Alles, was ich über Moral und Ver­pflich­tungen weiß, ver­danke ich dem Fuß­ball“, hat Albert Camus einmal bekannt. Im Algier der späten 1920er Jahre, wo er im Armen­viertel Bel­court auf­wuchs, spielte der spä­tere Lite­ratur-Nobel­preis­träger lei­den­schaft­lich Fuß­ball und stand im Tor. Jahre nach seinem Unfalltod 1960 schrieb ihm sein Jugend­freund Abel Paul Pitous, wie er 1913 geboren, einen Brief, in dem er auch die gemein­same Fuß­ball­zeit nach­zeichnet: Dein Name ist für mich ein Koffer voller Fuß­bal­ler­in­ne­rungen.“ Hier ein Auszug. Der voll­stän­dige Brief ist als Buch im Arche Lite­ratur Verlag erschienen.

Als Junge träumte ich davon, zu jenen zu gehören, die bei der Eröff­nungs­feier als Erste die fünf­zehn- bis zwan­zig­tau­send Men­schen zum Jubeln bringen würden, weil sie die Ehre hätten, mein“ Sta­dion ein­zu­weihen … ja, ich hegte die Hoff­nung, in der alge­ri­schen Aus­wahl mit­zu­spielen, die zur Eröff­nung gegen eine große fran­zö­si­sche oder aus­län­di­sche Mann­schaft antreten würde!

Warum auch nicht? Hatte mich nicht die große Mann­schaft von Gallia, die alge­ri­scher Meister war, auf ihre wun­der­bare Reise zum Spiel in Tune­sien mit­ge­nommen? Und gaben meine Leis­tungen, obwohl ich erst sech­zehn­ein­halb war, mir nicht auch ein biss­chen das Recht zu träumen?

Du wuss­test das. Und Du wuss­test auch, dass ich am Tag des großen Fuß­ball­festes traurig in den Rängen sitzen würde, obwohl die Orga­ni­sa­toren eine berühmte Mann­schaft dazu ein­ge­laden hatten: Die Wiener Admira, einer der besten Ver­eine Öster­reichs, glaube ich, sollte gegen eine alge­ri­sche Aus­wahl antreten.

Und ich hatte seit Monaten, ich weiß nicht mehr, wie vielen, keinen Platz mehr betreten und keinen Ball mehr berührt. Die­selbe Krank­heit wie bei Dir hatte aus mir dem Fuß­ball­ver­rückten“, einen ziem­lich ruhigen kleinen Mann gemacht, der kaum wie­der­zu­er­kennen war.

Und den­noch … Zur Eröff­nung, vor dem großen Match, gab es noch ein ver­spä­tetes Tabel­len­spiel zwi­schen Racing Uni­ver­si­taire Algé­rois und der Schü­ler­mann­schaft von El-Biar N.S.C.E.B. Die Ferien hatten gerade begonnen, und RUA ver­fügte nicht über seine volle Mann­schafts­stärke. Ein paar Minuten vor dem Anpfiff saßen Geor­geot, Du und ich auf der Tri­büne als einer der Oberen Dich ent­deckte und auf­ge­regt zu Dir hin­stürzte: Uns fehlt noch ein Spieler, Camus, schnell, du musst jemanden orga­ni­sieren, der im Mit­tel­feld oder im Angriff spielen kann!“

Du hast keine Sekunde gezö­gert, Dich zwi­schen Geor­geot, der noch für Gallia qua­li­fi­ziert war, und mir, dem Rekon­va­les­zenten, zu ent­scheiden. Hier sitzt er“, sag­test Du zu ihm, dein Mit­tel­feld oder Sturm, Popaul von Gallia. Er hat seit einem Jahr nicht mehr gespielt, sie werden nicht kon­trol­lieren, ob er sich qua­li­fi­ziert hat; er ist noch ein biss­chen schwach und hält bestimmt nicht beide Halb­zeiten durch, aber ich bin mir sicher, dass sein kleines Vier­tel­stünd­chen El-Biar den Rest geben wird … Besorg ihm gute Schuhe!“

Die beiden Teams liefen auf das Spiel­feld. Bevor die Partie begann, tauschten sie ein paar Pässe aus, schossen aufs Tor, wärmten sich auf, Ich sah sie nicht; ich fühlte mich erdrückt von den Men­schen­massen, die die Tri­bünen gestürmt hatten und sich auf den über­dachten Plätzen in der Kurve ballten“ … erdrückt vom Ausmaß dieses rie­sigen Sta­dions, in dem ich mit meinen sechzig Kilo und ein Meter sechzig unter­ging … erdrückt von der Befürch­tung, dass meine Beine noch zu schwer wären und meine Atmung zu schwach … dass ich zu lange untätig gewesen war und meine Kräfte zu lange geschont hatte … besorgt, ob ich den rich­tigen Moment finden würde, sie ein­zu­setzen, aus mir her­aus­zu­gehen und zu gewinnen … ja, zu gewinnen und mich bei Dir zu bedanken.

Dann der Anpfiff. In der ersten Halb­zeit war ich Sta­tist“ und nahm nur ein paar Bälle an, die mir zuge­spielt wurden … In der Pause blieb ich auf dem Spiel­feld sitzen, den Rücken wie aus Scham oder alter Gewohn­heit an einen Tor­pfosten gelehnt, wie ich es früher immer gemacht hatte, um über die beste Taktik für den Rest des Spiels nach­zu­denken.

Zwanzig Minuten vor Schluss stand es immer noch null zu null. Es war höchste Zeit anzu­greifen. Ich spielte auf Ball­be­sitz, ließ ein paar Gegner aus­steigen, und plötz­lich konn­test Du nicht mehr an Dich halten, Albert, und wur­dest zum Anführer der Fan­cho­räle.

