Alex Menta, stimmt eigent­lich die leicht mär­chen­haft klin­gende Geschichte, dass Sie sich vor zwei Jahren im Urlaub in Venedig auf gut Glück beim Besitzer des FC Venezia gemeldet haben und einen Job bekommen haben, obwohl Sie vorher nie im Fuß­ball gear­beitet haben?
Ja, die stimmt genau so. Ich hatte neu­lich Geburtstag und bin da über die Mail gestol­pert, denn ich hatte sie an meinem Geburtstag vor zwei Jahren geschrieben. Damals habe im Stadio Pier­luigi Penzo gesessen und mir ein Spiel von Venezia in der Serie B ange­schaut, als ich eine SMS von seinem Vater bekam. Er hatte gerade erfahren, dass Duncan Nie­der­auer die Kon­trolle über den Verein über­nehmen würde.

Nie­der­auer ist der ehe­ma­lige CEO der New Yorker Börse, der schon vorher Anteile an dem Klub hielt.
Genau, und direkt nach dem Spiel habe ich ihm aus einem Café am Canale Grande eine E‑Mail an eine Adresse geschickt, die ich bei Google gefunden hatte. Er hat mich inner­halb von einer halben Stunde ange­rufen, und ich hatte vorher wirk­lich nie beruf­lich mit Fuß­ball zu tun.

Stimmt es, dass Sie zumin­dest Eis­ho­ckey­profi waren?
Wenn man meine Eltern fragen würde, war ich sogar der beste Spieler aller Zeiten. Immerhin wurde für ich fürs Spielen bezahlt, zwei Jahre in der zweiten Liga in Finn­land und in der Top-Liga in Russ­land war ich auch. Aber ich musste meine Kar­riere schon mit 22 Jahren beenden, weil ich Knie­pro­bleme hatte.

Weltreich Venedig

Venedig ist eine Stadt voller Wunder, wo der Fuß­ball ver­gessen war, bis die Ame­ri­kaner kamen. Nun hat der Venezia FC welt­be­rühmte Tri­kots und spielt in der Serie A – zum Befremden so man­cher Fans.

Was haben Sie nach dem Ende Ihrer Kar­riere gemacht?
Ich habe daheim in den USA eine Immo­bi­li­en­firma auf­ge­baut und ver­kauft. Anschlie­ßend wollte ich nicht zuhause rum­sitzen und habe eher aus Lan­ge­weile ange­fangen, mit Aktien zu han­deln.

Wie landet man dann beim Fuß­ball?
2015 hat mir ein Freund nebenbei erzählte, dass er bei Fuß­ball­spielen immer auf ein 0:0 wettet. Weil ich dazu neige, obsessiv zu sein, bin ich anschlie­ßend tief in das Thema ein­ge­taucht. Es ist ja wirk­lich ver­blüf­fend, wie viele Spiele torlos enden. Dann habe ich auf Reddit die Frage gepostet, wo man Daten findet, die einem helfen, auf Fuß­ball­spiele zu wetten. Von da aus ging es immer weiter. Letzt­lich hat mich diese kleine Bemer­kung des Freundes in eine hof­fent­lich lebens­lange Beschäf­ti­gung gezogen.

„Daten­ana­lyse ist Teil meiner DNA“

Sie hatten vor Ihrer Anstel­lung beim FC Venezia bereits eigene Daten­sätze zur Bewer­tung von Spie­lern ent­wi­ckelt, wie sehr bestimmt das Ihre Arbeit heute noch?
Daten­ana­lyse ist Teil meiner DNA, das wird sich auch nicht mehr ändern. Die Daten werden im Fuß­ball zuneh­mend kom­plex, so dass man sich andau­ernd wei­ter­bilden muss. Des­halb freue ich mich, dass ich so viele Ver­bin­dungen in der Branche habe. Wenn ich den Ein­druck habe, dass ich etwas viel­leicht nicht richtig ver­stehe, gibt es immer jemanden, den ich fragen kann, der viel besser ist als ich.

Welche Rolle spielt die Arbeit mit Daten im ita­lie­ni­schen Fuß­ball?
In Ita­lien ist da nichts. Natür­lich wird hier und da mit Daten gear­beitet, aber mein Ein­druck ist, dass diese Leute keine Ent­schei­dungen treffen dürfen. Aber das ist ein gene­relles Pro­blem. Es gibt zwar sehr viele intel­li­gente Daten­ana­ly­tiker im Fuß­ball, aber bes­ten­falls 20 Klubs in der Welt, wo sie wirk­lich Ent­schei­dungen treffen dürfen.

