Seite 4: „Es gibt Männer, die an den Taten beteiligt waren und die noch nicht verurteilt wurden”

Wie war zu diesem Zeit­punkt die Gefühls­lage inner­halb der Mann­schaft?
Uns war bewusst, dass wir schwere Vor­würfe gegen einen mäch­tigen Mann erhoben hatten, wes­halb wir wahn­sinnig ange­spannt waren. Für uns waren die Wochen danach, in denen uns ent­weder geglaubt oder wir ange­feindet wurden, eine emo­tio­nale Aus­nah­me­si­tua­tion.

Im Juni 2019 wurde Ver­bands­prä­si­dent Keram von der FIFA zu einer lebens­langen Sperre und einer Straf­zah­lung in Höhe von einer Mil­lion Dollar ver­ur­teilt. Wie haben Sie auf das Urteil reagiert?
Für mich war es eine Nach­richt, die in mir sehr viel Erleich­te­rung her­vor­ge­rufen hat. Ich war froh dar­über, dass nun end­lich etwas gegen ihn getan wurde. Das Urteil macht das Leid der Frauen nicht ver­gessen. Aber es ist ein großer und ent­schei­dender Schritt für den Fuß­ball und die Frauen in Afgha­ni­stan. Ich habe es als ein Signal emp­funden, das ich die Wochen zuvor nicht mehr für mög­lich gehalten hatte.

Für wie effektiv halten Sie die Strafe in Anbe­tracht dessen, dass Keram sich einer straf­recht­li­chen Ver­fol­gung mit seinem Unter­tau­chen bisher unter­zieht?
Dieser Umstand löst bei mir nur Unver­ständnis aus. Denn obwohl ich glück­lich über das Urteil der FIFA bin, erhoffe ich mir natür­lich auch eine straf­recht­liche Belan­gung. Ich bin mir sicher, dass dieser Mann seine Ver­hal­tens­weisen nicht ein­fach ablegen wird. In Anbe­tracht dessen ist es beängs­ti­gend, dass er noch immer ein freier Mann ist.

Sehen Sie die FIFA in der Pflicht, sich in der Koope­ra­tion mit den afgha­ni­schen Behörden weiter für die afgha­ni­sche Natio­nal­mann­schaft ein­zu­setzen?
Defi­nitiv. Die FIFA hat diesem Mann seine Macht­po­si­tion ermög­licht und des­halb sehe ich sie nach wie vor in der Zustän­dig­keit für das Recht der Frauen, die auch ihre Ath­le­tinnen sind, ein­zu­stehen.

Im Sommer warf Ihre ehe­ma­lige Trai­nerin Kelly Lindsey der FIFA vor, sich in den Ermitt­lungen, trotz wei­terer Hin­weise durch betrof­fene Frauen, vor allem auf Keram kon­zen­triert und die Fälle damit als Taten eines Ein­zelnen abgetan zu haben. Wissen Sie von wei­teren Tätern, die von der FIFA bisher nicht belangt worden sind?
Ich weiß von Män­nern, die an den Taten betei­ligt waren und die noch nicht ver­ur­teilt wurden, ja. Unsere Mann­schaft exis­tiert nicht mehr, aber es gibt natür­lich andere Mann­schaften und auch der Ver­band besteht noch immer. Diese betei­ligten Männer können die Struk­turen weiter auf­recht erhalten. Auch ich habe mir erhofft, dass sei­tens der FIFA mehr pas­siert vor allem etwas schneller. Die Ethik-Kom­mis­sion hat über ein Jahr gebraucht, bis drei Männer ver­ur­teilt worden sind. Wir können nicht wieder Jahre damit ver­bringen, bis wei­tere Täter ver­ur­teilt werden. Eine zufrie­den­stel­lende Auf­ar­bei­tung hat erst dann statt­ge­funden, wenn wirk­lich jeder Betei­ligte dafür zur Rechen­schaft gezogen wurde. Wir werden durch ver­schie­dene Kam­pa­gnen wie etwa #fearless­foot­ball weiter für die Auf­ar­bei­tung und die Rechte der Frauen kämpfen.