir das Thema Frau­en­fuß­ball in Afgha­ni­stan total fern. Ich habe nie damit gerechnet, einmal in diesem Trikot auf­laufen zu dürfen. Um ehr­lich zu sein, wusste ich noch nicht mal, dass es über­haupt eine Frau­en­mann­schaft gibt. Ich recher­chierte nach der ersten Kon­takt­auf­nahme im Internet, blieb aller­dings sehr skep­tisch, ob diese Mann­schaft wirk­lich exis­tiert. Erst als ich die Trainer und Spie­le­rinnen bei meiner Ankunft im Trai­nings­lager in Sri Lanka sah, rea­li­sierte ich, was gerade pas­siert. Es war ein unglaub­lich tolles Gefühl.

Welche Erwar­tungen und Vor­stel­lungen hatten Sie damals von Ihrem Enga­ge­ment ange­sichts der sicher­heits­po­li­ti­schen Lage in Afgha­ni­stan?
Ich war mir der dama­ligen Zustände in Afgha­ni­stan sehr bewusst. Natür­lich schreckte mich die Situa­tion in Afgha­ni­stan auch ab. Die ehe­ma­lige Kapi­tänin der Mann­schaft hatte Afgha­ni­stan 2011 ver­lassen, nachdem Sie von radi­kalen Gruppen wegen ihres Enga­ge­ments im Fuß­ball Mord­dro­hungen erhalten hatte. Ich kann nicht leugnen, dass ich bei der ersten Reise nach Sri Lanka Angst ver­spürt habe und ich mich gefragt habe, wo ich landen und was mir bevor­stehen würde. Auf der anderen Seite habe ich die Chance gesehen, den Kon­ser­va­tismus und die patri­ar­chalen Struk­turen, die mich schon immer gestört hatten, auf­zu­bre­chen. Ich wollte mich als Frau dafür ein­setzen, dass andere Frauen das Recht dazu haben, diesen Sport aus­zu­üben. Irgend­je­mand musste es ja machen.

In den Fol­ge­jahren reisten Sie nach den Tur­nieren in Sri Lanka und Indien mit der afgha­ni­schen Mann­schaft im Februar 2018 ins Trai­nings­lager nach Jor­da­nien, wo Sie schließ­lich ihr Län­der­spiel­debüt gaben. Sie haben gesagt, dass Sie dort zum ersten Mal ein ungutes Gefühl” hatten. Inwie­fern?
Einige Spie­le­rinnen unter­hielten sich immer öfter kri­tisch über die Föde­ra­tion. Immer öfter wurde in gewissen Situa­tionen getu­schelt und leise gespro­chen. Ich fand es immer komi­scher, dass sich einige Mäd­chen immer distan­zierter zu Ver­bands­mit­glie­dern ver­hielten. Und auch die Männer ver­än­derten sich uns gegen­über. Wenn man zum Bei­spiel einen Antrag für neue Kla­motten gestellt hat, wurden einem ständig Steine in den Weg gelegt. Die Männer wollten dar­über ent­scheiden, wie wir gekleidet waren. Ich hatte das Gefühl sie wollten uns kon­trol­lieren.

Heute ist klar, dass es auch in diesem Trai­nings­lager zu sexu­ellen Über­griffen an Team­kol­le­ginnen gekommen ist. Ja.

In der Folge der Vor­fälle, kam es zu wei­teren Anschul­di­gungen an Ver­bands­mit­glieder. Kon­kret sollen Ver­bands­prä­si­dent Kera­muddin Keram und enge Mit­ar­beiter in den ver­gan­genen Jahren Spie­le­rinnen phy­si­scher, psy­chi­scher und sexu­eller Gewalt aus­ge­setzt haben. Keram wurden sys­te­ma­ti­sche Ver­ge­wal­ti­gungen von Spie­le­rinnen vor­ge­worfen. Wann und wie haben Sie von den Taten erfahren?
Ich habe erst ein- bis zwei Monate nach dem Trai­nings­lager von der sexu­ellen Gewalt, dem System dahinter und dem Ausmaß durch meine Team­kol­le­ginnen erfahren.

Welche Gedanken gingen Ihnen in den Tagen danach durch den Kopf?
Der erste Gedanke, der mir in den Kopf schoss, war: Ich wusste es.” Ich fand es in gewisser Weise auch traurig, dass ich so gedacht habe und ich konnte meine Gefühle nicht spe­zi­fi­zieren, aber sie sagten mir in den Wochen vor dem Bekannt­werden der Vor­fälle, dass etwas nicht stimmte. Zugleich fühlte ich mich hilflos, weil ich etwas ver­mu­tete, aber daran nichts ändern konnte. Nun wusste ich, dass die Mäd­chen, mit denen ich zusammen gegessen, gelacht und gespielt habe, über Monate sys­te­ma­ti­scher sexu­eller Gewalt aus­ge­setzt waren. Dass nie­mand ihnen helfen konnte und Ihnen auch nie­mand geholfen hat, hat mich zutiefst traurig gemacht.