Seite 2: Zwischen Führer und Autorität

1992 stand der drei­fache DDR-Meister vor dem Aus. Die besten Spieler waren schon weg, da zog sich auch noch die Wismut zurück. Also traten die Fuß­baller an die Zwil­lings­brüder Leon­hardt heran, die den Leuten so erfolg­reich Autos ver­kauften; lokale Unter­nehmer vor Ort sollten dem maroden Klub unter die Arme greifen. Die beiden Brüder packten mit an: Uwe wurde Prä­si­dent und blieb es 15 Jahre lang bis 2008, sein Bruder Helge arbei­tete im Auf­sichtsrat. Zum Ent­setzen der Tra­di­tio­na­listen gaben die beiden dem Verein einen neuen Namen: FC Erz­ge­birge Aue. Die Idee dahinter war: Er sollte das Aus­hän­ge­schild einer Region werden, wie Hoeneß’ Münchner für Bayern. Damals ver­hin­derten die Leon­hardts den Absturz des Klubs, aber es dau­erte fast ein Jahr­zehnt, bis das Erz­ge­birge auch über­re­gional wieder auf der deut­schen Fuß­ball­karte auf­tauchte. 2003 stieg Aue in die zweite Liga auf und ent­wi­ckelte sich zu irgendwas zwi­schen grauer Maus und Tra­di­ti­ons­klub. Die Leon­hardts führten den Verein mit harter Hand. Führer“ nannten die Fans Uwe Leon­hardt halb spöt­tisch, halb bewun­dernd, denn der Vor­sit­zende redete gerne mar­tia­lisch. Sein Zwil­lings­bruder Helge auch. In den Neun­zi­gern standen alle Fans noch wie echte Patrioten hinter der Füh­rung“, sagt er.

Wie ein Unter­nehmen

Heute tun sich die Fans mit Ver­eins­pa­trio­tismus und der Füh­rung offen­sicht­lich schwerer, wie die zweite Ära Leon­hardt in Aue zeigt. Vor drei Jahren kehrten sie zum Klub zurück, nur dass diesmal Helge und nicht wieder Zwil­lings­bruder Uwe Prä­si­dent wurde. Damals hatte sogar der Landrat vor seiner Tür gestanden, also nahm Helge Leon­hardt an. Seitdem führt er Aue wie ein Unter­nehmen“, sagt er. Doch genau da könnte der Kern des Pro­blems liegen. Im Fuß­ball­verein bist du der Öffent­lich­keit und den Medien aus­ge­setzt. Eine Firma kannst du abschotten. Die Öffent­lich­keit hat in einer Firma gar nichts zu suchen.“ Nur: Einen Fuß­ball­verein kann man nicht von der Öffent­lich­keit abschotten, er ist Teil der Öffent­lich­keit.

Auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung im November 2016 trat Jens Hau­stein ans Mikrofon. Erz­ge­birge Aue hatte einige Zeit zuvor Sport­di­rektor Steffen Zif­fert ohne Angabe von Gründen ent­lassen, und dem Bür­ger­meister aus dem Nach­barort Drebach platzte der Kragen. Hau­stein wollte end­lich wissen, warum das pas­siert war. So einen ver­dienst­vollen Manager vom Hof zu jagen, das gehört sich nicht“, meinte er. Zif­fert sei volksnah gewesen und eine ehr­liche Haut. Eben so, wie die Leute im Erz­ge­birge sich selber sehen. Zudem hatte Zif­fert nach dem Abstieg 2015 eine kom­plett neue Mann­schaft aus dem Nichts zusam­men­ge­stellt und mit Trainer Pavel Dot­chev den direkten Wie­der­auf­stieg in die zweite Liga gemeis­tert.

Hau­stein war an diesem Abend nicht der ein­zige Kri­tiker gewesen. Bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung entlud sich viel Frust. Normal sollte man dem im Nach­hinein keine Bedeu­tung schenken. Aber für mich war das beschä­mend und pri­mitiv. Ein trau­riger und unwür­diger Tag für unseren Verein“, klagt Helge Leon­hardt. Seine Töchter hätten ihn ange­fleht, er möge auf­hören. So einen wie ihn hätte der Verein nicht ver­dient. Doch Leon­hardt wollte sich von den Min­der­heiten“, wie er sie nennt, nicht beirren lassen.

Nur Auto­ri­täten gewinnen den Kampf“

Die Frage ist nur, ob es wirk­lich Min­der­heiten sind. Denn nach dem Raus­wurf von Zif­fert beru­higten sich die Leute nicht so schnell. Vielen erschien das wie ein Akt der Willkür, und sie fühlten sich in dieser Ansicht bestä­tigt, als Zif­fert nach einem Drei­vier­tel­jahr des Pro­zes­sie­rens alle Gerichts­ver­fahren gewann.

Auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung war Leon­hardt der Vet­tern­wirt­schaft bezich­tigt worden. Sein Zwil­lings­bruder Uwe sitzt im Auf­sichtsrat, Cousin Wolf­gang im Ehrenrat. Eine seiner Töchter arbeitet im Mar­ke­ting des Klubs und ist mit einem der Profis liiert. FC Leon­hardt“ heißt es in Aue. Der Prä­si­dent erwi­dert: In einem Busi­ness brauchst du Auto­ri­täten, denn nur Auto­ri­täten gewinnen den Kampf ums Dasein.“ Und weil der Verein für ihn eben ein Unter­nehmen ist, sieht er auch ihn in einem dar­wi­nis­ti­schen Kampf. Dafür ist er bes­tens gerüstet.

In seiner Firma sitzt Leon­hardt an einem mas­siven Schreib­tisch aus Holz, Besu­cher nehmen davor Platz, am Kat­zen­tisch. Er ist ein großer Mann, der sehr bestimmt werden kann. Manchmal aber spricht er absicht­lich leise, so dass man sich anstrengen muss, ihn noch zu ver­stehen. Es soll in jeder Situa­tion klar werden, wer hier die Auto­rität ist.

Neid und Miss­gunst 

Erfolg erzeugt Miss­gunst und Hass“, erklärt er, und das Ergebnis ist oft Ver­leum­dung.“ Auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung fühlte sich Leon­hardt ver­leumdet. Nur geht es seinen Kri­ti­kern nicht anders. Die Leon­hardts holen die grobe Keule raus und haben dabei die Medien hinter sich“, sagt Bür­ger­meister Hau­stein, der die Familie schon lange kennt.