Der Spieler, um den die Welt Ita­lien beneidet, ist ein Durch­schnittstyp mit krummen Beinen. Er ist nicht beson­ders schnell, er kann nicht drib­beln, akro­batische Ein­lagen sind erst recht nicht sein Ding und höchst selten gelingt ihm ein Tor aus dem Spiel heraus. Für ihn muss der Ball bit­te­schön erst ruhig liegen, dann schreitet er zur Tat, gemäch­lich.

Frei­stöße und Ecken sind seine Spe­zia­lität, bloß nichts Unbe­re­chen­bares und bitte keine Hektik und kein Gewusel. Trifft er, bleibt sein Gesicht genauso aus­druckslos wie zuvor beim Schuss. Ein immer etwas blei­ches Gesicht voller Welt­ekel, darin ein wild wuchernder Bart, der Gesamt­ein­druck irgendwo zwi­schen Räuber Hot­zen­plotz und Christus von Man­tegna.

Ein Meister der Stille

Die Miene kon­zen­triert, ernst­haft, fast düster. Und wenn doch einmal ein knappes Lächeln dar­über irr­lich­tert, so wirkt das fast schon ver­stö­rend. Einen Wim­pern­schlag lang scheint er dann die Kon­trolle zu ver­lieren, länger nicht. Wäh­rend im Sta­dion Zehn­tau­sende jubeln, schreien und toben, ist An­drea Pirlo schon wieder ganz bei sich.

Er ist ein Meister der Stille. Nimmt Tempo aus dem Spiel, bis es in seinem gewünschten Takt tickt. Metronom“ nennen sie ihn zu Hause, weil er in
seinen Mann­schaften Juventus Turin und der Squadra Azzurra den Rhythmus vor­gibt, ruhig und gleich­mäßig. Wenn man Pirlo zuschaut, könnte man den Ein­druck gewinnen, Fuß­ball sei reine Prä­zisionsarbeit. Der Mann scheint unun­ter­bro­chen vor sich hin­zu­rechnen, die Räume aus­zu­ta­rieren, Winkel zu messen. Dann kommt ein zen­ti­me­ter­ge­nauer Pass. Oder ein Frei­stoß mit Magnus-Effekt, wenn der Ball im hohen Bogen zum Tor gedreht wird.

Ich schieße, wie es dem Moment ent­spricht“

Darin ist Pirlo uner­reicht, er pflegt uner­hörte, unge­heure, unhalt­bare Frei­stöße zu drech­seln, manchmal von lyri­scher Lang­sam­keit, manchmal über hun­dert Stun­den­ki­lo­meter schnell. Ich schieße, wie es dem Moment ent­spricht“, sagt er selbst. Da berechne ich halt die Posi­tion der Mauer, den Winkel und dann geht’s los.“ Metronom und Geo­dreieck, so ein­fach ist es.

Pirlo hat alles gewonnen, die Welt­meis­ter­schaft, die Cham­pions League, natio­nale Meis­ter­schaften sowieso. Auch in der Kunst des Under­state­ments schlägt er alle. Doch gerade weil Andrea Pirlo aus seinem Spiel kein Geheimnis macht, wirkt er umso geheim­nis­voller. Es hat sich her­um­ge­spro­chen, dass er seine Frei­stöße mit größter Dis­zi­plin ein­stu­diert, den­noch umgibt ihn auf dem Platz nicht die buch­hal­te­ri­sche Aura eines Ver­mes­sungs­tech­ni­kers, son­dern der Glanz eines Künst­lers. Andrea Pirlo ist der große Abs­trakte des Welt­fuß­balls.

Der Zufall kann ent­scheiden

Und weil er Ita­liener ist, schwingt in der Abs­trak­tion immer noch eine beson­dere, melan­cho­li­sche Ele­ganz, die mit Läs­sig­keit“ nur unzu­rei­chend beschrieben ist. Lässig zu sein, birgt eine gewisse Gleich­gül­tig­keit, die Andrea Pirlo nicht hat. Er betreibt die Suche nach per­sön­li­cher Per­fek­tion im Bewusst­sein von deren Unmög­lich­keit.

Läs­sig­keit kann man insze­nieren aber dieses urita­lie­ni­sche Lebens­ge­fühl nicht. Auch als Meister seines Fachs, als Über­flieger, als Genie zu wissen, dass die Mög­lich­keit des Schei­terns all­ge­gen­wärtig ist. Der Zufall kann ent­scheiden, die Tages­form, so ist das Leben. Ita­lien ist ein Land, das den größten Kunst­schatz der Welt unter Dau­er­be­dro­hung einer feind­li­chen, unbe­re­chen­baren Natur geschaffen hat. Vul­kan­aus­brüche, Erd­beben – wegen Letz­terem mussten auch schon Spiele der Natio­nal­mann­schaft abge­sagt werden.

