Seite 2: "Ich habe sie kennengelernt und sie durch eine sehr herausfordernde Zeit begleitet"

Sie sind im Januar von Rosen­borg Trond­heim zum FC St. Pauli gewech­selt. Wer könnte Ihr gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment in Trond­heim über­nehmen?
Per (Skjelbred, d. Red.) ist einer, der Ver­ant­wor­tung über­nimmt. Ich setze auch ganz viele Hoff­nungen auf Markus Hen­riksen, den neuen Kapitän. Rosen­borg ist immer ein Verein mit starken Werten gewesen und es ist wichtig, dass sie ihr Enga­ge­ment neben dem Feld fort­setzen. Diese Werte müssen Tag für Tag gelebt und nicht nur schön auf Wer­be­pos­ters gemalt werden. Rosen­borg ist der größte Klub Nor­we­gens und ich hoffe sehr, dass ihnen wei­terhin die dazu­ge­hö­rige gesell­schaft­liche Ver­ant­wor­tung bewusst bleibt.

Tore Regi­ni­ussen, 2019 haben Sie in der Lokal­zei­tung Adres­se­a­visen in Trond­heim einen Bei­trag gegen die Abschie­bung der Familie Abbasi geschrieben. Wie kam es dazu?
Die Bür­ger­initia­tive, die um das Schicksal der Familie gekämpft hat, hat mich kon­tak­tiert. Sie hat ein Hilfs­kon­zert für die Abbasis ver­an­staltet und ich bin dahin gegangen. Dadurch bin in Kon­takt mit der Familie gekommen, um ihre Situa­tion besser zu ver­stehen. Ich habe sie ken­nen­ge­lernt und sie durch eine sehr her­aus­for­dernde Zeit begleitet. Das hat sowohl bei mir als auch bei ihnen tiefe Spuren hin­ter­lassen. Am Ende wurde die Mutter nach Afgha­ni­stan geschickt, aber die drei Kinder durften in Nor­wegen bleiben. Die Art und Weise, wie sie behan­delt wurden, hätte jeden Men­schen zer­bre­chen lassen können. Heute habe ich immer noch Kon­takt mit dem 18-jäh­rigen Ehsan. Ich habe ihm ein St.-Pauli-Trikot für seine Samm­lung ver­spro­chen.

Mit Ihrem gesell­schaft­li­chen Enga­ge­ment war es kein Zufall, dass Sie beim FC St. Pauli gelandet sind, oder?
Das Leben ist voller Zufälle, es war auch nicht das ein­zige Angebot, das auf dem Tisch lag. St. Pauli hatte eine schlechte Hin­runde gespielt und brauchte neue Spieler – egal ob 25 oder 35 Jahre alt – so lange man die erwünschte Erfah­rung und Qua­lität vor­weisen könnte, kam man in Frage. Ich habe länger hin und her über­legt, ob ich mitten in einer Pan­demie ins Aus­land ziehen wollte, habe aber gedacht: Gut, zuerst ist es nur ein halbes Jahr, ich pro­biere es ein­fach.“ Zudem hatte ich viel Fas­zi­nie­rendes über den Verein gehört und ich wusste, dass er zu mir passen würde, sowohl auf als auch neben dem Platz.

Haben Sie den Fuß­ball in Deutsch­land länger ver­folgt?
Ja, ein biss­chen. Nun spielt aber St. Pauli in der zweiten Liga, es war also nicht immer so ein­fach, den Klub aus Nor­wegen heraus zu ver­folgen. Es ist der Ruf als Kult­klub, der mich fas­zi­niert hat. Vor zehn Jahren, als ich bei Schalke spielte, haben wir im Winter vor 25.000 Zuschauern ein Test­spiel gegen St. Pauli gespielt. Die Erin­ne­rung ist in meinem Kopf hängen geblieben, zumal ich vom Akti­vismus im und rund um den Verein wusste. Ich wusste vom Ein­satz gegen Hass und Dis­kri­mi­nie­rung und dem Enga­ge­ment in wich­tigen Debatten. St. Pauli ist ja nicht der schickste Teil von Ham­burg, aber das Inter­esse rund um den Verein ist sehr beson­ders. Ich hoffe sehr, dass ich auch mal im vollen Mil­l­erntor-Sta­dion spielen darf.

Tore Regi­ni­ussen, 35

kam 1986 in Alta im nörd­li­chen Nor­wegen zur Welt. Seine Leis­tungen für Tromsø IL weckten auch inter­na­tio­nales Inter­esse: 2010 holte ihn Schalke 04 ins Ruhr­ge­biet. Nach eher ent­täu­schenden Jahren im Aus­land kehrte er 2012 nach Nor­wegen zum Rekord­meister Rosen­borg Trond­heim zurück, ehe er im Winter 2021 zum FC St. Pauli wech­selte.

Am Anfang haben Sie nur begrenzte Ein­satz­zeit bekommen und wurden nur ein­gwech­selt, um Füh­rungen zu ver­tei­digen. Mit der Zeit haben Sie aber einige Spiele von Beginn an spielen dürfen. Wie fühlen Sie sich bei St. Pauli?
Ich fühle mich hier sehr wohl. Sie wissen wofür ich stehe, wel­cher Typ ich bin und dass mein Enga­ge­ment auch neben dem Platz sehr stark ist.

Während des Gesprächs wird Tore Regi­ni­ussen von Tom Høgli, Tromsøs Beauf­tragtenr Gesell­schaft und Nach­hal­tig­keit, ange­rufen.

Woher kommt es, dass Sie sich so sehr enga­gieren? Hat Tom Høgli sie beein­flusst?
(Lacht.) Viele Werte habe ich von zu Hause mit­ge­nommen, meine Eltern haben sich in der Lokal­po­litik enga­giert. Mein Vater war lange Vor­sit­zender der Arbei­ter­partei in Alta (Regi­ni­us­sens Hei­mat­stadt im Norden von Nor­wegen, d. Red.) und meine Mutter hat als Pfle­ge­kraft für Flücht­linge dort gear­beitet. Sie haben einiges erlebt und ihre Geschichten haben mich bestimmt geprägt.

In zwei Jahren sind Lokal­wahlen in Trond­heim. Dann können Sie dort Bürger­meister werden.
(Lacht.) Per­fektes Timing! Tom Høgli und ich haben viel dar­über geredet. Aber ich weiß nicht, ob das etwas für mich ist. Ich glaube, es werden zu viele (Über­legt.)

…Enttäuschungen?
Ja, und zu viel Büro­kratie. Mein Enga­ge­ment ist vor­handen, aber ich bin etwas zu unge­duldig. Ich möchte, dass Dinge sich sofort ändern, aber so funk­tio­niert es nicht in der Politik, glaube ich.

Könnten Sie sich nach Ihrer Kar­riere eine Rolle bei Rosen­borg vor­stellen?
Nach meinem Kar­rie­re­ende brauche ich zuerst ein paar Jahre außer­halb des Fuß­balls. Als aller­erstes werde ich meine Aus­bil­dung zum Phy­sio­the­ra­peuten abschließen. Danach käme eine ähn­liche gesell­schaft­liche Rolle in Frage wie sie Tom Høgli in Tromsø inne hat. Aktuell finde ich das Enga­ge­ment rund um den Fuß­ball sehr inter­es­sant. Wenn man sich mit der Fifa und der Ver­gabe der letzten WM-Tur­niere an etwa Russ­land oder Katar tiefer aus­ein­an­der­setzt, findet man sehr viel Dreck unter den Fin­ger­nä­geln. Das ist ein harter und unan­ge­nehmer Kampf, aber einer muss ihn auf­nehmen.