Seite 3: „Ich habe sofort entschieden, aus der Mannschaft auszutreten”

Haben Sie in der Folge daran gedacht, aus der Natio­nal­mann­schaft aus­zu­treten?
Natür­lich wollte ich nicht für einen Ver­band spielen, der solche Taten durch seine Struk­turen unter­stützt. Auf der anderen Seite habe ich in meinem Enga­ge­ment auch wei­terhin die Chance gesehen, genau diese Umstände zu ver­än­dern, denn die Miss­brauchs­fälle waren keine Taten eines Ein­zelnen und sie waren auch keine Aus­nahme. Es waren noch weit mehr Mäd­chen Opfer geworden. Ich habe mich nach einiger Zeit dazu ent­schieden, genau diesen Mäd­chen helfen zu wollen, in dem man diesen Män­nern nicht ein­fach das Feld über­lässt. Ich wollte damit signa­li­sieren: Der Kampf geht weiter.”

Das Trai­nings­lager in Jor­da­nien war für Ihre eigene Kar­riere auch des­halb von Bedeu­tung, weil sich hier zum ersten Mal der Kon­flikt anbahnte, der später zu Ihrem Rück­tritt führte. Die Spie­le­rinnen wurden vor die Wahl gestellt, ob sie Hijab tragen wollen. Sie ent­schieden sich dagegen. Warum?
Das war relativ simpel: In Jor­da­nien war es wahn­sinnig warm, ohne Kopf­tuch und ohne Leggins war es schlichtweg ange­nehmer zu spielen.

Welche Folgen hatte das für Sie?
Die Debatte dar­über, ob die Spie­le­rinnen ein Hijab tragen würden oder nicht, war eine wahn­sinnig auf­ge­heizte. Unter Bil­dern von Spielen unserer Mann­schaft wurden wir zum Teil belei­digt und beschimpft.

Im Sommer 2018 führten die Ver­ant­wort­li­chen der afgha­ni­schen Föde­ra­tion ein neues Regle­ment ein. Ihnen wurde vor­ge­schrieben, dass Sie das Hijab nun tragen mussten. Außerdem wurde Ihnen unter­sagt, eigen­ständig mit Pres­se­ver­tre­tern zu spre­chen. Was waren Ihre Gedanken, als Sie davon erfuhren?
Ich habe da nicht mehr lange gefa­ckelt. Für mich war ab diesem Zeit­punkt klar, dass das neue Regle­ment ein Instru­ment der Ver­ant­wort­li­chen ist, um uns zu unter­drü­cken und uns still zu halten. Auch Ver­bands­mit­glieder hatten von den lauter wer­denden Vor­würfen der Mäd­chen Wind bekommen. Wenn ich diese neuen Regu­la­rien akzep­tiert hätte, hätte ich mich kom­plett diesen Män­nern ergeben. Ich habe sofort ent­schieden, aus der Mann­schaft aus­zu­treten.

Im April 2018 mel­dete Team­ma­na­gerin Kha­lida Popal die Vor­würfe der FIFA. Welche Erwar­tungen hatten Sie, als die FIFA von den sexu­ellen Über­griffen in Kenntnis gesetzt wurde?
Erstmal hatte ich den Wunsch, dass wir gehört werden würden – auch von der FIFA. Und ich erhoffte mir eine kon­se­quente und schnelle Auf­ar­bei­tung der zustän­digen FIFA-Gre­mien, an deren Ende Ver­ur­tei­lungen der Täter stehen würden. Vor allem aber hatte ich die Erwar­tung an die FIFA, die Mäd­chen zu schützen.

Wie hätte dieser Schutz aus­sehen können?
Die Mäd­chen, die sich mit ihrem Leid an die FIFA gewendet haben, leben nach wie vor in Afgha­ni­stan. Sie haben sich mit dem Vor­wurf an Kera­muddin Keram – einem mäch­tigen Mann – in Gefahr begeben. In Anbe­tracht dessen hätten meine Team­kol­le­ginnen von der FIFA enger betreut werden müssen.