Sieben, acht Minuten lang gab es unter unserem Ansturm einen Eck­ball nach dem anderen, und dann … Ich hatte mich etwas zurück­ge­zogen an der Seite plat­ziert, unauf­fällig und leicht in der Hocke stand ich dort, gute dreißig Meter vom Tor ent­fernt, ganz allein, und lau­erte auf einen güns­tigen Ball aus der geg­ne­ri­schen Abwehr. Guillem – der Kapitän von El Bar, glaube ich – gab einen Eck­ball von rechts per Kopf zurück, genau in meine Rich­tung. Ohne zu zögern, rannte ich ihm ent­gegen, nahm ihn, bevor er auf­sprang, mit dem linken Fuß volley und schoss am Pfosten vorbei in die rechte Ecke. Der Tor­wart, dem Spieler beider Mann­schaften die Sicht ver­sperrten, hatte nicht einmal den Ansatz einer Bewe­gung gemacht. Das war der Sieg­treffer! Das aller­erste Tor in meinem Sta­dion“! Und ich war der Schütze!

Danke, Albert. Danke, dass Du mir diese Rie­sen­freude geschenkt hast, als ich mir vom Fuß­ball schon nichts mehr erwartet hatte. Es war ein Risiko für RUA, mich unter einer fal­schen Lizenz spielen zu lassen, aber Du woll­test mir die Mög­lich­keit geben, meinen Traum zu ver­wirk­li­chen …Ich sehe Dich noch auf der Tri­büne die Arme hoch­reißen; Dein Stolz und Deine Freund­schaft haben mich getragen!

Du warst so glück­lich, als hät­test Du von Deinem Platz aus das Match diri­giert, mir im besten Moment das Zei­chen zu meinem Ein­satz gegeben und mir die rich­tige Ecke des Tores gewiesen … Danke! Und ver­zeih, ich wusste nicht, was Du ange­sichts der Tren­nung Deiner lite­ra­ri­schen von Deiner sport­li­chen Tätig­keit für den Heb­do­mad­aire du RUA geschrieben hast: Denn genau dafür habe ich schließ­lich meine Mann­schaft so geliebt: nicht nur wegen des Sie­ges­tau­mels, der umso herr­li­cher ist, wenn man die Erschöp­fung nach der ganzen Anstren­gung spürt, son­dern auch wegen dieser Abende nach einer Nie­der­lage, wenn einem zu Heulen zumute war …“

Bei all unseren Begeg­nungen, bei denen wir gegen­ein­ander kämpften, war Dir wohl öfter zum Heulen zumute … Einmal warst Du so bril­lant, dass es uns, anders als sonst, nicht gelang, Deine Abwehr zu durch­bre­chen und den Ball zu ver­senken. Dann kam die Wende: Einer Deiner Ver­tei­diger beging im Straf­raum ein Foul und bekam vom Schieds­richter die gerechte Strafe. Das war der schick­sal­hafte Elf­meter.

Wir standen ein­ander gegen­über, denn in meiner Mann­schaft war ich in sol­chen Fällen der Aus­füh­rende. Ein unglei­cher Kampf! Du hat­test dieses über sieben Meter lange und für Deine noch ziem­lich kurzen Beine viel zu hohe Tor gegen Dich: und dann nur diese elf Yards, die unmensch­liche“ Distanz von zehn Meter fünfzig zwi­schen Dir und der Elf­me­ter­marke.

Aber Du hat­test einen Vor­teil und zeig­test Deine Freude dar­über mit tau­sen­derlei Faxen: Du wuss­test genau, wie ich den Straf­stoß aus­führen würde, der jedes Mal rein­ging“. Ich hatte ihn von Aprile, genannt Coco, dem Mit­tel­läufer von Stade Algé­rois, der ihn erfunden hatte: Ent­gegen der Erwar­tung des Tor­warts schlenzt man den Ball ohne Schwung, ganz harmlos, mit dem Innen­rist des rechten Fußes flach über den Rasen ganz nah am Pfosten vorbei in die linke Ecke.

Die Schieds­richter ließen einem Tor­wart damals jede Frei­heit, sich in seinem Kasten zu bewegen, und Du hast das weid­lich aus­ge­nutzt. Ich war sehr nervös, zumal Du auch noch eine haar­sträu­bende Pan­to­mime hin­leg­test. Also beschloss ich, die Taktik zu wech­seln. Ich nahm zwei Meter Anlauf, trat den Ball kraft­voll an und don­nerte Dir eine Kanone“ auf halbe Höhe und mit ordent­lich Abstand zu Deiner Rechten ins Tor.

Trotz Deiner Über­ra­schung hast Du Dich ent­spannt wie eine Feder und es geschafft, den Ball zu fangen … aber die Wucht des Schusses brachte Deine fünfzig Kilo, die Du um den Ball gewi­ckelt“ hat­test, aus dem Gleich­ge­wicht, so dass Du mit­samt dem Ball ins Tor flogst, wo Du ein paar Sekunden geschlagen liegen bliebst; dann sprangst Du auf, mit Tränen in den Augen ob dieses Schick­sals­schlags, warfst Deine Mütze auf den Boden, schriest mir deine Wut ins Gesicht und nann­test mich einen Feig­ling“… Ja, heute ver­stehe ich besser, wie sehr einem nach Nie­der­lagen zum Heulen zumute ist, und ich bedaure es, dass das Gesetz“ des Wett­be­werbs sich von der Freund­schaft unbe­ein­druckt zeigt.