Seite 3: Glücksgriff Tedesco

Doch trotz des unter­grün­digen Grol­lens, Helge Leon­hardt steht zu Beginn der Saison stark da. Über Bau­stel­len­aus­fahrten geht es hinein in den Sta­di­on­neubau. Bald ist eine moderne Arena dort fertig, wo früher noch ein zugiges Sta­dion mit Lauf­bahn stand und viel impro­vi­siert werden musste. Der Prä­si­dent schlen­dert durch den Rohbau der VIP-Loge, die am zweiten Spieltag ein­ge­weiht werden soll, und legt begeis­tert die Hand auf die leder­be­zo­genen Sitze, in die das Klub­wappen ein­ge­stickt ist.

Genau an diesem Wappen schieden sich vor zwei Jahren die Geister. Der Vor­stand hatte über Nacht ein neues Logo ein­ge­führt. Redu­ziert auf wesent­liche Struk­turen und Farben. Mit Schlägel und Eisen im Das neue Wappen ist unsere DNA. Wir sind uns sicher, dass Jung und Alt dieses Wappen voller Stolz annehmen werden“, hieß es. Nur hatten weder Jung noch Alt Lust dazu, ihre Gene ver­än­dern zu lassen. Das Wappen ver­schwand in der Schub­lade.

Vor­stand raus“

Was blieb, war das Banner mit der Auf­schrift Vor­stand raus“. In roten Let­tern hängt es bei jedem Spiel vor dem Block der Auer Ultras. Sie kri­ti­sieren die sport­liche Inkom­pe­tenz im Vor­stand, ihnen ist das zu hemds­är­melig und pein­lich auf Kurs ins nächste Fett­näpf­chen. Mit Geschäfts­führer Michael Voigt führen sie zudem eine lei­den­schaft­liche Dau­er­fehde über ein Logo, das Ultras ent­worfen und der Klub annek­tiert hatte.

Auch bei dem Plakat, so glaubt Leon­hardt, seien Min­der­heiten“ am Werk. Das Banner ist ihm trotzdem ein Dorn im Auge. Immer wieder wurde es abge­hängt, die Fans schmug­gelten Kopien am eigenen Körper ins Sta­dion. Denen darfst du keine Beach­tung schenken“, sagt Leon­hardt und lacht. Aber wer mit dem Plakat erwischt wurde, erhielt Sta­di­on­verbot. Viel Beach­tung für Min­der­heiten, oder ist Leon­hardt ein Falsch­ver­stan­dener? Er Die Medien haben ja immer nur die ›Vor­stand raus!‹-Plakate gezeigt. Nie die ›Wir danken euch‹-Schilder.“

Tedesco kannte das Caten­nacio

Das Handy klin­gelt. Co-Trainer Robin Lenk meldet sich aus dem Trai­nings­lager in Öster­reich. Er erstattet Rap­port. Dass der Rasen vor­bild­lich sei. Die Spieler ihre Zimmer schon bezogen hätten. Lenk fragt, wann Leon­hardt anreist, um nach dem Rechten zu sehen. Es ist nicht zu ver­stehen, ob er ihn Herr Leon­hardt“ nennt oder Herr Prä­si­dent“. Er könnte auch Hallo Schwie­ger­papa“ gesagt haben, schließ­lich ist Leon­hardt der Vater seiner Freundin. Der Verein ist ein Fami­li­en­un­ter­nehmen.

Aller­dings hat Co-Trainer Lenk zuletzt unbe­streitbar gute Arbeit geleistet. Nach der Ent­las­sung von Auf­stiegs­trainer Dot­chev war er Inte­rims­coach und dann Assis­tent von Dome­nico Tedesco. Über­haupt Tedesco, er hat Helge Leon­hardt tief beein­druckt. Kennen Sie den Catenaccio?“, fragt er und wartet die Ant­wort gar nicht ab. Der Tedesco kannte ihn. Wahn­sinn. Der hat die Ver­gan­gen­heit nicht ver­gessen, aber mit der Moderne ver­bunden. Das hat mir impo­niert.“

Nur da wird über Krieg und Frieden ent­schieden“

Ohne Tedesco wäre die Kritik am König im Auen­land ver­mut­lich noch größer und es würden noch mehr miss­lie­bige Trans­pa­rente im Sta­dion hängen. Inner­halb von elf Wochen führte der junge Coach den Tabel­len­letzten zum Klas­sen­er­halt und das nicht irgendwie glück­lich, son­dern begeis­ternd. Tak­tisch wurde in dieser Zeit viel­leicht der beste Fuß­ball der zweiten Bun­des­liga in Aue gespielt. Tedesco war auch so schlau, den Prä­si­denten ein­zu­binden und ihm zu erklären, was er vor­habe und wie er gewinnen wolle. Als väter­lich beschreibt Leon­hardt den Umgang mit dem 31-Jäh­rigen, der bald darauf das große Los zog. Inzwi­schen ist Dome­nico Tedesco Chef­trainer bei Schalke 04. Ehr­lich, enga­giert, hilfs­be­reit sind die Attri­bute, die er in der Rück­schau für Leon­hardt wählt. Er hat mir den Rücken frei­ge­halten und alles für mich getan.“

Wenn der Prä­si­dent an diese Zeit denkt, tragen ihn die Erin­ne­rungen fast etwas weg: Das war ein Hype, den hätte ich gerne noch länger gehabt.“ Für ein paar Wochen war Aue Teil der großen Fuß­ball­welt, und der Prä­si­dent durfte einem Trainer dabei zusehen, wie er schnell zu groß für sein Tal wurde. Mit dem sport­li­chen Erfolg wurde auch seinen Kri­ti­kern die Grund­lage ent­zogen. Aber Helge Leon­hardt behauptet, dass er sich nicht gerne mit der Ver­gan­gen­heit beschäf­tige. Die Kritik, sagt er, habe er abge­hakt, auch wenn er die Kri­tiker nie ver­gessen könne. Was zählt, ist die Gegen­wart. Denn nur da wird über Krieg und Frieden ent­schieden.“