Diese Repor­tage stammt aus unserem 11FREUNDE-Spe­zial Ama­teure“. Alle Ori­gi­nale, Typen und Geschichten aus der Welt des Ama­teur­fuß­balls findet ihr in diesem Heft, das am Kiosk eures Ver­trauens oder direkt im 11FREUNDE-Shop erhält­lich ist.

Das Telefon klin­gelt um kurz nach zehn. Gummi!“, ruft der Wirt durch die Kneipe. Gummi, deine Alte!“ Gün­ther Stor­beck, den alle nur Gummi nennen, weil sein Körper so fle­xibel und dehnbar ist wie ein Deu­ser­band, eilt zum Tresen und nimmt den Hörer ent­gegen. Er ist guter Dinge. Zwar hat sein geliebter HSV am Nach­mittag 0:1 auf Schalke ver­loren, aber nun sitzt er im Sup­pen­keller, seiner Stamm­pinte im Ham­burger Stadt­teil Eppen­dorf, Weih­nachts­feier mit den besten Freunden. Es gibt Grün­kohl, Schwei­ne­backe und Kas­seler, für die Jungs außerdem Schnaps und Bier. Gummi trinkt wie immer nur Cola.

Als er den Hörer wieder auf die Gabel legt, sagt er: Caramba!“ und wählt die Nummer der Lot­to­zahlen-Aus­kunft. Noch mal: Caramba!“ Dann bestellt er eine Fla­sche Sekt. Als seine Freunde ungläubig zu ihm hin­über­schauen, weil Gummi nie Alkohol trinkt, sagt er: Sechs Rich­tige, Männer! Heute geht alles auf mich!“ Sie feiern die ganze Nacht lang, und als sie ordent­lich einen sitzen haben, fragt einer: Gummi, was machste eigent­lich mit der Kohle? Haus? Kreuz­fahrt? Por­sche?“ Gummi sieht ihn an und sagt: Ich gründe ne Fuß­ball­mann­schaft, und eines Tages steigen wir in die Bun­des­liga auf.“ Seine Freunde johlen und schreien Geil, Gummi!“ und Irre, Gummi!“, denn sie finden, dass er das Zeug dazu hat, einen Fuß­ball­verein zu führen.

Das war am 15. Dezember 1979.

Fast 40 Jahre später, an einem Frei­tag­abend Anfang August 2017, sitzen drei ehe­ma­lige Spieler der Eppen­dorfer Spiel­ge­mein­schaft, kurz ESG, in der Kneipe Bier­krug. Früher gehörte sie Gummi und hieß erst Bier­brunnen, danach Sport-Eck. Sie liegt in dem Teil Eppen­dorfs, der noch mehr nach Arbei­ter­viertel und Holsten vom Fass riecht als nach Som­mer­garten und Latte mac­chiato. Die Männer, alle Mitte 60, frisch Gezapftes auf dem Tisch, Ziga­retten im Mund­winkel, zeigen in Rich­tung Eck­haus auf der anderen Stra­ßen­seite. Da drüben, sagen sie, war früher der Sup­pen­keller. Da fand die legen­däre Weih­nachts­feier statt, da ritt Gummi auf einem Esel über die Straße. Kennste die Story? Halb­nackt saß er auf dem Tier! Irre, oder? Müssen wir erzählen!

Ein positiv Ver­rückter“

Anwe­send sind: Martin Tul­lius, zen­trales Mit­tel­feld, wildes graues Haar, sanfter Blick, sanfte Stimme; redet gerne über Haschisch und führte früher einen Laden für Kat­zen­streu und Tier­futter. Ihm gegen­über Ulf Hoff, rechter Ver­tei­diger, Bacardi-Cola-Frak­tion, Sakko und Polo­hemd, Laus­bu­ben­lä­cheln; kennt alle Fakten der Ver­eins­ge­schichte. Daneben Michael Wall­bruch, Mit­tel­feld, manchmal auch Rechts­außen, Reib­ei­sen­stimme, Typ Con­tai­ner­schiff­ka­pitän a. D., Spitz­name Walli; arbeitet bis heute in der Foto­grafie- und Druck­in­dus­trie.

Wer wissen möchte, was Ama­teur­fuß­ball aus­macht, findet hier Ant­worten. Denn in der Geschichte der ESG steckt das volle Kreis­li­gadrama. Sie erzählt von Träumen und Hoff­nungen, Freund­schaft und Zusam­men­halt, aber auch ein wenig von Grö­ßen­wahn und Dilet­tan­tismus. Vor allem aber han­delt sie von einem Mann mit treuen Augen und einer kind­li­chen Begeis­te­rungs­fä­hig­keit. Den die einen Para­dies­vogel nennen und die anderen Aben­teurer.

Gummi war ne
Marke“, sagt Martin.

Ein positiv Ver­rückter“, sagt Ulf.

War n Typ!“, sagt Walli.

Hat mal beim VfB Lübeck im Tor gespielt“, sagt Martin.

Gummi starb 2004 im Alter von 78 Jahren. Zur Beer­di­gung kamen nicht mehr als zehn Trau­er­gäste. Immerhin, Thomas Doll war da, und das hätte Gummi wirk­lich glück­lich gemacht. Die beiden hatten sich um die Jahr­tau­send­wende ange­freundet. Wenn es ihm schlecht ging, weil nichts, aber wirk­lich gar nichts mehr von dem Lot­to­ge­winn übrig war, unter­stützte der dama­lige HSV-Trainer ihn sogar finan­ziell. Gummi arbei­tete in jenen Jahren als eine Art Mäd­chen für alles beim Bun­des­li­gisten. Er tape­zierte die Woh­nung von Anthony Yeboah, strich die Wände der Geschäfts­stelle oder erle­digte Kurier­fahrten. Wenn die Profis oder Freunde ihn fragten, ob er traurig sei, dass die ESG sich schon drei Jahre nach dem großen Lot­to­ge­winn auf­lösen musste, sagte er nur: Ach, war doch ne geile Zeit!“