Die Flanke war eigent­lich viel zu hoch.“ (Frank Rij­kaard)

Aus diesem Winkel kann man den Ball eigent­lich nicht ins Tor schießen.“ (Ronald Koeman)

Und wenn er diesen Schuss noch eine Mil­lion Mal wie­der­holt – so ein Tor schießt er nie wieder.“ (Ruud Gullit)

Ich hätte den Ball auch annehmen können und es mit den Ver­tei­di­gern auf­nehmen können. Aber ich wählte den leich­teren Weg und ris­kierte einen Schuss.“ (Marco van Basten)

Stürmer werden an ihren Toren gemessen. Große Stürmer an großen Toren. Und Welt­klasse-Stürmer an Welt­klasse-Toren.
Marco van Basten war Welt­klasse. Viel­leicht war er sogar noch besser. Anfang der neun­ziger Jahre wurde Lothar Mat­thäus gefragt, wen er für den besten Angreifer der Welt halte. Mat­thäus ant­wor­tete: Den Nie­der­länder Marco van Basten. Nichts gegen Jürgen Klins­mann und Rudi Völler. Aber van Basten ist noch mal eine Stufe über den beiden.“ Da war Deutsch­land gerade Welt­meister geworden. Mit Völler und Klins­mann im Sturm.

San Marco“

Als Marco van Basten beim AC Mai­land spielte, gaben ihm die Ita­liener schnell einen neuen Spitz­namen: San Marco“, der hei­lige Marco.

Wie pas­send, dass Marco van Bas­tens berühm­testes Tor damals wie heute mit gera­dezu sakraler Ehr­furcht behan­delt wurde und wird. Als etwas Über­ir­di­sches, gera­dezu unmensch­lich Ent­rücktes. Als Hei­ligtum.

25. Juni 1988. Euro­pa­meis­ter­schaft in Deutsch­land. Mün­chen, Olym­pia­sta­dion. Nie­der­lande gegen UdSSR. Finale. 16.45 Uhr. Beim Stand von 1:0 für die Nie­der­lande schickt Arnold Mühren eine Flanke mit links aus dem Halb­feld auf die Reise. Viel zu hoch, denkt Frank Rij­kaard. Am langen Pfosten hat sich Marco van Basten frei­ge­laufen. Aus dem Winkel kann er den nicht aufs Tor schießen, denkt Ronald Koeman. Der Ball senkt sich, erreicht van Basten. Der denkt: Ich könnte ihn auch annehmen. Aber ich ris­kiere den Schuss. Van Basten nimmt die Flanke von Arnold Mühren volley. Mit einer unglaub­li­chen Flug­kurve rauscht der Ball aus einem unglaub­li­chen Winkel ins lange Eck, über den sowje­ti­schen Tor­wart Rinat Das­s­ajew ins Netz. Ruud Gullit denkt: Den macht er so nie wieder. Es steht 2:0. Marco van Basten hat dem Fuß­ball einen Hei­li­gen­schrein errichtet.

Dieses Tor hat den heute vor 50 Jahren in Utrecht gebo­renen van Basten welt­be­rühmt gemacht. Es steht auf einer Stufe mit den ganz großen Schön­heiten, die dieser Sport pro­du­ziert hat: Pelés Vol­leytor im WM-Finale 1958, Mara­donas Solo­lauf im WM-Vier­tel­fi­nale 1986, Mat­thäus´ Kraftakt im deut­schen Auf­takt­spiel bei der WM 1990 gegen Jugo­sla­wien. Doch so wun­derbar, wie van Bas­tens Tor auch war, es ist auch ein Zeugnis davon, was dieser Fuß­baller der Welt noch alles an Schön­heiten hätte schenken können. Nur sechs Jahre nach diesem Tor konnte Marco van Basten nicht mal mehr schmerz­frei zur Toi­lette gehen. Sein rechter Knö­chel, der diese ver­rückte Flug­kurve erst mög­lich gemacht hatte, war steif, die Knorpel zer­rieben. Kno­chen schabte auf Kno­chen. Es muss so weh getan haben, wie es sich anhört.

Drei Jahre Folter

Am 26. Juni 1993, exakt fünf Jahre und einen Tag nach seinem Treffer gegen die UdSSR, machte Marco van Basten sein letztes Spiel. Im Cham­pions-League-Finale gegen Olym­pique Mar­seille stand er von Beginn an auf dem Platz. Ein medi­zi­ni­scher Skandal. Der einst so vor Kraft strot­zende van Basten mühte sich 85 Minuten lang über den Rasen, ehe er end­lich aus­ge­wech­selt wurde. Mai­land verlor mit 0:1. Die Fuß­ball-Welt verlor eine der größten Attrak­tionen. Die Knö­chel des Stür­mers waren ein ein­ziges Trüm­mer­feld. Stellen sie sich das mal vor“, sagte Marco van Basten einige Jahre später in einem Inter­view mit dem Kicker“, wie das ist, irgendwo in ihrem Körper Schmerzen zu haben. Jeden Tag, jede Minute – und das drei Jahre lang. Mein Leben wurde von Schmerzen domi­niert.“

So endete eine groß­ar­tige Kar­riere in einer drei­jäh­rigen Odyssee aus Schmerzen, Ope­ra­tionen, schlechten Rat­schlägen von schlechten Ärzten und uner­füllten Hoff­nungen. Ein Sportler-Drama. Doch diese Kar­riere ist es wert, erzählt zu werden.