Wäre aus Fábio Coen­trão nicht ein Pro­fi­fuß­baller geworden, hätte er gut und gerne einer jener Fischer gewesen sein können, die im November 2011 bei einem Boots­un­glück vor Figueira de Foz zwei­ein­halb Tage um ihr Leben kämpften. Statt­dessen war einer seiner Ver­wandten an Bord, José Manuel Coen­trão. Am 30. November geriet die Besat­zung der Virgem do Sameiro in Seenot und ver­schwand spurlos. Die Ein­wohner von Caxinas, einem kleinen Fischer­dorf im Nord­westen Por­tu­gals, befürch­teten bereits das Schlimmste. Zwei Tage lang wurde ver­geb­lich nach den sechs Ver­missten gesucht, und all­mäh­lich schwand die Hoff­nung der Ange­hö­rigen an Land.

Dann aber geschah das Wunder. 57 Stunden, nachdem sie das letzte Lebens­zei­chen von sich gegeben hatte, wurde die Crew von der por­tu­gie­si­schen Luft­waffe gefunden. Lebend, alle sechs. José Manuel Coen­trão, der Boots­eigner, hatte es geschafft, seine Leute auf das Ret­tungs­boot zu ver­frachten, wo sie eine gefühlte Ewig­keit um ihr Leben bangten. Ich war kurz davor, die Hoff­nung auf­zu­geben“, erin­nert sich Coen­trão. Am zweiten Tag verlor einer von uns die Nerven und wollte das Ret­tungs­boot ver­lassen. Ich musste ihn zweimal schlagen, um ihn zu beru­higen. Danach waren wir gezwungen, ihn zu fes­seln.“ Auf die Frage, wie er nun den Rest seines Lebens begehen wolle, ant­wor­tete José Manuel Coen­trão: Ich werde natür­lich weiter zur See fahren. Die See ist mein Leben.“

Bäcker, Anstrei­cher, Bau­ar­beiter

Fábio Coen­trão hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass auch aus ihm wahr­schein­lich ein Fischer geworden wäre, wenn er es nicht als Fuß­ball­profi geschafft hätte. Er wuchs in eben jenem Caxinas auf, gelegen an der Atlan­tik­küste zwi­schen Vila do Conde und Póvoa de Varzim. Mein Vater war eben­falls Fischer“, sagt Coen­trão. Ich hatte eine harte Kind­heit, und Vater musste das Land ver­lassen, um im Aus­land mehr Geld zu ver­dienen und unsere finan­zi­elle Situa­tion zu ver­bes­sern.“ Beide Eltern und zwei ältere Brüder arbei­teten für län­gere Zeit in Frank­reich, wäh­rend der junge Fábio in Caxinas bei einer Tante blieb: Bevor sie nach Frank­reich gingen, arbei­tete meine Mutter in einer Fisch­fa­brik. Ich kann mich erin­nern, dass ich sie dort öfter besucht habe. Als ich größer wurde, habe ich selbst dann in einer Bäckerei gear­beitet und mich auch als Anstrei­cher und Bau­ar­beiter ver­sucht, bis ich end­lich in der Lage war, mich auf den Fuß­ball zu kon­zen­trieren.“

Ein Kind unter Mil­lio­nären

Coen­trãos fuß­bal­le­ri­sches Talent fiel zuerst beim Pro­vinz­klub Rio Ave auf, wo er von 2005 bis 2007 spielte. Nach gerade mal einer Hand­voll Par­tien für die erste Mann­schaft lud ihn José Mour­inho zum Pro­be­trai­ning zum FC Chelsea ein. Auch die Lis­sa­boner Groß­klubs Spor­ting und Ben­fica hatten da schon ihre Fühler nach dem schnellen Flü­gel­spieler aus­ge­streckt, der aber schließ­lich nach London reiste. Dort kam der scheue Teen­ager aller­dings nicht zurecht. Als Fábio nach London kam, war er fast noch ein Kind“, erin­nert sich Bal­temar Brito aus Mour­inhos dama­ligem Trai­ner­stab.

Für einen so jungen Bur­schen ist es nicht leicht, seinen Hei­matort zu ver­lassen und sich in einem Moloch wie London zurecht­zu­finden, um inmitten all der berühmten Stars sein Talent unter Beweis zu stellen.“ Die Sache ging also schief. Er absol­vierte nur vier oder fünf Trai­nings­ein­heiten mit der ersten Mann­schaft“, sagt Brito, aber er war ein­fach zu schüch­tern und gehemmt. Erst in der letzten Ein­heit konnte er andeuten, was er draufhat. Die anderen Spieler nannten ihn wegen seiner Frisur und einiger anderer Ähn­lich­keiten ›Mar­cello Lippi‹, doch er ver­stand kein Eng­lisch und wusste nicht, worum es ging. Als er end­lich kapierte, was sie meinten, legte er seine Hem­mungen ein wenig ab und zeigte doch noch kurz, was er kann.“

Das reichte indes nicht für einen Ver­trag bei Chelsea. Wenig später griff Ben­fica zu, nur um ihn nach gerade mal sechs Ein­sätzen zu Nacional Fun­chal aus­zu­leihen. Der Junge aus Caxinas hatte danach einen Monat in London ver­bracht, ein halbes Jahr in Lis­sabon und ein wei­teres halbes auf Madeira. Und die größte Prü­fung sollte noch auf ihn warten: in Spa­nien zu spielen. Nach starken sechs Monaten bei Fun­chal lan­dete Coen­trão bei Real Zara­goza.

