Moritz Volz, Sie spielten von 2004 bis 2009 beim FC Fulham. Haben Sie den Durch­marsch der Mann­schaft bis ins Halb­fi­nale der Europa League ver­folgt?

Ich bin doch Fan, klar. Und als der HSV als Halb­fi­nal­gegner gelost wurde, habe ich mir sofort eine Karte gekauft. Nicht nur, weil ich noch viele Freunde im Team habe, auch weil Ham­burg seit jeher meine Lieb­lings­stadt in Deutsch­land ist.



Sind Sie mit der Mann­schaft gefahren?

Glück­li­cher­weise nicht. Die waren tat­säch­lich 17 Stunden im Bus unter­wegs.

Bar­ce­lonas Trainer Pep Guar­diola führte die stra­pa­ziöse Bus­reise als einen Grund für die Nie­der­lage bei Inter Mai­land an.

Das kann ich gut ver­stehen. Die eine Mann­schaft reist zum Hin­spiel ein­ge­pfercht im Bus an, die andere zum Rück­spiel kom­for­tabel mit drei Meter Bein­frei­heit in der ersten Klasse im Flug­zeug. Das ist doch Wett­be­werbs­ver­zer­rung.

Was soll man machen?

Durch den engen Fuß­ball-Zeit­plan kann ich die Ent­schei­dung der UEFA, die Spiele nicht zu ver­schieben, durchaus nach­voll­ziehen. Ich bin aller­dings dafür, dass die Mann­schaften im Rück­spiel auf die gleiche Art und Weise anreisen müssen.

Wie ist es denn den Fulham-Spie­lern ergangen? Erschöp­fung durch zu viel Kar­ten­spiel und iPod? 

So unge­fähr. Nein, sie suchten natür­lich nach posi­tiven Aspekten, sagten, eine solche Reise stärke den Team­geist und Zusam­men­halt. Und Trainer Roy Hodgson nahm es mit Humor. Er scherzte, dass er durch die Enge im Bus um 20 Zen­ti­meter geschrumpft sei. Aller­dings lässt er die Reise nicht als Aus­rede gelten, das hat er den Spie­lern auch längst klar gemacht. Sie glauben an sich.

Kein Wunder, die Mann­schaft hat auf dem Weg ins Halb­fi­nale Titel­ver­tei­diger Schachtjor Donezk, den ita­lie­ni­schen Rekord­meister Juventus Turin und den amtie­renden deut­schen Meister VfL Wolfs­burg aus­ge­schaltet.

Eine Rie­sen­ge­schichte für den Verein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der FC Fulham vor zwei Jahren noch gegen den Abstieg gespielt hat. Und natür­lich auch vor dem Hin­ter­grund, dass die »Top Four« der Pre­mier League alle­samt aus der Cham­pions League aus­ge­schieden sind. Das macht den Fulham-Fan natür­lich stolz.

Sie haben über 150 Spiele für den FC Fulham bestritten. Einen ähn­li­chen Tri­umph­marsch haben Sie aller­dings nie erlebt. Was macht die Mann­schaft aktuell so stark?

Vor allem die Geschlos­sen­heit. Es gibt zwar mit Bobby Zamora einen Stürmer, der her­aus­sticht und eine wahn­sinnig gute Saison spielt. Er besitzt viele Qua­li­täten, er kann den Ball sehr gut halten, ist stark im Kopf­ball­spiel und natür­lich tor­ge­fähr­lich. Er macht sich zurecht noch Hoff­nungen auf die WM. Doch kommt der Mann­schaft vor allem zugute, dass Hodgson kaum rotiert. Das Team ist ein­ge­spielt wie kaum ein anderes in der Pre­mier League. 

Zieht die Mann­schaft Ihre Stärke auch aus der Underdog-Situa­tion?

Durchaus. Die Mann­schaft ist, außer in den Qua­li­fi­ka­ti­ons­spielen, stets als Außen­seiter in die Par­tien gegangen. Nach dem Sieg gegen die sehr spiel­starke Mann­schaft von Donezk, der zuge­ge­be­ner­maßen etwas glück­lich zustande kam, strotzten die Fulham-Spieler vor Selbst­be­wusst­sein. Dann dieser epo­chale Heim­sieg gegen Juventus – nach einem 1:3 in Turin gewann Fulham mit 4:1 im Craven Cot­tage. Von dem Spiel wird man noch in 50 Jahren spre­chen.

