Was haben wir gezit­tert und gebangt, geschwitzt und gefleht, bis der Ita­lien-Fluch der deut­schen Natio­nal­mann­schaft end­lich besiegt war! Wie viele von uns konnten beim Elf­me­ter­schießen gar nicht mehr hin­sehen, weil sie wussten, dass die DFB-Aus­wahl bei großen Tur­nieren schon viermal an Ita­lien geschei­tert war? Und wann waren wir zuletzt so unglaub­lich erleich­tert, als ein deut­scher Natio­nal­spieler einen Elf­meter über die Tor­linie duselte?

Dabei war die Auf­re­gung völlig unnötig, das Drama gar nicht dra­ma­tisch. Jetzt, wo das Halb­fi­nale erreicht ist und der Gegner fest­steht, beugt sich der beflis­sene Chro­nist erneut über die Daten und Sta­tis­tiken – und stellt ver­blüfft fest, dass die ganze Zeit über ein anderer, viel mäch­ti­gerer Fluch am Werke war als Deutsch­lands angeb­li­ches Ita­lien-Trauma. Man stellt fest, dass von Anfang an alles auf ein Spiel zwi­schen der DFB-Elf und Frank­reich hin­aus­lief. Ja, es war sogar äußerst wahr­schein­lich, dass es das Halb­fi­nale sein würde. Und über den Aus­gang besteht auch kaum ein Zweifel. Denn seit mehr als einem halben Jahr­hun­dert gilt für den Gast­geber eines Tur­niers diese eherne Regel: Willst du den Pokal holen, dann geh Deutsch­land aus dem Weg.

Eine unheim­liche Serie

Vor fast genau 50 Jahren wurde die DFB-Aus­wahl – durch, wir erin­nern uns, ein irre­gu­läres Tor – im WM-Finale vom Gast­geber Eng­land besiegt. Ist es wirk­lich ein Zufall, dass die eng­li­sche Mann­schaft seither von einer Pein­lich­keit in die nächste tau­melt und gleich­zeitig die deut­sche Elf zum größten Party Pooper des Welt­fuß­balls geworden ist? Seit 1966 spielte Deutsch­land neunmal gegen den Aus­richter eines Tur­niers – und gewann alle neun Par­tien! (Man kann sogar von zehn Siegen in zehn Spielen spre­chen, dazu gleich mehr.)

Diese unheim­liche Serie begann mit dem EM-Halb­fi­nale 1972 gegen Bel­gien in Brüssel. Viele Fans erin­nern sich gar nicht mehr an diese Begeg­nung, weil man den dama­ligen Titel­ge­winn vor allem mit dem 3:1‑Sieg im Wem­bley-Sta­dion ver­bindet (in der Qua­li­fi­ka­tion zur End­runde) oder mit dem End­spiel gegen die UdSSR. Doch die wahre Hürde hieß sei­ner­zeit Bel­gien.

Zwar ging Deutsch­land als Favorit in das Halb­fi­nale, aber der Heim­vor­teil des Geg­ners war nicht zu unter­schätzen. Im Vier­tel­fi­nale hatten die Bel­gier vor ihren fana­ti­schen Fans Ita­lien aus dem Wett­be­werb geworfen. Und sie boten auch dem DFB-Team einen großen Kampf, in dem die Gäste am Ende knapp mit 2:1 die Ober­hand behielten. Bel­gien war der här­teste Gegner, der stärkste und auch der spie­le­risch beste, den die deut­sche Mann­schaft auf dem Weg ins Finale hatte“, befand der Reporter des Kicker und man sah förm­lich, wie er sich dabei den Schweiß von der Stirn wischte.