Der Beweis der Exis­tenz Gottes“

Natio­nal­trainer Cesare Pran­delli lässt kaum eine Gele­gen­heit aus, öffent­lich zu erklären, es gäbe Wich­ti­geres als Fuß­ball. Pirlo scheint diese Erkenntnis immer dann mit beson­derer Emphase zu ver­kör­pern, wenn er dem Gegner mal wieder ein Frei­stoßtor ver­passt hat. Nur einmal gab es für ihn nichts Wich­ti­geres als Fuß­ball: Nach dem ver­lo­renen EM-Finale 2012 sah man Andrea Pirlo hem­mungslos heulen.

Der Mann scheint über allen Was­sern zu schweben, über dem Platz sowieso. Der Beweis der Exis­tenz Gottes“ hat Ita­liens Natio­nal­tor­wart Gigi Buffon einmal über Pirlo gefrot­zelt, ernst schob Buffon nach: Sein Können macht uns ver­legen.“ Was ein ehr­li­ches und selten prä­zises Kom­pli­ment war, das viele Gegner durchaus teilen. Pirlo gehört tat­säch­lich zu den ganz wenigen Spie­lern, die nicht nur diese Art von ver­le­genem Staunen aus­lösen, son­dern auch einen Hei­den­re­spekt. Als wäre ein Foul gegen ihn ein Sakrileg.

Inzwi­schen hat seine Aura ihn zum Angst­gegner Nummer eins gemacht, nicht nur für die Deut­schen. Man lässt ihn gewähren, selbst wenn man fünf Kon­trol­leure auf ihn abstellt, wie Jogi Löw im Halb­fi­nale 2012. Pirlo hyp­no­ti­sierte sie wie die Schlange die Kanin­chen, mit seiner Gewandt­heit und traum­wand­le­risch sicheren Ball­kon­trolle.

Das ist das Demü­ti­gende an seinem Spiel: Da ist nicht nur das Talent, son­dern es sieht immer so aus, als habe er seine Haus­auf­gaben besser gemacht. Vor allem aber ist Andrea Pirlo in keiner Situa­tion das Werk­zeug seines Trai­ners. Er führt nicht die Pläne Pran­dellis oder Contes aus, son­dern agiert nach seinem eigenen Kopf. Er ist kein Satellit, son­dern der Fix­stern der Mann­schaft.

Die Regis­seure sitzen auf der Bank

So viel selbst­be­wusster Indi­vi­dua­lismus ver­schafft eine unge­ahnte men­tale Über­le­gen­heit. Kaum ein anderer Fuß­baller kann sich das heute noch erlauben, mit Aus­nahme viel­leicht von Zlatan Ibra­hi­movic, Cris­tiano Ronaldo und – in ein­ge­schränktem Maße – Lionel Messi. Aber Ibra­hi­movic und Ronaldo sind quasi ihre Natio­nal­mann­schaften, bei den Azzurri aber gibt es außer Pirlo noch ein paar mehr, die eben­falls Fuß­ball spielen können.

In den soge­nannten großen Natio­nal­teams stehen die Regis­seure schon längst nicht mehr auf dem Platz, sie sitzen auf der Bank. Der Fuß­ball ist zum Trai­ner­wett­be­werb mutiert, bei dem die Spieler vor allem Aus­füh­rende sind. Alle mit­ein­ander sollen das immer gleiche Offen­siv­spiel zur Auf­füh­rung bringen, die natio­nalen Eigen­heiten haben sich in einer glo­balen Fuß­bal­l­äs­thetik auf­ge­löst, im Wett­streit geht es nicht mehr nur um den Sieg, son­dern darum, wer am modernsten aus­sieht.

Er ist nur noch er selbst

Aber aus­ge­rechnet bei den Ita­lie­nern, die doch den Sys­tem­fuß­ball und das strenge Trai­ner­re­gi­ment erfunden haben, führt ein Spieler die Mann­schaft. Und das, indem er die anderen rennen lässt und selbst am liebsten grü­belnd über den Platz schlurft. Weil man sonst leicht den Über­blick ver­liert. Die ver­meint­liche Cool­ness des Andrea Pirlo ist ein ganz alt­mo­di­scher Mut zum Indi­vi­dua­lismus.

Das Ver­trackte für den Gegner ist: Ita­lien kann man besiegen, viel­leicht gelingt das ja auch mal Deutsch­land. Aber Pirlo besiegt man des­halb noch lange nicht. Ganz im Gegen­teil, je mehr man rennt, je stärker man sich anstrengt, desto unbe­sieg­barer wird er. Sogar, wenn er schei­tert. Denn Pirlo sam­melt keine Tro­phäen mehr und keine Siege. Er ist nur noch er selbst.

