Michel Pla­tini war schon als Spieler ein Fuß­ball-Roman­tiker. Hier eine geniale Idee, dort ein Frei­raum für ein Zau­ber­kunst­stück oder ein Pass pro toto: Der Euro­pa­meister von 1984 gehörte zu den beken­nenden Prot­ago­nisten des schönen Spiels, ein Mann der exqui­siten Technik zum Nutzen aller. Der­selbe Pla­tini aber war auch ein ein macht­be­wusster Kapitän der fran­zö­si­schen Natio­nal­mann­schaft und ein kühler Voll­stre­cker. Neun Tore trug der seit Don­nerstag 57 Jahre alte Loth­ringer zum Tri­umph der Equipe Tri­co­lore bei der EM 1984 im eigenen Land bei. Alle Neune, das hat seitdem nie­mand seiner Epi­gonen bei einer EM über­troffen.

Dieser Tau­send­sassa, ein manchmal alt­mo­disch anmu­tender Lieb­haber seines Spiels, kämpft als Prä­si­dent der Euro­päi­schen Fuß­ball-Union (Uefa) dieser Tage auch darum, seinen Sport nicht mit tech­ni­schem Teu­fels­zeug zu über­frachten.

Das glaubt er zumin­dest. Lieber fehl­bare Tor­richter als unfehl­bare Tor­ka­meras? Das hat sich der Mann, den viele für den Nach­folger des 76 Jahre alten Prä­si­denten des Welt­fuß­ball­ver­bandes Fifa, Joseph Blatter, halten, so gedacht, als seine“ EM in Polen und der Ukraine begann. Und tat­säch­lich gaben die von Pla­tini anders als von Blatter bei den Welt­meis­ter­schaften im Zweifel geschützten Unpar­tei­ischen bis zum Dienstag auch wenig Anlass, heftig über sie zu schimpfen. Dann aber kam das Tor, das nicht als sol­ches erkannt wurde. Der Treffer des Ukrai­ners Devic, den der Eng­länder Terry erst hinter der Tor­linie zu ver­hin­dern ver­sucht hatte. Dessen artis­ti­schen, aber untaug­li­chen Ver­such hono­rierten der unga­ri­sche Schieds­richter Kassai und sein Lands­mann und Tor­richter Vad unge­wollt, indem sie keinen Treffer zu sehen geglaubt hatten.

Danach brach ein Sturm der Ent­rüs­tung dar­über los, dass noch immer keine Tor­ka­mera zum Freund und Helfer der Schieds­richter geworden ist. Pla­tini, oberster Mentor der von ihm in der Cham­pions League, der Europa League und nun auch bei der EM ein­ge­setzten Tor­richter, mutete des­halb von heute auf morgen wie ein anti­quierter Sach­ver­walter der Tra­di­tion an. Er hatte noch am Montag im Brustton der Über­zeu­gung gesagt: Man braucht solche Sys­teme nicht. Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball.“

Dass ihm gleich nach dem Mal­heur von Donezk der Fifa-Boss twit­ternd dazwi­schen­funkte, als er fest­hielt, die Tor­li­nien-Tech­no­logie ist keine Alter­na­tive mehr son­dern eine Not­wen­dig­keit“, belegt nur, wie ange­spannt die Bezie­hung zwi­schen dem eins­tigen Tutor Blatter und seinem ehe­ma­ligen Zög­ling ist. Pla­tini hat sich längst eman­zi­piert, Blat­ters Fifa besitzt aber im Zweifel die Ober­ho­heit gegen­über Pla­tinis Kon­ti­nen­tal­ver­band. Wäh­rend der Wal­liser Welt­meis­ter­schaften auch dazu nutzt, seine poli­ti­sche Meis­ter­schaft im Geflecht der Intrigen, Befehle und Bot­schaften zum eigenen Nutzen aus­zu­spielen, hält sich der als Spieler vor­bild­liche Sports­mann Pla­tini bei der EM mit öffent­li­chen Auf­tritten zurück. Der am schwei­ze­ri­schen Uefa-Sitz in Nyon wohn­hafte Fran­zose fühlt sich vor allem seinem Spiel ver­pflichtet und nie­mand anderem.

So hat er sich einer­seits, ganz Vor­ge­setzter, zwar den deut­schen Kapitän vor­ge­knöpft („Herr Lahm ist nicht mein Chef, er hat von mir nichts zu for­dern“), der die Uefa im Fall der inhaf­tierten frü­heren ukrai­ni­schen Regie­rungs­chefin Julia Timo­schenko dazu auf­ge­rufen hatte, sich deut­li­cher zur Frage der Men­schen­rechte zu äußern. Ande­rer­seits gibt es von Pla­tini kein öffent­lich belegtes kri­ti­sches Wort gegen­über den der­zeit Herr­schenden unter dem ost­ukrai­ni­schen Prä­si­denten Janu­ko­witsch.

