Seite 2: "Dann rufen die Freunde aus Mailand und Turin an"

Gleich die erste Mann­schaft, die Sie zusam­men­ge­stellt haben, ist im ver­gan­genen Jahr in die Serie A auf­ge­stiegen. Was war ihr Plan für diese Saison?
Wir haben die nied­rigsten Gehalts­kosten der Liga und das mit großem Abstand. Ich wollte eine junge Mann­schaft, bei der uns die Spieler gehören. So dass wir beim Klas­sen­er­halt den Kern einer Mann­schaft zusammen haben, mit der wir in den nächsten drei oder vier Jahren arbeiten können. Klei­nere Klubs in Ita­lien machen oft den Fehler, dass sie nach einem Auf­stieg zur Aus­leih­platt­form von Juventus Turin, Inter oder AC Mai­land werden. Dann rufen ihre Freunde von den großen Klubs an und sagen: Ich habe einen Spieler für dich. Natür­lich sind das gute Spieler, aber wenn man absteigt und die Mann­schaft ist um diese Spieler gebaut, fehlt ihr plötz­lich die Seele.

Ihre Spieler haben auch erstaun­lich lang­lau­fende Ver­träge.
Wir haben relativ bald nach Sai­son­be­ginn viele Ver­träge auf­ge­stockt und ver­län­gert, wenn wir davon über­zeugt waren, dass die Spieler auf diesem Level mit­halten können. Und zwar bei so vielen Spie­lern, wie ich es noch nie bei einer anderen Mann­schaft gesehen habe, näm­lich unge­fähr zehn. Außerdem wollte ich einen inter­na­tio­nalen Fla­vour in der Mann­schaft.

Ita­lien schon zu kennen, wird total über­schätzt“

Warum?
Meiner Mei­nung wird total über­schätzt, dass es wichtig ist, über Erfah­rung in der Serie A zu ver­fügen oder den ita­lie­ni­schen Fuß­ball zu kennen. Auch im Rück­blick auf die bis­he­rigen Spiele bestä­tigt sich das. Das ein­zige Pro­blem war die Sprache und das Pro­blem haben wir meiner Mei­nung nach gelöst. Vor einem Jahr konnte der Trainer quasi kein Eng­lisch und inzwi­schen ist es kein Pro­blem, sich mit ihm zu unter­halten.

Zum inter­na­tio­nalen Fla­vour gehört auch Michaël Cui­sance, den Sie im Januar vom FC Bayern geholt haben. Welche Idee steckte hinter dem Transfer?
Ich habe seine Daten aus der Zeit bei Borussia Mön­chen­glad­bach mit denen bei Bayern ver­gli­chen, und in Glad­bach konnte man viel klarer einen kom­pletten Spieler sehen. Er ist so ein großer Kämpfer und sta­tis­tisch gesehen, ist er der gefähr­lichste Spieler aus der Tiefe des Spiels, den ich je gesehen habe. Er bringt den Ball in viele gefähr­liche Bereiche und bereitet viel Tor­chancen vor. Meine Wette auf ihn ist, dass er ein Box-to-Box-Spieler wird, wenn er richtig fit ist.

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Michael Cui­sance: Reset für die Kar­riere in Venedig

Gia­como Cosua

Sie haben sicher­lich auch diese Geschichten über ihn gehört, wie kom­pli­ziert und über­heb­lich er ist.
Ich glaube, dieser Junge braucht nur etwas Liebe. Wenn man ihn trifft, ist er ein so netter, über­spru­delnder Bur­sche. Ich hatte jeden­falls mit ihm sofort eine rich­tige Ver­bin­dung.

Ihre Mann­schaft steht gerade auf einem Abstiegs­platz. Haben Sie mal in Ihre Daten geschaut, wie hoch die Wahr­schein­lich­keit ist, dass der FC Venezia sich nicht rettet?
Ich will die Zahlen nicht glauben, die ich da sehe.

Das ist aber nicht sehr ana­ly­tisch.
Doch, denn ich glaube, dass ein Daten­punkt in diesen Algo­rithmen fehlt, den man Mann­schafts­wachstum nennen könnte. Ich bin fest über­zeugt, dass es bei der Mann­schaft noch klickt, denn ich kenne die Leute hier.

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