Deren dama­liger Coach Mar­ce­lino Toral erin­nert sich: Er inte­grierte sich nie wirk­lich und schien sich auch nicht beson­ders für Zara­goza zu inter­es­sieren. Ich hatte das Gefühl, er wollte eigent­lich gar nicht hier sein.“ Coen­trão sieht das ein biss­chen anders: Ich würde lieber mit dem Fuß­ball auf­hören, als jemals nach Zara­goza zurück­zu­kehren. Sie haben mich dort als Spieler und Men­schen falsch ein­ge­schätzt. Angeb­lich habe ich mich nur für Partys inter­es­siert. Jetzt, wo ich bei Real Madrid spiele, sehen sie viel­leicht ein, dass sie falsch­ge­legen haben.“

Für immer Ben­fica – bis Madrid

Coen­trão kehrte für ein halbes Jahr zu Rio Ave zurück, bevor er sich schließ­lich bei Ben­fica Lis­sabon durch­setzen konnte. Im ersten Spiel der Saison 2009/10 wurde er ein­ge­wech­selt und von Trainer Jorge Jesus links in die Vie­rer­kette beor­dert. Ein Neu­start auf unge­wohnter Posi­tion, der sich bezahlt machen sollte. Nach einer über­ra­genden Saison nahm ihn der dama­lige Natio­nal­trainer Carlos Queiroz mit zur WM nach Süd­afrika. Mitt­ler­weile hatte Coen­trão gehei­ratet und freute sich auf die Geburt seiner Tochter. Der Junge aus Caxinas war zum Mann geworden. Als ich jünger war, dachte ich nur mit meinen Füßen. Heute weiß ich auch meinen Kopf zu gebrau­chen“, beschreibt Coen­trão seinen Wandel. Er spielte eine starke Welt­meis­ter­schaft und war für viele Experten der stärkste Akteur auf seiner Posi­tion. Nach dem Tur­nier hatten einige große Klubs, unter anderem der FC Bayern, ihr Inter­esse an ihm bekundet, doch Coen­trão beteu­erte, auf ewig für Ben­fica Lis­sabon spielen zu wollen. Als dann aller­dings Real Madrid anklopfte, wurde er schwach und for­cierte seinen Wechsel, sodass Ben­fica letzt­lich nichts anderes übrig blieb, als sich dem Druck zu beugen und den Spieler ziehen zu lassen.

Im Sommer 2011 wech­selte Coen­trão für 30 Mil­lionen Euro nach Madrid. Dort stand der Außen­ver­tei­diger aus der por­tu­gie­si­schen Pro­vinz nun vor seiner bis­lang größten Her­aus­for­de­rung. Da war zum einen der Druck, bei einem solch gewal­tigen Klub wie Real Madrid um seinen Stamm­platz zu kämpfen, zum anderen die Rück­kehr in die spa­ni­sche Liga, wo er bei Zara­goza schon einmal gran­dios geschei­tert war. Doch Coen­trão bestand die Prü­fung.

Eine Ziga­rette mit Ronaldo

Unter Mour­inho, der ihn eher im zen­tralen Mit­tel­feld ein­setzt, da Mar­celo in der Vie­rer­kette gesetzt ist, hat er sich als Fuß­baller noch einmal wei­ter­ent­wi­ckelt. Trotz der Umstel­lung hat er es in seiner ersten Saison bei Real auf mehr als 30 Ein­sätze gebracht. Unge­achtet seines Erfolges ist er aber immer noch der junge Rebell aus Caxinas. Ein unschul­diger Junge in einer Stadt voller Fallen.

Auf einer Feier zu seinem 24. Geburtstag wurde er mit einer Ziga­rette in der Hand foto­gra­fiert, gleich neben Cris­tiano Ronaldo. Die spa­ni­schen Medien ver­an­stal­teten dar­aufhin einen Rie­sen­wirbel, und Mour­inho strich Coen­trão für das fol­gende Spiel aus dem Kader. Der ver­stand das Theater nicht ganz: Es war mein Geburtstag und eine ein­ma­lige Sache. Ich bin ein vor­bild­li­cher Profi, und es ist nicht in Ord­nung, wegen eines ein­ma­ligen Aus­rut­schers alles in Frage zu stellen.“ Im Sommer, wenn Por­tugal in der Todes­gruppe B auf Deutsch­land, Hol­land und Däne­mark trifft, will der Junge aus dem Fischer­dorf zeigen, was er vor allem ist: ein ver­dammt guter Fuß­baller.