Seite 3: Das autorisierte Interview mit Martin Kind

Die meisten Texte im Töd­li­chen Pass“ waren Essays, Rezen­sionen, Glossen, Kolumnen. Hätten Sie sich gerne mal kri­tisch mit einem soge­nannten Fuß­ball­star unter­halten?
Ich hätte mich gerne mit Peter Handke getroffen. Der ist nicht unbe­dingt Fuß­ballfan, aber in seinem Werk spielt Fuß­ball manchmal eine Rolle.

Hätte nicht jemand wie der argen­ti­ni­sche Ex-Profi Jorge Valdano gut ins Heft gepasst? Er ist Buch­autor und gibt Erzäh­lungen heraus. Kaum jemand schreibt so poe­tisch über Fuß­ball wie er.
Klar. Aber wir hatten nie die jour­na­lis­ti­sche Rele­vanz, um über­haupt solche Anfragen stellen zu können. Einmal bekam aller­dings unser Lay­outer Tim Oehler die Mög­lich­keit, Martin Kind zu inter­viewen. Es war ein wirk­lich tolles Gespräch, offen und ehr­lich, auch Pri­vates kam zur Sprache. Wir schickten es der Medi­en­ab­tei­lung von Han­nover 96 zur Auto­ri­sie­rung zu — und bekamen ein ganz anderes Inter­view zurück. Nun las es sich stink­normal, wie jedes andere Inter­view mit einem Fuß­ball­funk­tionär. Wir haben es trotzdem abge­druckt, mit einem Kom­mentar, in dem wir die Ent­ste­hungs­ge­schichte erklärt haben.

Ich fand diese über­mä­ßige Abnei­gung des Geg­ners oft befremd­lich“

Wie stand der Töd­liche Pass“ eigent­lich zu Fuß­ball­fans?
Ich war und bin kein regel­mä­ßiger Sta­di­on­be­su­cher, was an meinen Eltern liegt, die mich als Kind von Frank­furt nach Ober­bayern ver­schleppt haben. Dort war die große Frage: Bayern oder Glad­bach? Ich sagte: Ein­tracht! Heute lebe ich in Mün­chen, und wenn Frank­furt früher in Unter­ha­ching gespielt hat, bin ich gerne hin­ge­gangen. Dort war alles sehr klein und fami­liär, und ich konnte Thorsten Legat so lange von der Seite zurufen, dass sie mehr über außen spielen sollen, bis er genervt zu mir geschaut hat.

Fast zeit­gleich mit dem Töd­li­chen Pass“ kamen die Ultras in Deutsch­land auf — und for­mu­lierten eine ähn­liche Kritik wie Sie.
Aller­dings fand ich diese über­mä­ßige Abnei­gung des Geg­ners oft befremd­lich. Fans, die andere Fans anspu­cken, weil sie einen anderen Schal haben. Oder die Gewalt. Das ist mir voll­kommen unver­ständ­lich. Ande­rer­seits, die far­ben­frohen Cho­reo­gra­fien der Frank­furter Ultras im Euro­pa­pokal fand ich beein­dru­ckend. Und es stimmt, in einigen Punkten sind wir uns gar nicht so fern. Die Kritik der Ultras an der Kom­mer­zia­li­sie­rung oder den Ver­bänden haben wir stets wohl­wol­lend ver­folgt.

Ist also ein rich­tiger Fuß­ball im fal­schen mög­lich?
Es gibt ja nicht nur den einen Fuß­ball. Ich finde etwa den AFC Wim­bledon auch span­nend, ein Verein, der von Fans gegründet wurde, nachdem ihr alter Verein in eine Retor­ten­stadt ver­legt wurde. Trotzdem dürfen wir uns keine Illu­sionen machen: Die Ultras, die Fans aus Wim­bledon, der Töd­liche Pass“ — wir alle sind oder waren Teil der Show und des Geschäfts. Aber das ist okay, solange wir kri­tisch darauf schauen und etwas abseits stehen.

Stefan Erhardt, sind Sie ein Fuß­ball­ro­man­tiker?
Ich mag den alten Fuß­ball und denke gerne an tolle Ein­tracht-Spieler wie Jürgen Gra­bowski, Uwe Bein oder Jay-Jay Okocha. Aber ich gucke mir auch heute Fuß­ball an. Momentan inter­es­siert mich die Psy­cho­logie des Zusam­men­spiels. Wie hat sich etwa die Ein­tracht-Mann­schaft ver­än­dert, seit Luka Jovic wieder da ist? Filip Kostic hat die Rück­kehr offenbar sehr beflü­gelt. Ich glaube, eine Män­ner­freund­schaft im Fuß­ball ist viel wich­tiger, als wir bis­lang ange­nommen haben.