Seite 2: Einzigartige Titelsammlung

Viel typi­scher für del Bosque als diese Ent­glei­sung war aber das, was in den nächsten Sekunden pas­sierte. Wäh­rend die Ham­burger ges­ti­ku­lierten, die Spa­nier zur Rudel­bil­dung eilten und der Schieds­richter auf ihn zuschritt, blieb del Bosque nahezu regungslos am Tatort stehen. Er sagte kein Wort, als der Unpar­tei­ische ihm die Rote Karte zeigte, son­dern machte sich sogleich auf den Weg in die Kabine. Nach sechs Schritten kam er an Keegan vorbei und streckte noch immer wortlos die rechte Hand aus. Der Eng­länder schüt­telte sie und tät­schelte del Bosque auf­mun­ternd den Kopf.

Selbst im Moment einer schmerz­haften Nie­der­lage, zumal einer per­sön­li­chen, Größe zu zeigen, das zeich­nete del Bosque später auch als Trainer aus. Doch wie so viele seiner anderen Qua­li­täten – sein aus­glei­chendes Wesen oder seine Boden­stän­dig­keit – wurde ihm das oft zum Nach­teil aus­ge­legt. Anders gesagt, man unter­schätzte del Bosque gerne. Noch im Februar 2000 schrieb der Stern“ über ihn: Auch mit Kra­watte und königs­blauem Sakko sieht er hemds­är­melig aus.“ Das war nicht böse gemeint, nährte aber das Image vom etwas alt­mo­di­schen Groß­va­tertyp, der einen Kader voller Super­stars eher mode­rierte als trai­nierte.

Kein Patent auf die allei­nige Wahr­heit“

Wie falsch dieses Image war, zeigte sich am 24. Juni 2003. Es war der Tag, an dem Flo­ren­tino Pérez sich ent­schloss, den Vetrag von del Bosque nicht zu ver­län­gern. Der Trainer hatte zwar in nur vier Jahren zweimal die Cham­pions League, den Welt­pokal und zwei Meis­ter­schaften gewonnen, aber er war dem extra­va­ganten Prä­si­denten ein­fach nicht gla­mourös genug. Noch kurz bevor man ihm trotz aller Titel einen neuen Ver­trag ver­wei­gerte, sagte del Bosque einem Reporter: Dies ist ein Geschäft, und ich bin nur ein Ange­stellter.“ Das stimmte natür­lich, aber die Ära der Super­trainer – der Spe­cial Ones – hatte begonnen, und da gehörte Klap­pern zum Hand­werk.

Schnell stellte sich heraus, dass del Bos­ques Weis­heiten – wie Spieler und Söhne ver­stehen nichts, wenn man sie anbrüllt“ oder Ich habe kein Patent auf die allei­nige Wahr­heit“ – genau das gewesen waren: weise. Ohne ihn auf der Trai­ner­bank waren Los Galác­ticos plötz­lich sehr irdisch. Nach drei Jahren ohne Titel musste Pérez im Februar 2006 sogar zurück­treten. Del Bosque hoffte ver­mut­lich, dass der Weg zurück zu seinem Her­zens­klub nun frei war, doch nie­mand fragte ihn. Statt­dessen über­nahm er 2008 die Natio­nalelf – und wurde Welt­meister sowie Euro­pa­meister.

Als del Bosque 2017 von der Deut­schen Aka­demie für Fuß­ball-Kultur mit dem Walther-Ben­se­mann-Preis aus­ge­zeichnet wurde, hielt Kicker“-Herausgeber Rainer Holz­schuh die Lau­datio. Er erwähnte, dass er mit Günter Netzer über den Preis­träger gespro­chen hätte. Netzer kennt del Bosque per­sön­lich, weil er mit ihm bei Real Madrid gespielt hat. Er sagte zu Holz­schuh: Bei keinem Trainer habe ich mich so über Erfolge gefreut wie bei del Bosque.“ Man kann also davon aus­gehen, dass Netzer über die Jahre extrem viel Freude gehabt hat, schließ­lich ist del Bosque der ein­zige Trainer in der Geschichte des Spiels, der die beiden höchsten Tro­phäen des Ver­eins­fuß­balls ebenso gewonnen hat wie die zwei bedeu­tendsten Titel auf Län­der­ebene. Wenn ihm das einer an Weih­nachten 1999 pro­phe­zeit hätte …