Wenn kein Gefühl mehr da ist, reicht ein Vor­wand“

Dazu gehört auch, dass er sich in einen Schul­jungen ver­wan­delt, der gro­teske Trai­nings­la­ger­streiche aus­heckt – wie jenen, den schla­fenden Gen­naro Gat­tuso mit Feu­er­lö­scherschaum zu ver­zieren. Er kann über den Milan-Manager Adriano Gal­liani läs­tern, diesem sei zum Abschied nach zehn langen und sehr erfolg­rei­chen Jahren kein bes­seres Geschenk ein­ge­fallen als ein Kugel­schreiber und der Spruch: Benutze den bitte nicht, wenn du bei Juventus unter­schreibst.“

Das war 2011 – und Pirlos Kar­riere schien ihrem Ende ent­ge­gen­zu­gehen. Nur fünf Jahre zuvor hatte der AC Mai­land ihm einen Blan­ko­ver­trag prä­sen­tiert, jetzt wollte ihn der Ber­lus­coni-Klub nur noch los­werden. Zu alt, zu langsam, dau­ernd ver­letzt. Über die für ihn zunächst trau­ma­ti­sche Tren­nung dich­tete der Spieler in seiner Auto­bio­grafie: Wenn man am Ende ange­kommen ist und sich noch liebt, braucht man Zeit. Wenn kein Gefühl mehr da ist, reicht ein Vor­wand, damit es ganz schnell geht.“

Milan hat nach Pirlos Abschied übri­gens nichts mehr gewonnen

Andrea Pirlo war 32 Jahre alt und ging ablö­se­frei zu Juventus. Im ersten Jahr wurde er zum besten Spieler der Serie A gekürt, Juve holte mit Pirlo erst­mals nach dem aberkannten Titel 2006 wieder die Meis­ter­schaft. Inzwi­schen dreht sich die Mann­schaft von Trainer Antonio Conte um Andrea Pirlo wie die Erde um die Sonne. Wie die Natio­nal­mann­schaft. Conte und Pran­delli erklären ein­mütig, sie könnten sich Schlim­meres vor­stellen, als von Pirlo abhängig zu sein.

Milan hat nach Pirlos Abschied übri­gens nichts mehr gewonnen. Und die Natio­nal­mann­schaft erlebte bei der WM 2010 in Süd­afrika, als Pirlo ver­letzt aus­fiel, ihr schlimmstes Desaster. Die Azzurri schei­terten bereits in der Vor­runde, sie gewannen als Titel­ver­tei­diger kein ein­ziges Spiel.
In Bra­si­lien wird Andrea Pirlo sein ver­mut­lich letztes Tur­nier als Natio­nal­spieler bestreiten.

Pirlo ist zeitlos und aus der Zeit gefallen

Das Alter kann man nicht weg­trai­nieren“, sagt er dazu, bedau­ernd. Aber es ist nicht aus­zu­schließen, dass Pran­delli, der gerade seinen Ver­trag ver­län­gert hat, ihn zum Bleiben bewegt. Dieser Trainer ohne Pirlo, das wäre wie Federico Fel­lini ohne Mar­cello Mastroi­anni, den Super­star und großen Tief­stapler unter den ita­lie­ni­schen Kino­stars. Mastroi­anni behaup­tete auch immer, Schau­spie­lerei sei nur Aus­wen­dig­lernen. Er tue das, weil ihm halt für Bes­seres das Talent fehle.

Pirlo ist zeitlos und aus der Zeit gefallen. Im vul­gären, lauten Zirkus des Welt­fuß­balls ver­zehren sich alle nach ihm, weil er das Kunst­stück schafft, mit­zu­mi­schen, ohne sich gemein zu machen.

Er gibt keine Inter­views und schottet sein Pri­vat­leben ab. Gerade durch­lebt er die Schei­dung von seiner Frau, nach 13 Ehe­jahren mit zwei Kin­dern. Die Papa­razzi jagen ihn, von ihm kommt natür­lich kein Kom­mentar. Das beharr­liche Schweigen ver­stärkt noch seine Aura, und eigent­lich will ja auch kein Mensch erfahren, wie Andrea Pirlo wirk­lich ist. Man will ihn doch nur spielen sehen, kon­zen­triert und ent­rückt, geschmeidig und ele­gant.

Nur keine Hektik und kein Gewusel

Ein Spieler wie Pirlo ist uner­setzbar, weil er ein­zig­artig ist. Wenn er den Platz ver­lässt, wird das leise geschehen. Aus Andrea Pirlo wird kein Trainer und auch kein Manager, son­dern mit großer Wahr­schein­lich­keit ein Winzer. Er stammt aus der Pro­vinz Bre­scia, in seiner langen Kar­riere hat er Nord­ita­lien nur für einen kurzen Aus­flug nach Reggio di Cala­bria ver­lassen.

In seinem Hei­matort Capriano del Colle hat Pirlo vor Jahren ein Weingut gekauft. Pratum Coller“ heißt es, Pratum ist das latei­ni­sche Wort für jenen Rasen, auf dem er so lange gespielt hat. Sobald der letzte Schluss­pfiff ver­klungen ist, wird Andrea Pirlo sich an das Stu­dium der Wein­kunde machen. Metho­disch, grü­belnd und dis­zi­pli­niert. Nur keine Hektik und kein Gewusel.