Der große Jahresrückblick 2018 (2): April - Juni

Juni: Watutinki und andere Konflikte

Juni

Aufreger des Monats: Deutschland fliegt schon in der WM-Gruppenphase raus

»Kann in Watutinki der Geist von Campo Bahia aufkommen?«, fragte Jessy Wellmer Philip Lahm am Tegernsee. Es war die am häufigsten gestellte Frage im WM-Vorfeld. Nicht etwa ob der Kader zu alt sei oder ob mit der Angelegenheit um Özil falsch umgegangen worden sei. Nein, im journalistischen Interesse lag das WM-Quartier. Zu dem Zeitpunkt konnte man noch nicht ahnen, dass nur zwei Wochen später das Unvorstellbare wahr wurde und die deutsche Mannschaft, die sonst mit einer fast absurden Selbstverständlichkeit sechs Turniere in Folge immer mindestens ins Halbfinale geschwebt war, als Gruppenletzter ausscheiden sollte. Als die deutsche Mischung aus Weltmeistern und Confed-Cup-Siegern zwei Wochen später fassungslos auf dem Rasen saß, kannte man die Gründe für das Debakel: Ein überaltertes Team, Grüppchenbildung und nicht zuletzt zahllose Fortnite-Abende, die Bierhoff dazu bewegte, das WLAN in Watutinki abzuschalten. Mit anderen Worten: »Nein Jessy Wellmer, der Geist von Campo Bahia ist nicht aufgekommen. Aber ob das an Watutinki lag, ist die andere Frage.«

Spieler des Monats: Luka Modric

Am zweiten Spieltag der Gruppenphase zeigte Kroatien, dass sie zu den besten Nationen der Welt gehören. Beim überraschenden 3:0 gegen den Vizeweltmeister Argentinien stach dabei vor allem ein Mann heraus: Luka Modric. Auch wenn ihm das extravagante Auftreten von Cristiano Ronaldo oder die hinreißenden Solos von Lionel Messi fehlen, ist Luka Modric der Mann der Weltmeisterschaft. Der schüchtern wirkende Kroate leitete fast im Unsichtbaren das Spiel seiner Mannschaft und entdeckte dazu auf der großen Bühne ungeahnte Torgefahr. So ist es nicht zuletzt sein Verdienst, dass sich die Kroaten, die vor der WM nur einige wenige Fußballfachmänner auf ihrer Favoritenliste hatten, bis ins Finale durchkämpften.

Spiel des Monats: Frankreich - Argentinien (4:3)

Es war ein Spiel der Giganten: Zwei Weltmeister mit berechtigten Hoffnungen auf den WM-Sieg. Und obwohl das Spiel Spannung, Hingabe und unglaubliche Traumtore auf beiden Seiten bot, ging es als endgültige Geburtsstunde des Weltstars Kylian Mbappé in die Geschichtsbücher ein. In diesem unfassbar aufregendem WM-Spiel war schon nach zwölf Minuten klar, welcher Spieler der entscheidende Faktor sein wird: Nach Mbappes 70-Meter-Solo, mit dem er selbst mit Ball am Fuß bei der Leichtathletik-Europameisterschaft nicht negativ aufgefallen wäre, brachte ihn Rojo im Strafraum zu Fall. Er hatte keine andere Wahl - Mbappe war so schnell, er wäre wohl ohne Mühe mit Ball ins Tor gesprintet. Selbst ausführen durfte er den Elfmeter nicht. Kein Problem, denn in der zweiten Halbzeit entscheiden seine zwei Traumtore das Spiel.

Video des Monats: Weltmeisterliches Konfliktpotenzial

Die Unachtsamkeit, eine Hochzeit auf den Abend eines WM-Spiels zu legen, birgt ein gewisses Konfliktrisiko. Dieser argentinische Fußballfan kann nicht verstehen, wie man bei der Planung eines so wichtigen Tages, nicht nachforscht, ob er mit einem WM-Gruppenspiel, wie Deutschland gegen Schweden kollidiert. Im daraus resultierenden Beziehungsstreit mit seiner Freundin spricht er so manchem Fußballfan aus der Seele.