Einen Grund, Fulham zu unter­schätzen, hatte der Vier­tel­fi­nal­gegner VfL Wolfs­burg nicht.

Den­noch ging Fulham auch in diese Partie als Außen­seiter. Auf diesem Niveau ist der Klub immer Underdog. Da reicht ein Blick auf die Etats der Ver­eine.

Wie hat sich der Erfolg auf die Stim­mung in London nie­der­ge­schlagen? Wie reagierten die Fans der großen Klubs?

Fulham war schon immer einer von diesen Ver­einen, die auch bei den Fans anderer Klubs viele Sym­pa­thien haben. Der FC Fulham hat ein­fach einen sehr guten Ruf, er sorgt selten für Nega­tiv­schlag­zeilen. Im Halb­fi­nale drückt also jeder in London, der halb­wegs Ahnung von Fuß­ball hat, dem FC Fulham die Daumen.

In Deutsch­land ver­bindet man den FC Fulham auch mit seinem pit­to­resken Sta­dion, dem Craven Cot­tage. Was ist der große Unter­schied zu einer deut­schen Arena? 

Fotos vom Sta­dion sagen schon viel aus: Alleine die Enbet­tung in eine Wohn­ge­biet macht für viele Fans aus Deutsch­land einen beson­deren Reiz aus. Aller­dings bin ich kein Fan davon, die Ent­wick­lung in Eng­land zu roman­ti­sieren.

Was meinen Sie?

Viele eng­li­sche Ver­eine haben auch neue Sta­dien, zum Bei­spiel der FC Arsenal. Ein tolles Sta­dion, zwei­fels­ohne, doch geht diesem Sta­dion noch das Gefühl von Heimat und Wohn­lich­keit ab. Das hängt natür­lich auch damit zusammen, dass man als Fan über Jahr­zehnte Rituale in einem Sta­dion pflegt, dass man den Süßig­kei­ten­stand kennt, dass man sein Pro­gramm­heft immer am selben Stand kauft oder dass man stets beim Burger-Van an der Ecke isst. Ticks und Macken eben. In einem neuen Sta­dion muss nicht nur dieses Gefühl neu wachsen, son­dern auch die Nähe zum Sta­dion. Ein Sta­dion liebt man ja auch, weil man beson­dere Spiele dort gesehen oder große Erfolge dort gefeiert hat.

Beschreiben Sie doch mal das Craven Cot­tage aus der Sicht eines Spie­lers.

Als Spieler ist man scho­ckiert. Zumin­dest wenn man bis dato deut­sche Sta­dien oder Vier- oder Fünf­sterne-Arenen gewohnt war. Das Craven Cot­tage wurde zwar die letzten Jahren Stück für Stück saniert, man ver­suchte es kom­for­ta­bler zu machen, doch einige Spieler sagen immer noch, es sei mit­tel­al­ter­lich. Alleine die Kabinen: Dort gibt es nicht genug Sitz­plätze für alle Spieler, so dass man wirk­lich Rücken an Rücken stehen muss. Die HSV-Spieler, die in vielen tollen Sta­dien gespielt haben, werden sich noch wun­dern. Zugleich wird es aber auch ein tolles Erlebnis sein.

Sie halten sich momentan bei den Queens Park Ran­gers fit, haben aller­dings noch keinen neuen Verein. Ihre Lieb­lings­stadt Ham­burg hat in der nächsten viel­leicht zwei Bun­des­li­ga­ver­eine.

Ich liebe Eng­land und eng­li­schen Fuß­ball über alles. Und ich würde auch durchaus meine Kar­riere hier weiter führen. Doch Deutsch­land reizt mich auch, Ham­burg vor allem. Dar­über habe ich übri­gens schon häu­figer nach­ge­dacht. Der Ham­burger SV und der FC St. Paul sind jeden­falls zwei tolle Ver­eine.