Seite 3: „Der Fußball war zuerst da“

Mit Israel“ ver­binden die meisten Deut­schen nicht den Pro­fi­fuß­ball, son­dern den Paläs­tina-Israel-Kon­flikt, die West­bank, die Hamas und Selbst­mord­an­schläge in Jeru­salem. Befindet sich Israel in einem Krieg? Stellt man dem Hapoel-Trainer Barak Bakhar diese Frage, ant­wortet er ent­schieden mit Nein.“ Fragt man einen Paläs­ti­nenser, der in einem ara­bi­schen Ghetto unweit der Haupt­stadt Tel Aviv lebt, so ant­wortet dieser ebenso ent­schieden mit Ja.“ Und zwar nicht nur, weil Paläs­ti­nenser in Paläs­tina und dem Gaza-Streifen beschossen würden, son­dern vor allem, weil man die Araber in Israel dis­kri­mi­niere.

Unab­hängig davon, ob man nun von einem Krieg spricht oder nicht, wie geht man damit um, wenn man als Euro­päer in ein Land wie Israel kommt, wo dieser schwe­lende Streit zwi­schen jüdi­schen Israelis und mus­li­mi­schen Paläs­ti­nen­sern herrscht? In dem es ober­fläch­lich um Land­be­sitz und tat­säch­lich um Reli­gion, also Welt­an­schauung, Lebens­kon­zept, also Cha­rakter geht.

Der Fuß­ball war zuerst da“

Spricht man Lukasz Bortnik auf den Kon­flikt an, sagt er, Israel unter­nähme einige Anstren­gungen, um ein sicherer Staat zu sein. Ihm sind die Herren in den par­kenden PKWs nicht auf­ge­fallen, die stur gera­deaus durch die Front­scheibe bli­cken, wenn man an ihnen vor­über­geht. Und wenn man ihm davon erzählt, dass ein Tou­ris­mus­ma­nager“ einem am Flug­hafen ein Smart­phone andrehen wollte, das alle in Israel zurück­ge­legten Wege auf­zeichnet, dann kom­men­tiert er das nicht. Fakt ist, dass der Inneren Sicher­heit des Landes in Israel alles unter­ge­ordnet wird. So gibt es zum Bei­spiel in allen Schulen in Beer Sheva und sogar in man­chen Kin­der­gärten einen Secu­rity-Ser­vice.

Nein, schwie­rige Themen ver­tieft Lukasz Bortnik bei Hapoel nicht, und das, obwohl er eigent­lich reli­giös ist. An den Wänden seines Schlaf­zim­mers hängen zwei Dinge: Ein Por­trät seiner Lieb­lings­nichte, wie sie – die Arme hinter dem Kopf ver­schränkt – in die Kamera lächelt, und: das Hei­lige Kreuz. Zusammen mit seiner mexi­ka­ni­schen Frau besucht er sams­tags einen katho­li­schen Got­tes­dienst, der in einem kleinen Schul­raum abge­halten wird. Mit ihnen zusammen beten zwanzig Phil­ip­pinen. Katho­liken gibt es in Beer Sheva kaum.

Lukasz könnte sich also auch dis­kri­mi­niert fühlen in Israel, aber er ist nur ein Gast auf Zeit, daher ist es für ihn ein Leichtes sich aus der Dis­kus­sion über Paläs­tina her­aus­zu­halten. An erster Stelle steht der Fuß­ball, das ist übri­gens auch bei allen anderen bei Hapoel so. Fragt man zum Bei­spiel den streng­gläu­bigen, jüdi­schen Spieler Shir Tzedek, wieso er sams­tags auf­läuft, wo dies doch ein Fei­ertag ist für streng­gläu­bige Juden, sagt er: Der Fuß­ball war zuerst da“.

Gleich­be­rech­ti­gung durch Daten­aus­wer­tungen

Zwei Tage später, Samstag, 17:00 Uhr. Lukasz und sein Assis­tent kommen ins Sta­dion von Ashdod, denn gegen Ir Ashdod spielt Hapoel an diesem 4. März 2017. In der Kabine von Hapoel hängen bereits die Tri­kots der Spieler. Lukasz beginnt die GPS-Geräte aus­zu­teilen. In Israel tra­cken sie auch die Liga­spiele, das ist in Deutsch­land ver­boten.

Lukasz ist über­zeugt davon, dass der GPS-Brust­gurt mehr Gleich­be­rech­ti­gung im Pro­fi­sport bringt, weil sich die Fit­ness dadurch welt­weit angleicht. Denn was die kör­per­liche Leis­tungs­fä­hig­keit anging, waren die großen euro­päi­schen Teams Out­si­dern immer über­legen. Dank der GPS-Tech­no­logie holen kleine Teams, wie Hapoel, in Rie­sen­schritten auf. Das 3:2 gegen Inter Mai­land in der 90. Minute am 24. November des ver­gan­genen Jahres, das kon­zen­trierte 1:1 aus­wärts in Sout­hampton ein paar Wochen später, die letzten zwanzig Minuten gegen Celtic, in denen Hapoel kör­per­lich über­legen war und bei­nahe das 3:0 geschossen hätte, das alles ist das Ergebnis großer Daten­mengen, die Lukasz aus­ge­lesen und inter­pre­tiert hat.