Er passt hier so gut hin wie ein aus­ge­wach­sener Tiger in einen Strei­chelzoo. Der jagd­grüne Sport­wagen, Bentley Con­ti­nental GT für rund 200 000 Euro, ist auf dem Weg nach Aue. Im Innen­raum ist alles mit Leder aus­ge­schlagen, am Steuer sitzt Helge Leon­hardt, Prä­si­dent des FC Erz­ge­birge. Er erzählt davon, wie sein Zwil­lings­bruder Uwe und er zur ein­fluss­reichsten Familie des Tals wurden. Kurz nach der Wende, da brauchten die Leute hier fast alles. Kühl­schränke, Ver­si­che­rungen, Autos“, sagt er. Für Kühl­schränke und Ver­si­che­rungen sorgten andere, die Leon­hardts besorgten die Autos und haben seitdem die dicksten Karren.

Es ist schwierig, über das Gra­nit­ge­birge ins abge­le­gene Aue zu kommen. Stünd­lich fährt eine kleine Pan­ora­ma­bahn, die Gleise winden sich an den Berg­hängen ent­lang. Wenn Aue spielt, steigen an jeder Bie­gung eine Hand­voll Fans ein, in Ein­siedel, Thal­heim und Nie­der­zwö­nitz. Erst kurz vor Aue lichtet sich der mär­chen­hafte Wald und gibt den Blick frei auf das Sta­dion an der Löß­nitzer Straße. In einer tiefen Kuhle gelegen, ste­chen die vier kalk­weißen Flut­licht­masten aus der die­sigen Umge­bung hervor. Will­kommen im Schacht.

Gera­deaus und ehr­lich

Aue war mal Berg­bau­stadt, Uran wurde hier aus dem Erz­ge­birge geholt, für die sowje­ti­sche Atom­in­dus­trie. Wismut hieß das Unter­nehmen und domi­nierte die Region, auch der Klub hieß so: Wismut Aue. Ein Klub der Berg­leute, wie bei Schalke singen sie hier das Stei­ger­lied. Schon zu DDR-Zeiten war der Klub beson­ders: kleines Budget, aber ein enger Zusam­men­halt im Kessel. Wenn die Bahn am Spieltag nach Aue fährt, geht es erstaun­lich schweigsam zu. Außen­ste­hende würden die Leute hier viel­leicht als mür­risch bezeichnen, sie sich selbst als gera­deaus und ehr­lich. Nur wenige außer­halb des Ostens kannten die Fuß­ball­tra­di­tion in Aue. Die alten Schlachten. Aber mitt­ler­weile sollte jeder wissen, wo das Erz­ge­birge liegt“, sagt Helge Leon­hardt und schließt die Tür seines Bent­leys. Die Limou­sine macht einen tiefen Schmatzer. Hier im tiefen Osten hat die Liga das Fürchten gelernt. Vor jeder Saison die bange Frage, wann es nach Aue geht. Im Winter will hier nie­mand hin, wenn Schnee liegt und gars­tige Winde pfeifen. Und schon gar nicht im Früh­jahr, wenn die Lila-Weißen auf dem tiefen Rasen wieder mal um den Klas­sen­er­halt kämpfen. Jeder, der in Aue war, ist froh, wenn er schnell wieder nach Hause fahren darf“, sagt Leon­hardt.

Er spricht über den Klub, aber irgendwie auch über sich. Helge Leon­hardt stammt von hier, ver­brachte seine Jugend aber in der Berg­bau­re­gion von Gera, eine Auto­stunde ent­fernt in Thü­ringen. Er war ein guter Fuß­baller, ging dort zur Sport­schule und spielte bei Dynamo Gera. Tor­schüt­zen­könig und mit 24 Jahren jüngster Spie­ler­trainer in der Geschichte der ost­deut­schen dritten Liga, wäh­rend sein Vater für die Wismut arbei­tete. Unsere Aus­bil­dung war geprägt von Härte und Dis­zi­plin, und das ist immer meine Ein­stel­lung geblieben.“

Das hat uns hart gemacht“

Als die Wende kam, waren Helge und Uwe 30 Jahre alt und konnten Härte gut gebrau­chen, als sie sich neu ori­en­tierten. Von Volks­wagen erhielten sie eine Lizenz für ein Auto­haus in Aue, von der ört­li­chen Spar­kasse gab es einen Mil­lio­nen­kredit. Mitt­ler­weile gehören ihnen nicht nur vier Auto­häuser, in denen man auch Lam­bor­ghini und Bentley kaufen kann, son­dern eine Maschi­nen­bau­firma, ein Vier-Sterne-Hotel und eine Reihe Betei­li­gungen an wei­teren Firmen. Der Aufbau unserer Unter­neh­mens­gruppe war Wahn­sinn. Das hat uns hart gemacht. Das können nur Gründer erleben, die in so einer auf­re­genden Zeit gedient haben.“

Helge Leon­hardt dient auch dem FC Erz­ge­birge Aue, jeden­falls sieht er es so. Seit 2014 ist der Unter­nehmer hier Prä­si­dent und, wie er findet, Macher und Visionär. Der Klub setzt dabei aufs Image eines Under­dogs. Von den 36 Pro­fi­stand­orten hat nur Sand­hausen noch weniger Ein­wohner als Aue. 17 000 Men­schen leben hier, und eigent­lich ist es unfassbar, dass der FCE Zweit­li­gist ist und nicht Mag­de­burg, Ros­tock oder Lokal­ri­vale Chem­nitz. Trotzdem hängt bei jedem Heim­spiel ein Vor­stand raus!“-Plakat vor den Tri­bünen, und der Haus­segen hängt schon lange schief. Was ist denn hier los?