Er habe, sagt Pla­tini, die Regie­rung des Landes auf die Sorge der Uefa im Umgang mit Frau Timo­schenko hin­ge­wiesen“. Grund­sätz­lich ver­tritt der zuzeiten apo­li­tisch argu­men­tie­rende Uefa-Prä­si­dent für sich und seinen Ver­band ein Prinzip: Ich mache Fuß­ball. Wenn ich Politik machen wollte, würde ich in die Politik gehen.“

Inner­halb der Fifa und der Uefa ist dieser Prä­si­dent gleich­wohl ein poli­ti­sches Schwer­ge­wicht, der seine Chancen, wenn er sie denn ergreifen will, zu nutzen pflegt. In den ent­schei­denden Momenten ist er, dessen Anzüge nie so ganz sitzen und selten knit­ter­frei aus­schauen, ganz Profi und zur Stelle. So kippte er den alt­ge­dienten Schweden Lennart Johansson beim Uefa-Kon­gress 2007 in Düs­sel­dorf aus dem Amt; so ver­än­derte er die Bin­nen­struktur der Uefa, indem er die Ver­bände wieder stärkte und nicht die unter Johansson in Nyon fast schon selbst­ständig regie­rende Admi­nis­tra­tion; so setzte er gegen Wider­stände durch, dass von der EM 2016 an 24 Mann­schaften am Tur­nier teil­nehmen dürfen; so führt er Kam­pa­gnen und Wahl­kämpfe mit der­selben per­sön­li­chen Über­zeu­gungs­kraft wie Blatter in der Fifa – aller­dings mit mehr Charme.

Der immer noch gele­gent­lich laus­bu­ben­haft wir­kende Pla­tini lässt bei dieser EM in einem nicht mit sich spaßen: Alle Äuße­rungen von den Tri­bünen, die ras­sis­tisch grun­diert sind, werden von der Uefa-Justiz ver­folgt und im Regel­fall mit Geld­strafen für den Ver­band sank­tio­niert, der sich solche unlieb­samen Fans zurechnen lassen muss. Pla­tini ging sogar so weit, im Ton der Straße auf die ras­sis­ti­schen Aus­fälle eines Teils der kroa­ti­schen Anhän­ger­schaft zu reagieren. Ich bin nicht glück­lich über Kroa­tien“, hat er dieser Tage gesagt, sie haben ein Team, das guten Fuß­ball spielt, aber wenn du ein paar hun­dert Arsch­lö­cher im Sta­dion hast, ist das nicht akzep­tabel.“

Wo es um den Fuß­ball geht, zeigt dieser Prä­si­dent, der 2007 bei der Wahl Polens und der Ukraine als Aus­richter dieser EM für Ita­lien gestimmt hatte, klare Kante. Genauso deut­lich, wie er die Fuß­ball-Wege­la­gerer kri­ti­siert hatte, lobte er die lokalen Orga­ni­sa­toren des Tur­niers, bes­tens ange­leitet vom Uefa-Tur­nier­di­rektor Martin Kallen und seinem Team: Es noch besser zu machen, wäre Per­fek­tion. Hier wird etwas von der EM zurück­bleiben.“ Zwei­fellos war die ris­kante Ent­schei­dung, eine Euro­pa­meis­ter­schaft erst­mals nach Ost­eu­ropa zu ver­geben, richtig, mag sie auch mit einem unaus­ge­spro­chenen Dan­ke­schön für die vielen Wähler des Uefa-Prä­si­denten Pla­tini im Jahr 2007 ver­bunden gewesen sein. Der Mann, der für Katar als WM-Aus­richter 2022 stimmte und sich dabei im Ein­klang mit der große Geschäfte wit­ternden fran­zö­si­schen Wirt­schaft befand, beherrscht die Politik des Gebens und Neh­mens und ist als Fuß­ball­po­li­tiker im oft skan­dal­um­wit­terten System Blatter groß geworden.

Anders jedoch als der alternde Schweizer Macht­haber scheint Michel Pla­tini ein boden­stän­diger, relativ unab­hängig wir­kender Genießer seines Lebens als Kron­prinz des inter­na­tio­nalen Fuß­balls zu sein. Joseph Blatter zu beerben hat noch Zeit, fürs Erste fühlt sich der Fuß­ball-Prä­si­dent Michel Pla­tini dort am wohlsten, wo er zur inter­na­tio­nalen Größe wurde: im Sta­dion.