Seite 4: Israelisches Bayerndusel

20:30 Uhr. Anpfiff. Gerade mal 6000 Zuschauer fasst das Sta­dion, es ist trotzdem nur zu drei Vier­teln gefüllt. Was außerdem auf­fällt: Die Hapoel-Fans sind ein­deutig in der Über­zahl. Fast das gesamte Spiel hinweg sind nur ihre Schlacht­ge­sänge zu hören. Nur einige wenige Male machen sich die beiden Ash­doder-Fan­trommler bemerkbar.

Als der Ball rollt, hat Lukasz neben Micha auf einer ein­fa­chen Holz­bank vor den Umklei­de­co­n­tai­nern Platz genommen. Wendet er den Kopf nach links, kann er Barak Bakhar sehen, der ent­lang der Sei­ten­linie auf- und abgeht. Der Chef­coach ist wäh­rend des Spiels beun­ru­higt, Hapoel spielt schlecht. Denn bei aller vor­aus­schau­enden Pla­nung, was die Fit­ness der Spieler angeht, bleibt Fuß­ball letzt­lich Fuß­ball, der von vielen Fak­toren bestimmt wird. Da wäre zum Bei­spiel der Kapitän Elyaniv Barda, schon 35 Jahre alt und eine Legende in Beer Sheva, weil er mit Genk zwei Mal den bel­gi­schen Titel geholt hat. Dank Barda sind einige Top-Spieler nach Beer Sheva gewech­selt, des­halb ist er ein wich­tiger Pfeiler des Erfolgs. Aber er hat auch eine Krank­heits­ge­schichte und eben dieses gewisse Alter. Aus phy­sio­lo­gi­scher Sicht wäre es sinn­voll ihn in Halb­zeit zwei öfter aus­zu­wech­seln. Lukasz sagt das nicht. Beer Sheva gewinnt und alle sind zufrieden. Bei einer Nie­der­lage würden die Dis­kus­sionen beginnen.

Israe­li­sches Bay­ern­dusel

Anpfiff, zweite Halb­zeit, Spiel­stand: 0:0. Zuschauer haben sich auf den Dächern der sechs­stö­ckigen Wohn­häuser ver­sam­melt, die das Sta­di­on­dach über­ragen. Sie sitzen dort oben wie Spatzen, schauen aus der Vogel­per­spek­tive zu. Aber auch sie lang­weilen sich, in Halb­zeit zwei pas­siert ebenso wenig wie in Halb­zeit eins. Lukasz beob­achtet von seiner Bank aus, wie der Coach in der 67. Minute Stürmer Ohana ein­wech­selt. Und dann, sechs Minuten später, auch Leis­tungs­träger Nwa­kaeme bringt.

Hapoel beginnt Druck zu machen. Obwohl die Spieler von Beer Sheva so viel mehr Minuten auf dem Platz standen als die Spieler von Ashdod. Obwohl sie im Herbst und Winter kreuz und quer durch Europa geflogen sind, eine neue, beflü­gelnde Erfah­rung war das, die aber auch müde machte, rennen sie jetzt an. Und doch ist es wenig wahr­schein­lich, dass Ashdod auch tat­säch­lich gewinnt, aus einem ein­fa­chen und sehr banalen Grund: Die Ash­doder Spieler tragen keine GPS-Geräte. Hier spielen also eigent­lich nicht zwei Teams einer Liga gegen­ein­ander, son­dern die ent­wi­ckelte Tech-Welt gegen ein Ent­wick­lungs­land. Nor­ma­ler­weise gewinnt ers­tere, aber Wunder gibt es immer. Die 87 Minute läuft, die 88., 89., 90. Und es steht immer noch 0:0. Wenn Hapoel jetzt ein Tor schießt, werden sie Meister, denkt man. Weil solche höl­lisch lang­wei­ligen Spiele sai­son­ent­schei­dend sind. Der Bay­ern­dusel heißt nicht ohne Grund so wie er heißt.

Lukasz Bortnik strahlt noch immer

Und tat­säch­lich wird dann noch so ein Gur­ken­ball, halb­herzig aus dem Mit­tel­feld in den Straf­raum von Ashdod geschlagen. Die Hapoel-Fans hinter dem Tor brüllen, die Vogler auf dem Dach spähen, der Ball wird ver­län­gert, und dann hält Maor Melikson den Fuß hin. Maor Melikson also, ein Pole mit israe­li­schen Pass, der links außen spielt, den der Trai­nier nicht aus­ge­wech­selt hat, weil er dank der GPS-Daten weiß, dass Melikson in Halb­zeit zwei fast dop­pelt so viele Sprint­meter macht wie in Halb­zeit eins. Die Spieler jubeln. Die Ersatz­bank von Hapoel jubelt. Der Trainer Barak Bakhar jubelt. Und als der Schieds­richter das Spiel wenig später abpfeift, strahlt der Per­for­mance-Coach Lukasz Bortnik noch immer.

Heute, am 20. Mai 2017, hat Hapoel Beer Sheva zum zweiten Mal in Folge die israe­li­sche Meis­ter­schaft gewonnen.