Seite 2: Der große Graben

Aber wer trägt eigent­lich die Schuld an der ganzen Fehde? 

Das Nar­rativ der Hopp-Seite geht so: Dietmar Hopp ist ein Mann, der sehr viel Geld hat und damit sehr viel Gutes tut. Er hat einen Verein, für den er in den Fünf­zi­ger­jahren selbst gespielt hat, in die Bun­des­liga geführt. Er ist ein Mann des Volkes, der aus dem Fuß­ball kommt“, sagt Schick­hardt. Der letzte rich­tige Fuß­ballfan.“ Schon hier wird deut­lich: Es geht in diesem Kon­flikt auch um die Frage: Wel­chen Fuß­ball meinen wir eigent­lich, wenn wir von Fuß­ball spre­chen? 

Mehr und mehr tut sich in Breyers Film ein großer Graben zwi­schen Par­teien auf. Es ist ein Kul­tur­kampf zwi­schen einer rebel­li­schen, urbanen und auch Grenzen über­schrei­tenden Jugend­kultur auf der einen Seite – und einer sau­beren, ordent­li­chen und viel­leicht auch anti­quierten Fuß­ball­welt aus dem Länd­li­chen auf der anderen Seite. Hier eine kom­plexe und oft auch wider­sprüch­liche Fan­kultur, dort ein Mil­li­ardär, der in seinem Leben mit Sub­kul­turen oder gar Wider­ständen keine Erfah­rung gemacht hat. Und der findet, dass Belei­di­gungen gegen ihn eine ähn­liche Qua­lität haben wie Ras­sismus.

An einer Stelle erzählt Hoeneß eine Geschichte, die das Her­zens­gute in seinem Freund Hopp zeigen soll, die aber den Graben nur noch tiefer macht. Er gehe mit Hopp manchmal Golf spielen, erzählt Hoeneß, und wann immer ein Bub oder ein Mädel“ mit dem Getränke- und Snack­wagen vor­bei­komme, kaufe Hopp stets einen grünen Apfel. Er gebe dem Bub oder dem Mädel“ dann 20 oder 50 Euro Trink­geld. So einen Mann muss man doch lieben, oder?

Sie, Herr Breyer, müssen auch auf­passen, dass Sie Opfer und Täter nicht ver­wech­seln!“

Uli Hoeneß

Das Nar­rativ der Ultras geht so: Im August 2017 setzte der DFB die Kol­lek­tiv­strafen aus. Rein­hard Grindel, damals Prä­si­dent des Ver­bandes, ver­kün­dete: Wir wollen ein Zei­chen setzen, um gemeinsam in den Dialog ein­zu­treten.“ Das bedeu­tete zum Bei­spiel, nach Ver­feh­lungen von Ein­zelnen würden nicht mehr ganze Fan­szenen mit Sta­di­on­ver­boten oder Block­sperren bestraft werden. Im Februar 2020 aber – Grindel war mitt­ler­weile nicht mehr DFB-Prä­si­dent – belegte das DFB-Sport­ge­richt Borussia Dort­mund mit einem Zuschau­er­aus­schluss für zwei Aus­wärts­spiele in Hof­fen­heim.

Der Grund: BVB-Fans hatten in vor­he­rigen Spielen wie­der­holt Dietmar Hopp belei­digt. Die Folge: In den kom­menden Wochen kam es in ver­schie­denen Sta­dien zu Soli­da­ri­täts­ak­tionen anderer Ultras und mas­siver Kritik am DFB, die flan­kiert wurde von Anfein­dungen gegen Hopp. Grindel fasst es zusammen: So was kommt von so was.“ Es war, so sehen es auch viele andere Beob­achter, eine abseh­bare Reak­tion auf die Abschaf­fung der Kol­lek­tiv­strafen, für die zum Bei­spiel Rainer Koch immer wieder plä­diert hatte.

