Seite 2: Ein Versprechen, das nicht eingelöst wird

2007 dann musste Sol­sk­jaer seine aktive Kar­riere beenden. Angeb­lich auf­grund von anhal­tenden Knie­be­schwerden, deren Ursprung in einer Ver­let­zung liegen, die er sich bei jenem iko­ni­schen Jubel in der Nach­spiel­zeit von Bar­ce­lona zuge­zogen hatte. Weil Fer­guson längst wusste, mit was für einem intel­li­genten Mann er es zu tun hatte, sorgte er dafür, dass sein Super-Ersatz­mann von einst seine ersten Geh­ver­suche an der Sei­ten­linie im gewohnten United-Umfeld machen durfte. Zunächst als Stür­mer­trainer, dann zwei­ein­halb Jahre als Chef­coach der U23. Über wei­tere Aus­bil­dungs­plätze bei Molde FK und Car­diff City kehrte Solks­jaer im Dezember 2018 zurück an seine alte Wir­kungs­stätte, klatschte als Inte­rims­trainer für den geschassten José Mour­inho ab und sicherte sich mit 14 Siegen in 19 Spielen einen Fest­ver­trag. An diesem 28. März 2019 sah der Killer mit dem Baby­face noch immer wie ein Sieger aus. 

Das ist jetzt nicht mal ein Jahr her. Seitdem ist der einst reichste und beste Klub dabei, zu einem Mit­tel­klasse-Team der Pre­mier League zu ver­kommen. In der Liga steht United der­zeit auf Platz 5, 13 Punkte hinter dem Dritt­plat­zierten Man­chester City, sechs Punkte vor dem Tabellen-13. aus New­castle. Im Euro­pa­pokal haben die Red Devils zwar die Zwi­schen­runde erreicht, aller­dings in der Europa League. Vor allem, und das ist es, was dem roten Anhang die wirk­li­chen Sorgen bereitet, spielt Man­chester United einen Fuß­ball, der all die Qua­li­täten der gol­denen Fer­guson-Jahre – Mut, Power, Lei­den­schaft – schmerz­lich ver­missen lässt. Früher zählten sie im Old Traf­ford die Cha­rak­ter­grät­schen von Roy Keane oder die Traum­pässe von Paul Scholes, heute warten sie sehn­süchtig darauf, dass Jesse Lin­gard mal wieder ein Tor vor­be­reitet oder Paul Pogba noch bereit ist, der Welt zu beweisen, warum er vor wenigen Jahren als einer der besten Auf­bau­spieler des Pla­neten gehan­delt wurde. 

Der ganze Mann ein Ver­spre­chen

Als Stürmer brauchte sich Ole Gunnar Sol­sk­jaer nur von der Ersatz­bank zu erheben, um dem Gegner Angst und den eigenen Fans Mut zu machen. Der ganze Mann ein Ver­spre­chen. 

Als Trainer ist er von dieser Aura weiter ent­fernt als Anthony Mar­tial von der Aus­zeich­nung als Welt­fuß­baller. In diesem vor sich hin schlin­gernden Verein wirkt Sol­sk­jaer wie ein Kapitän, der längst weiß, dass die Steu­er­flosse gebro­chen ist. Und läuft damit Gefahr, sein im Mai 1999 auf Knien zemen­tiertes Denkmal nach und nach selbst zu zer­setzen. Nie wurde das deut­li­cher als in jener ersten Halb­zeit am 7. Januar 2020. Der ganze Mann ein Ver­spre­chen, von dem man eh weiß, dass es nicht ein­ge­löst wird.

Womög­lich ist der einst beste Ein­wech­sel­spieler gut damit beraten, sich bald selbst aus­zu­wech­seln. Dem eigenen Mythos zuliebe.