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Gleich die erste Mann­schaft, die Sie zusam­men­ge­stellt haben, ist im ver­gan­genen Jahr in die Serie A auf­ge­stiegen. Was war ihr Plan für diese Saison?
Wir haben die nied­rigsten Gehalts­kosten der Liga und das mit großem Abstand. Ich wollte eine junge Mann­schaft, bei der uns die Spieler gehören. So dass wir beim Klas­sen­er­halt den Kern einer Mann­schaft zusammen haben, mit der wir in den nächsten drei oder vier Jahren arbeiten können. Klei­nere Klubs in Ita­lien machen oft den Fehler, dass sie nach einem Auf­stieg zur Aus­leih­platt­form von Juventus Turin, Inter oder AC Mai­land werden. Dann rufen ihre Freunde von den großen Klubs an und sagen: Ich habe einen Spieler für dich. Natür­lich sind das gute Spieler, aber wenn man absteigt und die Mann­schaft ist um diese Spieler gebaut, fehlt ihr plötz­lich die Seele.

Ihre Spieler haben auch erstaun­lich lang­lau­fende Ver­träge.
Wir haben relativ bald nach Sai­son­be­ginn viele Ver­träge auf­ge­stockt und ver­län­gert, wenn wir davon über­zeugt waren, dass die Spieler auf diesem Level mit­halten können. Und zwar bei so vielen Spie­lern, wie ich es noch nie bei einer anderen Mann­schaft gesehen habe, näm­lich unge­fähr zehn. Außerdem wollte ich einen inter­na­tio­nalen Fla­vour in der Mann­schaft.

Ita­lien schon zu kennen, wird total über­schätzt“

Warum?
Meiner Mei­nung wird total über­schätzt, dass es wichtig ist, über Erfah­rung in der Serie A zu ver­fügen oder den ita­lie­ni­schen Fuß­ball zu kennen. Auch im Rück­blick auf die bis­he­rigen Spiele bestä­tigt sich das. Das ein­zige Pro­blem war die Sprache und das Pro­blem haben wir meiner Mei­nung nach gelöst. Vor einem Jahr konnte der Trainer quasi kein Eng­lisch und inzwi­schen ist es kein Pro­blem, sich mit ihm zu unter­halten.

Zum inter­na­tio­nalen Fla­vour gehört auch Michaël Cui­sance, den Sie im Januar vom FC Bayern geholt haben. Welche Idee steckte hinter dem Transfer?
Ich habe seine Daten aus der Zeit bei Borussia Mön­chen­glad­bach mit denen bei Bayern ver­gli­chen, und in Glad­bach konnte man viel klarer einen kom­pletten Spieler sehen. Er ist so ein großer Kämpfer und sta­tis­tisch gesehen, ist er der gefähr­lichste Spieler aus der Tiefe des Spiels, den ich je gesehen habe. Er bringt den Ball in viele gefähr­liche Bereiche und bereitet viel Tor­chancen vor. Meine Wette auf ihn ist, dass er ein Box-to-Box-Spieler wird, wenn er richtig fit ist.

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Michael Cui­sance: Reset für die Kar­riere in Venedig

Gia­como Cosua

Sie haben sicher­lich auch diese Geschichten über ihn gehört, wie kom­pli­ziert und über­heb­lich er ist.
Ich glaube, dieser Junge braucht nur etwas Liebe. Wenn man ihn trifft, ist er ein so netter, über­spru­delnder Bur­sche. Ich hatte jeden­falls mit ihm sofort eine rich­tige Ver­bin­dung.

Ihre Mann­schaft steht gerade auf einem Abstiegs­platz. Haben Sie mal in Ihre Daten geschaut, wie hoch die Wahr­schein­lich­keit ist, dass der FC Venezia sich nicht rettet?
Ich will die Zahlen nicht glauben, die ich da sehe.

Das ist aber nicht sehr ana­ly­tisch.
Doch, denn ich glaube, dass ein Daten­punkt in diesen Algo­rithmen fehlt, den man Mann­schafts­wachstum nennen könnte. Ich bin fest über­zeugt, dass es bei der Mann­schaft noch klickt, denn ich kenne die Leute hier.

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