Und so schält sich im Laufe der Doku ein wei­terer Kon­flikt heraus, näm­lich der zwi­schen Grindel und Koch. Grindel spricht dabei ziem­li­chen Klar­text und greift seinen alten Vize stark an. Er behauptet etwa, Koch habe vor­ge­schlagen, ver­deckte Ermittler in die Fan­blöcke zu schleusen, um Video- und Ton­auf­nahmen zu machen. Koch bestreitet das.

Breyer und Kruse erzählen unauf­ge­regt einen auf­ge­regten Fall nach. Sie stellen beiden Seiten die rich­tigen Fragen. Und manchmal zeigen sich die Gefragten ertappt oder reagieren leicht ange­fasst, was kein schlechtes Zei­chen ist. Die Ultras fragt Breyer etwa nach der Wort­wahl Huren­sohn“. Es ist ja nicht nur dif­fa­mie­rend, es ist auch sexis­tisch“, sagt er. Eine Frage, die impli­ziert, dass sich auch eine Kurve hin­ter­fragen sollte. Muss es im Sta­dion ruppig, aggressiv und aso­zial zugehen, weil das eben schon immer so war in einem Sta­dion? Eine befrie­di­gende Ant­wort finden die Ultras nicht.

An einer anderen Stelle wirkt Hoeneß auf­ge­wühlt, weil er merkt, dass der Mann vom ZDF, den er ver­mut­lich auf seiner Seite wähnt, sich auch für die Ultra-Per­spek­tive inter­es­siert und den Kon­flikt kom­pli­ziert“ nennt. Ihr macht es euch zu ein­fach“, zürnt Hoeneß. Ihr wollt immer beide Seiten ver­stehen, aber hier gibt’s nichts zu ver­stehen, denn der Dietmar Hopp hat gar nichts gemacht. Da müssen Sie, Herr Breyer, auch auf­passen, ob Sie nicht Opfer und Täter ver­wech­seln!“

Wenn er errei­chen will, dass es auf­hört, hat er genau das fal­sche gemacht.“

Jan-Henrik Gruszecki

Manchmal stellt man sich vor, wie es wäre, wenn Hopp non­cha­lant auf die ganzen Sprech­chöre und Anfein­dungen reagiert hätte. Wenn er applau­diert hätte. Wenn er ins Publikum gegrüßt hätte. Wenn er gar mit­ge­sungen hätte. Oder sie ein­fach igno­riert hätte. Er wäre ver­mut­lich der coolste Mäzen der Welt. So aber bleibt das Bild eines extrem dünn­häu­tigen Mannes, der in eine ihm fremde Welt vor­ge­drungen ist, in der er die Codes und Beson­der­heiten nicht ver­steht. Der sich wun­dert, dass ihm nicht alle applau­dieren, wie sonst eben. Der auf Fans und Ultras, die ihn anfeinden, mit Anzeigen und Klagen ant­wortet. Einen der Bayern-Ultras, die in Hof­fen­heim gegen Hopp gepö­belt haben, begleiten Breyer und Kruse zu seinem Pro­zess.

Eines ist jeden­falls sicher, die Belei­di­gungen gegen Hopp werden nicht auf­hören. Denn mit seinen Reak­tionen wird er ähn­lich erfolg­reich sein wie ein schwä­bi­scher Haus­be­sitzer, der an die Fas­sade seiner Kreuz­berger Immo­bilie ein Schild gehängt hat: Graf­fiti ver­boten! Gez.: der Besitzer“. Hopps und Schick­hardts Law-and-Order-Taktik wird immer neue Atta­cken nach sich ziehen. Jan-Henrik Grus­zecki, der ehe­ma­lige BVB-Ultra und heu­tige Berater von Hans-Joa­chim Watzke, fasst es an einer Stelle gut zusammen: Wenn Hopp errei­chen will, dass es auf­hört, hat er genau das fal­sche gemacht.“

Die Doku­men­ta­tion Der Pro­zess“ läuft am Samstag, den 27. März 2021 um 23:30 Uhr im ZDF.